Von der höfischen Spielstätte zum Bürgertheater

Das Markgrafentheater Erlangen, ein ­architektonisches Kleinod, feiert eine 300 Jahre alte und bewegte ­Bühnengeschichte

Von der höfischen Spielstätte zum Bürgertheater

 Es will etwas heißen, im an historischen Bühnen reichen Süddeutschland die älteste noch ständig bespielte Barockbühne in den eigenen Mauern zu wissen. Die Universitätsstadt Erlangen kann das von sich sagen, und da das nun schon seit 300 Jahren so ist, wird man das im Jubiläumsjahr 2019 auch gebührend begehen. Das Markgrafentheater darf als typisches Beispiel gelten für die Entwicklung von einer dem höfischen Publikum vorbehaltenen Spielstätte zu einem veritablen Bürgertheater. Seit das Theater 1838 in den Besitz der Stadt gekommen ist, hat es manche Wandlungen erfahren, darf aber heute von sich behaupten, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein und heißt deshalb konsequenterweise auch nur noch Theater Erlangen. Bis dahin war es ein weiter Weg, begleitet von allerlei Nöten, Einschnitten, Rückschlägen und Risiken. Die Geschichte des Theaters sei hier in Anlehnung an die Ausführungen Susanne Zieglers im Jubiläumsbuch „300 Jahre Theater Erlangen“ dargestellt.

Der Anfang des Erlanger Theaters ähnelt ein wenig den Zeitumständen des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth, denn auch dort gab – wie zuvor in Erlangen – die Theaterbegeisterung einer gräflichen Gattin entscheidende Impulse. So wie später Wilhelmine von Bayreuth, so war auch die Gattin Sophia des Markgrafen Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth eine entschiedene Förderin der Künste. Als das „Hochfürstliche Opern- und Komödienhaus“ errichtet war und am 10. Januar 1719 mit der Aufführung der Oper „Argenis und Poliarchus“ eröffnet worden war, blieb es natürlich zunächst für das höfische Publikum reserviert, während die einfache Bürgerschaft mit den in den Gaststätten auftretenden Wandertruppen vorliebnehmen musste.

Die Erlanger Theatergeschichte schlug nur wenige Jahrzehnte später ein neues Kapitel auf, als die mit Friedrich III. verheiratete, künstlerisch sehr interessierte und begabte Markgräfin Wilhelmine den venezianischen Theatermaler und –architekten Paolo Gasparini engagierte, um den modernen Zeitgeist des Rokoko im Theater zu etablieren. In nur einem Jahr wurden seine Pläne umgesetzt und der Innenraum so umgestaltet, wie man ihn heute kennt: Der Baldachin mit den beiden weiblichen Hermen rahmt die fürstliche Mittelloge ein, ionische Pilaster und plastische Engelsköpfchen dekorieren die Proszeniumslogen. Die sparsamen architektonischen und plastischen Eingriffe lenken den Fokus vor allem auf die blau-gelb-goldene Farbgebung. Insgesamt wirkt der Zuschauerraum eher bescheiden, das Markgrafenpaar tritt mehr als Liebhaber der Kunst denn als fürstliche Herrschaft in Erscheinung.

1744 konnte das „berühmte neue Theatro“ mit dem Singspiel „Sirace“ neu eröffnet werden. Wilhelmine dirigierte selbst und inszenierte viele der Aufführungen. Für die Erlanger Bürgerschaft öffneten sich die Tore des Theaters erst nach dem Tode Wilhelmines und zu Lebzeiten der zweiten Ehefrau Friedrichs, Sophie Caroline. Sie frönte ihrem Faible für Mozart, ermöglichte aber auch Gastspiele mit zeitgenössischer Dramatik wie etwa Lessings „Minna von Barnhelm“ oder, nur ein Jahr nach dessen Uraufführung in Mannheim, 1783 Schillers „Die Räuber“.

Mit dem Ende der Markgrafenzeit fiel das Theater an das Königreich Bayern. Ludwig I. vermachte es 1818 neben anderen Gebäuden der Universität. Diesem „königlichen Universitätsspielhaus“ war jedoch kein Erfolg beschieden. Immer wieder fehlte es an Geld für dringend nötige Bühnenausstattungen, oft war es bitterkalt im Zuschauerraum. Da das Publikum folglich ausblieb, verkaufte die Universität das Theater 1838 an die Stadt, die dann das als „Erlanger Stadttheater“ bezeichnete Haus mit Daniel Francois Esprit Aubers Oper „Die Stumme von Portici“ wiedereröffnete. Regionale Theatergesellschaften aus Nürnberg, Würzburg und Bamberg sowie die Hoftheater aus Darmstadt, Gera und München bespielten fortan das Haus. Doch das entpuppte sich als Verlustgeschäft, standen die Besucher doch nicht gerade Schlange – und die üppige Pacht für die Nutzung des Hauses tat ein Übriges, um die Künstler und Veranstalter nicht allzu lange in der Stadt zu halten.

Der 1876 gegründete „Gemeinnützige Theater- und Konzertverein Erlangen“ (heute: „gVe“) brachte die Wende. Im Auftrag der Stadt wurde der gVe Betreiber des Theaters und sorgte dank seiner tatkräftigen Mitglieder für den Gastspieleinkauf und dringend notwendige bauliche Veränderungen. Nun ging es aufwärts: Mit einer neuen Bestuhlung, Gasbeleuchtung, Dampfheizung, dem Bau eines Dekorationshauses, der Tieferlegung des Orchesters sowie der Erhöhung des Daches für neue Züge wurde das Theater modernisiert. Selbst große Opern wie „Die Meistersinger von Nürnberg“ (zum 25-jährigen Bestehen des Vereins 1901) konnten nun realisiert werden. Die Stadttheater Nürnbergs und Bambergs sowie das „Intime Theater Nürnberg“ gaben sich die Klinke in die Hand, und die eingeführten Abonnements fanden immer mehr Zuspruch.

Auch die Stadt leistete nun (nach dem ersten Weltkrieg) ihren Beitrag durch die Bezuschussung und das Vorhalten eines spielfertigen Hauses. Dadurch wandelte sich das Theater zum echten Bürgertheater, denn feste Angestellte gab es damals noch nicht: Der gVe-Schatzmeister saß an der Theaterkasse, in der Beleuchterloge ein Abgesandter des Elektrizitätswerkes, an den Zügen die Erlanger Zimmermeister, und Soldaten der Garnison traten als Statisten auf. In den 1920er- und 1930er-Jahren waren auch große Bühnen in Erlangen zu sehen, die Staatsoper Berlin beispielsweise oder das Große Schauspielhaus Berlin.

Während der NS-Zeit wurde der gVe 1934 zunächst in die „Deutsche Bühne, Ortsgruppe Erlangen“ umbenannt, ab 1936 in „Nationalsozialistische Kulturgemeinde, Ortsverband Erlangen“. 1937 löste sich der Verein auf, und die Programmatik des Theaters wurde in die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ überführt. Nur sechs Monate nach Kriegsende erfolgte die Wiedergründung, und die Stadt übergab das Theater erneut an den gVe. Dieser verpachtete das nun erstmals „Markgrafentheater“ genannte Haus an die Theaterunternehmer Albert Doerner und Elly Probst. Es herrschte damals Aufbruchstimmung: Der Urfaust, „Elektra“, „Hamlet“ und viele andere Produktionen wurden vom ersten eigenen Erlanger Ensemble in Szene gesetzt. Leider machte 1948 die Währungsreform dem umtriebigen Team den Garaus, und der gVe setzte den Spielbetrieb wieder in Eigenregie mit Gastspielen aus Nürnberg und der großen Münchner Bühnen fort. Auch die „Erlanger Volksbühne“ bestritt ab 1954 wieder Vorstellungen.

Wegen Baufälligkeit stand das Theater 1956 plötzlich vor dem Abgrund und musste den Spielbetrieb einstellen. Der Stadtrat entschied sich für eine Generalsanierung unter teilweiser Erhaltung des wertvollen Zuschauerraums. Das Vorderhaus mit Foyer, Gängen und Garderobe wurde dabei komplett im Stile der 1950er-Jahre gestaltet und der Innenraum behutsam instand gesetzt. Der heutige Garderobentrakt entstand aus dem ehemaligen Kulissenhaus, und die Bühnentechnik erfuhr eine Modernisierung. Am 4. Januar 1960 war es endlich so weit: Die „Compagnia d’Opera Italiana di Milano“ eröffnete das neugestaltete Markgrafentheater mit Verdis „La Traviata“. In den folgenden 30 Jahren leitete abermals der gVe die Geschicke des Theaters und holte renommierte Gastspiele aus dem In- und Ausland nach Erlangen.

1974 entstand als Gegenpol zum konservativ geprägten Markgrafentheater aus der Studentenbewegung heraus das „Theater in der Garage“ unter dem Leiter Manfred Neu. Die Arbeit der unkonventionellen Theatermacher erregte auch überregional Aufsehen, polarisierte jedoch in Erlangen sehr. Ab 1989 übernahm Andreas Hänsel das Ruder und erkämpfte sich über die Jahre eine gute Zusammenarbeit mit dem gVe, der bis dato noch maßgeblich den Spielplan des Markgrafentheaters bestimmt hatte. Erstmals wurden jetzt Inszenierungen des Erlanger Ensembles gezeigt, und in der Folge entstand das „Erlanger Modell“: Gastspiele, Eigenproduktionen und Stücke freier Gruppen sollten unter der Marke des „Theater Erlangen“ vereint werden. Künstlerisch gewann das Theater durch Hänsel an Profil, doch die Diskussionen um die Existenzberechtigung eines eigenen Ensembles rissen nicht ab.

Während erneut notwendig gewordener Renovierungsarbeiten (ab 1999) löste Hartmut Henne den Intendanten Hänsel ab, startete verheißungsvoll in seine Amtszeit, starb jedoch 2001 völlig unerwartet mitten in den Vorbereitungen für seine dritte Saison. Nach der Interimsleitung durch den Dramaturgen Johannes Blum übernahm als erste Frau in der Geschichte des Theaters die Erlangerin Sabina Dhein die Intendanz. Sie bot schon in der zweiten Spielzeit mit dem Stück „Die Wölfe“ eine skandal-
trächtige Inszenierung und sorgte in der Folge für zahlreiche Uraufführungen und Auftragsarbeiten, so den „Wilhelmine-Code“ zum 300-jährigen Geburtstag der Markgräfin und das Musiktheaterprojekt „Erlangen“ mit der Beteiligung von vielen Bürgern.

Nach dem Wechsel Sabina Dheins ans Hamburger Thalia-Theater wurde die Regisseurin Katja Ott ihre Nachfolgerin. Sie wandelte den bis dato üblichen En-suite-Spielbetrieb in einen modernen Repertoirebetrieb um, baute das Kinder- und Jugendtheater aus, entwickelte neue kommunikative Formate und realisierte Projekte im öffentlichen Raum, so zuletzt das viel beachtete „Utopien-Fest“ an Spielorten in der ganzen Stadt. Der Vertrag der erfolgreichen Intendantin wurde vom Stadtrat 2017 um weitere sechs Jahre verlängert. Für das Jubiläum hat sie sich unter dem Motto „Herzlichen Glückwunsch, altes Haus“ ein Jubiläumswochenende vom 18.-20. Januar 2019 ausgedacht, gefolgt im Frühling vom Festwochenende „Zähl bis 300!“ mit drei Premieren am 3., 4. und 5. Mai. Im Januar wird es neben einem Festakt mit Buchpräsentation ein Symposium zur Zukunft des Stadttheaters geben sowie ein Jubiläumsfest und die Premiere einer Neuinszenierung von Brechts „Arturo Ui“.

Ausstellung zum Jubiläum im Stadtmuseum Erlangen

Unter dem Motto „Was für ein Theater“ beteiligt sich auch das Erlanger Stadtmuseum am Jubiläum des Theaters. Die vom 9. Dezember bis zum 3. März zu sehende Ausstellung zeichnet den Wandel des Markgrafentheaters von seinen Anfängen als exklusives Hoftheater bis zum modernen Stadttheater nach. Historische Relikte aus dem Theaterfundus weisen auf die Vergangenheit, Spielpläne und deren Realisierung werden gezeigt, und das Zusammenwirken von Regie, Requisite, Kostüm und Technik wird erläutert. Anlässlich der Vernissage in einer Matinee am 9.12. sprechen die Intendantin, die Museumsleiterin, die Kulturreferentin und der Kurator des Stadtmuseums, begleitet von einer Textperformance mit den Schauspielern Alissa Snagowski und Charles P. Campbell.

Ein Begleitprogramm sieht im ­Januar sonntägliche Führungen jeweils um 11.00 Uhr vor, einen Abend mit Theaterredensarten (am 6. Januar), einen Blick hinter die Kulissen mit der Rolle der ­Dramaturgie im Visier (10.1.), das Jubiläumsfest am 20. Januar, ­einen Vortrag über die Aufführungspraxis und Bühnentechnik an ba-
rocken höfischen Theatern unter dem Motto „Theatrum mundi“ (24.1.) sowie ein Theaterworkshop für Kinder ab 8 Jahren unter der Devise „Wenn ich Wilhelmine wäre“ (27.1.). Auch im Februar geht es noch weiter mit Lesungen und einem Vortrag über Theaterwerbung. Die Finissage mit Führungen und Aktionen findet am 3. März statt.

Interview mit Intendantin Katja Ott – 300 Jahre Theater Erlangen

ART. 5|III: Frau Ott, die Universitätsstadt Erlangen besitzt mit dem Markgrafentheater eines der schönsten Theatergebäude ganz Bayerns und kann seit nunmehr 300 Jahren darauf stolz sein. Wenn man sich dessen Geschichte und Nutzung bis in die neueste Zeit anschaut, dann drängt sich jedoch angesichts der vielen Brüche der Eindruck auf, Theater habe es in Erlangen nicht immer leicht gehabt. Woran lag oder liegt das?

Katja Ott: Theater und Kultur hat es selten leicht. Diese Stadt jedoch hat ein Theater, weil es in Erlangen eine engagierte Bürgerschaft und ein offenes, experimentierfreudiges Publikum gibt. Aufgrund vieler engagierter Theaterfreunde und einer breiten öffentlichen Diskussion wurde das Theater im Jahr 1956 nicht abgerissen, sondern generalsaniert. Das Theater in der Garage entstand 1974 aus der Studentenbewegung und entwickelte sich bis heute stetig zu einem modernen Stadttheater weiter.

Theater will es sich aber auch nicht immer leichtmachen, sondern durchaus Risiken eingehen und komplexe inhaltliche Diskurse führen. So haben wir in der Spielzeit 2016/17 Elfriede Jelineks Text „Wut“ im Spielplan gehabt und die aktuelle Spielzeit mit der Uraufführung von Salman Rushdies „Golden House“ eröffnet.

ART. 5|III: In Ihrem Prospekt mit dem Untertitel „Mitdenken-Mitreden-Mitmachen“ stellen Sie in der Ankündigung der Podiumsdiskussion „Stadttheater der Zukunft“ die Frage, wie das bekannte Stadttheater-Modell zukunftsfähig bleiben kann und bieten ein Forum zur Formulierung von Zukunftsvisionen an. Welches sind denn Ihre eigenen Visionen?

Katja Ott: Ich verstehe das Theater als zentralen Begegnungsort einer Stadtgesellschaft. Theater wird oft mit Bildungsbürgern oder einem antiquierten Bildungskanon assoziiert, aber für mich ist und war das Theater immer ein Ort des Dialogs und der gemeinsamen Reflexion. Kunst bietet eine besondere Möglichkeit, sich mit sich selbst, der Gesellschaft und der Welt auseinanderzusetzen.

 

Fotocredits:    

Markgrafentheater Erlangen, Plakatmotiv, Foto © Jochen Quast

Eines der acht Randbilder des Homann’schen Plans zum Opern- und Comoedienhaus von 1721

Szenenfoto Meinungsmacher, Foto © Arne Seebek

Markgrafentheater Erlangen, Foto © Jochen Quast

Katja Ott, Foto © Jochen Quast

Martin Köhl
03.12.2018

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