Kunst ungleich Propaganda

Das Neue Museum Nürnberg zeigt Sonderausstellung zum 80. Geburtstag des Künstlers KP Brehmer

Kunst ungleich Propaganda

 Aus Anlass des 80. Geburtstags des „kapitalistischen Realisten“ KP Brehmer (1938–1997) zeigt das Neue Museum in Nürnberg noch bis 17. Februar 2019 eine umfassende Ausstellung zum Werk des bildenden Künstlers, der sich in seinem Schaffen sehr konkret mit soziopolitischen Themen beschäftigte und in komplexer Weise mit den Bildmedien der Bundesrepublik Deutschland und den Bedingungen der kapitalistischen Bildproduktion und -rezeption auseinandersetzte. Dabei hat er ein vielfältiges, experimentelles, analytisches und zugleich humorvolles Œuvre hinterlassen, das in seinen Fragestellungen an Aktualität gewinnt. Denn KP Brehmers künstlerisches Selbstverständnis, mit seiner Kunst einen dezidiert politischen Anspruch zu verfolgen, erscheint in unserer Zeit von besonderer Relevanz.

Brehmer begann seine Ausbildung als Reproduktionstechniker, das Prinzip der maximalen Vervielfältigung und Verbreitung haben sein theoretisches Denken und künstlerisches Agieren maßgeblich geprägt. Er selbst nannte sich einen „ideologischen Kleptomanen“, der keine Scheu vor dem Zitieren anderer hatte. Dem Kult des individuellen Autors stellte er partizipative und interdisziplinäre Methoden gegenüber, um das Kollektive zu Wort kommen zu lassen. Musik, Film, Werbung, Pop-Kultur und Medien-Entertainment waren ihm willkommene und vertraute Sprachformen – die er zugleich einer scharfen kritischen Analyse unterzog. All das hat ihn zu einer singulären Erscheinung in der Kunst der 60er-Jahre gemacht – in einer Zeit, in der sich andere Künstler oder auch Weggefährten vielfach bereits den Weg in den immer mächtiger werdenden Kunstmarkt bahnten.

KP Brehmer im kunsthistorischen Kontext

Der in Berlin geborene KP Brehmer nimmt in der Generation der Künstler, die in Deutschland mit den Mitteln der amerikanischen Pop Art einen kritischen „kapitalistischen Realismus“ entwickelten (so der Titel einer von René Block 1968 herausgegebenen Mappe mit Werken von KP Brehmer, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Wolf Vostell und Konrad Lueg), eine Sonderrolle ein. Seit den frühen 1960er-Jahren bis zu seinem Tod hinterfragte er mit seinen Werken die Wirkmacht medialer Bilder in ihrer gesellschaftlichen Zirkulation und massenhaften Produktion. Dabei war es sein Anliegen als Künstler, eine selbständige Haltung des Publikums gegenüber den kapitalistisch gesteuerten Medien zu fördern.

Dazu verwendete er das Bildmaterial aus Werbung und politischer Propaganda in Form von Plakaten, Bildern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und des Journalismus der illustrierten Presse, die er in der Form von Grafik, Malerei, Druckeditionen, Büchern oder Filmen in verändertem Kontext präsentierte. Indem er sich die Ästhetik von Werbeaufstellern in Kaufhäusern als Lockangebote, von Briefmarken als staatliche Editionen und von Diagrammen und Statistiken als Informationsmedien aneignete und diese durch leichte Bedeutungsverschiebungen neu codierte, machte er deren Wirkmechanismen kenntlich. Der Titel der Ausstellung „Kunst ≠ Propaganda“ greift genau diesen zentralen Gedankengang KP Brehmers auf: Wie kann, darf oder soll sich politische Kunst einer politischen Rhetorik bedienen, um ihr Ziel zu erreichen – ohne sich dabei selbst instrumentalisieren zu lassen? Allein schon sein Signet steht für diese subversive Strategie: KP – diese beiden charakteristischen Versalien (das Kürzel seines Doppelnamens Klaus Peter) sind als eine Widmung an die Kommunistische Partei zu lesen, deren Mitglied er jedoch nie gewesen ist.

Über die Grafik und Malerei hinaus umfasst Brehmers Werk komplexe multimediale Installationen. Durch das konstante Verschieben der Motive seines Werks zwischen verschiedenen Medien wie Bild, Text, Musik und Film thematisierte er auch ihre mediale Konstruktion. KP Brehmer hat zudem ein etwa 30 Arbeiten umfassendes filmisches Werk hinterlassen.

In retrospektiven Gruppenausstellungen und kunstgeschichtlichen Darstellungen wird Brehmers Schaffen zumeist als europäische Variante der Pop Art dargestellt. Dazu kommen jedoch weitere wesentliche innovative Dimensionen und komplexe Ebenen seiner Arbeit, die bis heute unbeachtet geblieben sind. Angesichts des verstärkten Interesses an einer Kunst, die sich bewusst mit den Möglichkeiten und Grenzen ihrer politischen Verantwortung auseinandersetzt, hat Brehmers Schaffen, zumal im Zeitalter der „fake news“, neue Aktualität und Brisanz gewonnen.

Vier Ausstellungen in Nürnberg, Hamburg, Den Haag und Istanbul

Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion des Neuen Museums Nürnberg, der Hamburger Kunsthalle, des Gemeentemuseums in Den Haag und ARTER, ein auf privater Initiative gegründetes Kunstzentrum zur Produktion und Präsentation von zeitgenössischer Kunst in Istanbul, das 2019 ein neues Museum am Bosporus eröffnen wird. Von allen vier beteiligten Häusern wurde die Ausstellung in einem engen, intensiven Dialog gemeinsam konzeptionell entwickelt – mit dem Anliegen, die Aktualität KP Brehmers nicht nur in Deutschland, sondern auch darüber hinaus unter Beweis zu stellen. Das Ausstellungsprojekt soll in einem internationalen Rahmen die Neubewertung des Werks von KP Brehmer ermöglichen, der wie wenige Künstler seiner Zeit das Bild als Wirklichkeitskonstruktion versteht, der die Mechanismen dieses sich ständig erneuernden Prozesses zum Thema macht und damit ein einzigartiges Werk von der Bilderproduktion in der politischen Ökonomie des Kapitalismus entworfen hat.


Fotocredits:

KP Brehmer, „Sichtweiten über der Po-Ebene (Mailand)“, 1978, Bundeskunstsammlung – Courtesy Hamburger Kunsthalle, Installationsansicht Raven Row, London, Foto: Marcus K. Leith © VG Bild-Kunst, 2018

KP BREHMER, „Mona (Lisa) für Paul (Klee)“, 1985 © VG Bild-Kunst, 2018, Foto: Roman März


04.12.2018

Eure Meinung? Leserbrief verfassen