Synthie-Pop vom Bodensee

Glasperlenspiel gastieren in Würzburg und Fürth

Synthie-Pop vom Bodensee

 „Ich wünsch dir noch ’n geiles Leben. Mit knallharten Champagnerfeten. Mit Fame, viel Geld, dicken Villen und Sonnenbrillen“. Zeilen, die wie ein scharf geschliffenes Messer große Teile der heutigen Jugend und Feiergesellschaft charakterisieren. Vor mehr als zwei Jahren hat das Baden-Württembergische Elektropop-Duo „Glasperlenspiel“, benannt nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse, sich damit endgültig in die Riege der deutschen Megaseller katapultiert. Keine Radiostation, die um die Single „Geiles Leben“ herumkam. Keine Fete ohne diesen Megakracher deutscher Synthie-Pop-Kultur.

Am 14. März gastiert das Duo in der Würzburger Posthalle, am 30. März beehren Carolin Niemczyk und Daniel Grunenberg die Fürther Stadthalle. Eine große Party ist dabei garantiert. Die aus dem schmucken Städtchen Stockach unweit des Bodensees stammende Kombo hat sich im Laufe der letzten Jahre seinen Stammplatz in den Charts und den Playlisten der Radiostationen gesichert. Nicht nur aufgrund ihres Überhits. Niemczyk und Grunenberg haben sich längst eine solide Basis geschaffen: eingängige Pophymnen, ein bisschen Dubstyle und Hip-Hop-Beats dazu gemixt, tiefgründige Texte und feine Arrangements zwischen Elektropop und Underground-Mucke. Glasperlenspiel sind trendy. Den endgültigen Ritterschlag erhielt das Duo mit der Berufung der Sängerin in die Jury von „Deutschland sucht den Superstar“. Man mag über das Format trefflich streiten können. Doch eines ist klar: Wer einen der Jurorenplätze neben Poptitan Dieter Bohlen erhalten hat, der hat den Durchbruch nicht nur geschafft, sondern ist in der Riege der ganz Großen angekommen. Und am Rande notiert: Auch die Titelmelodie der RTL-Dauerbrennerserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ stammt von den beiden – sicherlich darf auch hier über den Gehalt gestritten werden. Die Zuschauerstrahlkraft und damit auch der Bekanntheitsgrad des Hits „Lasst uns was bewegen“ ist allerdings immens und nicht wegzudiskutieren.

Die Bodenhaftung haben Niemczyk und Grunenberg trotz aller Erfolge nicht verloren. Klar, die Zwei-Stunden-Show, die die beiden live bieten, ist definitiv eine große Choreographie. Bei aller einstudierter Show kommt der Kontakt zur Anhängerschaft nicht zu kurz. Und die darf sich freuen. Auf der Livebühne hat sich das Popduo Unterstützung in Form einer feinen Liveband gesichert, die die ins Mark gehenden Bässe technisch blitzsauber begleitet. Umrahmt von einer ebenso ansehnlichen visuellen Show über die Leinwand entwickelt sich ein Konzert der Band zu einem kleinen optischen Klangerlebnis.

Wie es ist, auf großen Bühnen zu stehen, das haben Glasperlenspiel mehrfach erlebt. Nicht nur beim Bundesvision Song Contest, bei dem sie zweimal am Start waren. Längst sind sie auf den großen Festivals der Republik ein gern gesehener Gast. Und nicht zuletzt durften sie auf deren Anfrage hin mit Helene Fischer den derzeit unumstrittenen deutschen Superstar auf deren Tour als Supportact begleiten – nicht minder erfolgreich. „Eine unglaubliche Erfahrung“ schwärmt Niemczyk immer wieder von diesem Erlebnis. So gegensätzlich Glasperlenspiel und die Fischer sind, so gegensätzlich ist auch das neue „Licht und Schatten“-Album, mit dem sie derzeit auf Tour sind. Gegensätze dominieren. Auf der „Licht“-Seite hören die Anhänger Glasperlenspiel, wie man sie kennt. Auf der „Schatten“-Seite performt das Duo feinste, mitunter durchaus als progressiv zu wertende, Underground-Mucke, die jedem Club gut zu Gesicht steht. In der Tradition von Kraftwerk und Depeche Mode zelebrieren die beiden Künstler elektronische Musik auf hohem Niveau wie aktuell nur ganz wenige kommerziell ebenso erfolgreiche deutsche Künstler. Und im Endeffekt geht es Glasperlenspiel um eines – und das wäre wieder das Spiel von Licht und Schatten. Sie wollen ihren Anhängern das bieten, was sie in „Geiles Leben“ dann doch sehr deutlich kritisieren: knallharte Champagnerfeten. Zumindest mit Sonnenbrille. Und ein bisschen Fame dazu. Auf der anderen Seite werden die auch optisch als Leckerbissen geltende Niemczyk und Sänger und Keyboarder Grunenberg nicht müde, die nötige Bodenhaftung zu propagieren. Einfach, geerdet und mit der nötigen Portion an Spaßfaktor in einem meist zu kurzen Leben. Eigentlich ein ganz einfacher Konsens, den leider viel zu viele in der heutigen Zeit nicht mehr auf die Reihe bekommen und die nötigen Freundschaften damit unnötigerweise aufs Spiel setzen. Dem Glamour zuliebe. Am Ende stehen sie da, gehen auf Konzerte, feiern Partys. Nur den Sinn des Lebens, den setzen sie damit leichtfertig aufs Spiel. Dabei müssten sie nur auf Glasperlenspiel hören. Und wer einmal da war, bei dem brennt sich ein Satz der Sängerin fast schon wie ein Branding ins Gehirn ein. „Nächte ohne Fotos sind die besten“, sagt sie. Um gleichzeitig ein Video von der Bühne für Instagram zu drehen. Mehr Licht und Schatten geht nun wirklich nur schwer. Und doch: Man nimmt es schmunzelnd zur Kenntnis und weiß, dass sie es ernst meint. Mit hintergründigem Humor unterlegt und einer klaren Definition: „Glücklich sein, ist schon ein geiles Leben“. Damit trifft sie erneut den Nagel mit dem Hammer auf dem Kopf. Und zwar messerscharf.

 

Fotocredits:

Glasperlenspiel, Foto © Pressefoto

Andreas Bär
04.02.2019

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