Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Georg Trakls Vermächtnis, ein Jahrhundert nach seinem Suizid

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Mit einigem Fug und Recht lässt sich sagen, dass Georg Trakl für die österreichische ja, cum grano salis, für die deutschsprachige Literatur insgesamt das ist, was Walt Whitman bis heute für die amerikanische, ja für die englischsprachige Lyrik überhaupt ist. Beider Wirkkraft ist ungebrochen, und es gibt kaum einen Poeten oder, ganz allgemein, Schriftsteller von Rang, der nicht irgendwann unter dem Einfluss Whitmans beziehungsweise Trakls gestanden hätte oder noch steht. Dazu gehört zum Beispiel der Lyriker Lutz Seiler.

 

Der Titelheld aus Seilers erstem Roman „Kruso“ – in diesem September bei Suhrkamp erschienen und sogleich in die Endauswahl zum (freilich umstrittenen) Deutschen Buchpreis gelangt – kann von der Lektüre der Gedichte Trakls nicht lassen. Und Mirko Bonné, der Übersetzer von Keats, Cummings, Creeley und Emily Dickinson, hat vor just zwei Jahren gleich einen kompletten Gedichtband „Traklpark“ genannt, nach jener Grünfläche in Innsbruck, Kinderspielplatz inklusive, in deren Nähe Trakl begraben liegt. Ein weiteres Beispiel von Trakls Fortleben in Gedichten anderer stammt von Erich Fried.

 

Frieds „Trakl-Haus, Salzburg“ hebt an: „Zu schwer das Gewölbe: / ein Albtraum / dunkel und schön / in der schönen Stadt“. Ein fast einziger düsterer Albtraum, so mag es scheinen, war wohl auch des Dichters Leben. Trakl, der diesem Leben am 3. November 1914 in Krakau selbst ein Ende setzte, plagten schwere Depressionen. Er war das, was nicht nur die Franzosen einen Poète maudit nennen, ein verrufener, ein verfemter Dichter, als dessen Urbild François Villon (1431 in Paris geboren; 1463 verlieren sich Villons Spuren im Irgendwo) gilt, dessen Typus sich aber vor allem im Symbolismus und in der frühen Moderne findet.

 

Zu Trakls Vorläufern im Reich der tief verschatteten, schwarzgalligen Literatur zählen mithin die Symbolisten Baudelaire, Rimbaud und Verlaine, auch Lautréamont und Gérard de Nerval sowie Edgar Allan Poe und Thomas de Quincey, dessen „Confessions of an English Opium-Eater“ im Herbst 1821 am Anfang einer bis heute nicht abgerissenen Reihe von autobiografischer Literatur zum Drogenkonsum stehen. „In diesen Tagen rasender Betrunkenheit und verbrecherischer Melancholie sind einige Verse entstanden, die ich Sie bitte, entgegenzunehmen“, schreibt Trakl im Dezember 1913 aus Innsbruck nach Wien an den „hochverehrten Herrn“ und „Fackel“-Herausgeber Karl Kraus. Verse, die bleiben sollten, Verse wie diese:

 

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Seine Wunde voller Gnaden
Pflegt der Liebe sanfte Kraft.

 

Trakl war dem Alkohol verfallen, er erbettelte sich von Freunden Geld, er experimentierte mit Morphium und Veronal, mit Chloroform und Opium, er unterhielt – das zumindest lässt sich aus einigen Gedichten deuten – zu seiner Schwester Grete eine inzestuöse Beziehung. „Wessen Atem kommt mich kosen?“, fragt Trakl in „In einem verlassenen Zimmer“. Ob es der Gretes war, ob deren „Liebe sanfte Kraft“ des Bruders Wunde „voller Gnaden“ pflegte, den Schmerz linderte?

 

Als Martin Beyer, der Bamberger Autor und Dozent (an der Fakultät für Design der Technischen Hochschule Nürnberg), diese Versessenheit der beiden Geschwister aufeinander in seinem 2009 bei Klett-Cotta herausgekommenen Roman „Alle Wasser laufen ins Meer“ zur Sprache brachte, verschaffte ihm das nicht nur Freunde. Überhaupt wurde Beyers Trakl-Roman weit weniger rezipiert als Michael Kumpfmüllers zwei Jahre später veröffentlichte, ebenfalls 240 Seiten starke „Herrlichkeit des Lebens“, auch dies ein um eines Dichters Liebe und Leben kreisender Roman: um die Franz Kafkas zu Dora Diamant.

 

Was sehr schade ist, denn auf das Erzählen, auf das Schreiben versteht sich der vor bald vier Jahrzehnten in Frankfurt am Main geborene Beyer bestens. Wie sonst wäre er im vergangenen November für seinen Erzählband „Mörderballaden“ mit dem mit 5000 Euro dotierten Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur bedacht worden? „Ich komme immer wieder auf Trakl zurück, ich lese immer wieder Gedichte von ihm“, sagt Beyer, und verweist auf „diesen wunderbaren Essay von Franz Fühmann“, also auf „Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht“, herausgekommen bei Hinstorff in Rostock, 1982, dem er, Beyer, „wichtige Impulse und Kenntnisse“ verdanke. Auch ein anderer Bamberger kommt wieder und wieder auf den Innsbrucker Dichter, Trinker und Kokainabhängigen zurück, selbst wenn für ihn der Trinker und Dichter Charles Bukowski noch mehr von Belang ist: Roni, über dessen von ihm betreute Bukowski-Ausstellung an anderer Stelle in dieser Ausgabe zu lesen ist.

 

Roni und Beyer wollen à deux in Bamberg am 3. November eine „TRAKL-Night zum 100. Todestag“ auf die Bühne bringen. Wo genau dieses Podium stehen wird, war bei Redaktionsschluss noch nicht ganz sicher. Aller Voraussicht nach aber wird im Jazzclub an Trakl erinnert: eine Lesung aus Briefen und historischen Dokumenten, aus Beyers Roman, mitsamt einer filmischen sowie einer musikalischen Annährung (Trakl, dessen Schwester Grete in Wien Klavier studierte, ist oft vertont worden, von Holliger, Henze, Hindemith und dem ehemaligen Villa-Concordia-Stipendiaten Johannes X. Schachtner etwa). Genaueres unter www.bamberg-liest.de.

 

Copyright Foto: Roni

Jürgen Gräßer
30.09.2014

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