Ganz in schwarz-weiss mit achtundachtzig Tasten

Ein Besuch bei Steingräber & Söhne in Bayreuth

Ganz in schwarz-weiss mit achtundachtzig Tasten

Bei Frauen mit Flügel, bei Pianisten einen besonderen „Stein“ im Brett hat eine erstaunliche Anzahl von Instrumenten, die eben jenes Lexem im (Firmen-)Namen führen. Die Klaviere aus dem Hause Johannes Andreas Stein wusste bereits Wolfgang Amadeus Mozart zu schätzen. Ein Fortepiano des Augsburger Klaviermachers spielte der in einen Satinrock mit aufwendiger Stickerei gekleidete Mozart bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte am 15. Oktober 1790 in Frankfurt am Main, als er mit dem F-Dur-Konzert KV 459 und mit dem D-Dur-Konzert 537 großen Beifall fand.

 

Hängt man an den „Stein“ einen „Weg“ und macht sich auf nach Braunschweig, dann steht man vor der Pianofortefabrik Grotrian-Steinweg, 1835 von Heinrich Engelhard Steinweg in Seesen gegründet und somit eine der ältesten Firmen ihrer Art. Damit verbunden ist auch die wohl bekannteste Marke, Steinway, denn eben dieser Herr Steinweg aus dem Harz emigrierte, nachdem er das Braunschweiger Geschäft seinem Sohn überschrieben hatte, 1850 nach New York, anglisierte bald seinen Namen. Steinway and Sons war somit geboren. Steinway New York beliefert noch immer Nord- und Südamerika, für den Rest der Welt ist die Dependance in Hamburg zuständig, von der dem Vernehmen nach die besseren Instrumente stammen sollen.

 

Wer aber einen hervorragenden Flügel sein Eigen nennen möchte, der wird auch, was vielen gar nicht so bewusst ist, im Fränkischen fündig. Am 17. August 1852 gründete Eduard Steingraeber in Bayreuth die Pianofortefabrik Steingraeber, die heute zu der illustren Gruppe der großen fünf Häuser gehört, zu der auch Steinway zählt, Bösendorfer in Wien, vielleicht Blüthner in Leipzig noch und, auf jeden Fall, die italienische Manufaktur Fazioli, die jüngste unter den Großen. Seit 1980 führt Udo Schmidt-Steingraeber das Unternehmen in der sechsten Generation weiter. Dem historischen Familiensitz in der Bayreuther Friedrichstraße, einem der wenigen noch weitgehend erhaltenen Rokoko-Bauten, hat man die Treue gehalten.

 

Vollständig im Originalzustand hat man den schmucken Rokoko-Saal im Obergeschoss des Steingraeber-Hauses bewahren können, in welchem sich der Liszt-Flügel befindet. Was nun sollte man auf diesem geschichtsträchtigen Instrument denn anderes spielen als das bekannteste Werk des mit Bayreuth eng verbundenen Klaviervirtuosen? Da traf es sich gut, dass bei unserem Firmenrundgang der kanadische Musikkritiker Arthur Kaptainis zugegen war, der, anders als unsereins, weit mehr zustande bringt als eine schlichte Kadenz in B-Dur oder dergleichen.

 

Kaptainis näherte sich dem Flügel mit der gebotenen Furcht und Hochachtung. Er war sich dessen Schönheit und auch dessen Zugänglichkeit sogleich bewusst. „Ich begann mit dem G in Liszts h-Moll-Sonate, und war dermaßen nervös, dass ich nicht sicher war, ob ich die richtigen Oktaven erwischt hatte“, versuchte der tief bewegte Mann aus Montreal sein Erlebnis in Worte zu fassen. Er wechselte dann doch – auch ihm sind pianistische Grenzen gesetzt – zu Beethoven: „Nachdem ich die Doppeloktaven des Hauptthemas leider nur annähernd wiedergeben konnte, schien es mir am besten, Beethovens f-Moll-Sonate op. 2 Nr. 1 anzuspielen. Ich spürte, wie sich plötzlich Liszts Zustimmung in mir breit machte. Schließlich war er ein großzügiger und edler Mann. Als Kind war er Beethoven begegnet und sollte den Wiener Meister lebenslang verehren.“ Der Anschlag sei ganz leicht und natürlich gewesen, das Bassregister habe wundervoll rund geklungen.

 

Neben Franz Liszt zählte naturgemäß auch Richard Wagner zu den ersten Kunden bei Steingraeber. Schon seit Beginn der Festspiele 1876 liefert Steingraeber Instrumente für den Grünen Hügel. So hat man auch den Auftrag für das „Gralsglockenklavier“ erhalten, das im „Parsifal“ zum Einsatz kommt. Für die Probenarbeit im Festspielhaus stand ein Tafelklavier zur Verfügung, doch nutzte Wagner auch gern für seinen privaten Gebrauch in der Villa Wahnfried ein solches Instrument. Er spielte so oft darauf, und auch so laut, dass die Stimmung des Tafelklaviers darunter litt. 1878 schrieb er an den „geehrtesten Herrn Steingraeber“: „Schicken Sie mir um Gottes willen morgen Vormittag Ihren Klavierstimmer noch einmal zu! Ich will ja gern jeden Preis für das Stimmen zahlen.“ Es solle nun anders werden, gelobt Wagner, „aber schicken Sie uns Ihren Stimmer morgen!“

 

Die Werkstätten befinden sich im Nachbargebäude. In Zeiten der Massenproduktion setzt Steingraeber nach wie vor überwiegend auf Handarbeit. „Wir gehen auf ganz hohe Qualität“, sagt Andreas Kaul, der für Marketing und Kommunikation zuständig ist. „Wir haben die Fähigkeit, solche Instrumente zu bauen. Andere können sie nur kopieren“, schiebt er überzeugt nach. Ein Dutzend Klavierbauer beschäftigt Steingraeber, insgesamt sind es derzeit etwas über dreißig Mitarbeiter vom Resonanzbodenmacher über einige Schreiner bis hin zum Schlossermeister.

 

Jedes Jahr verlassen rund vierzig Klaviere, oder, wie sie fachsprachlich heißen, „Pianinos“ das Haus. Hinzu kommen siebzig Flügel, die in fünf unterschiedlichen Größen lieferbar sind.

 

Der längste misst 272 Zentimeter und kostet bis zu 150 000 Euro, je nach Ausstattung. Im Preis inbegriffen ist ein zweimaliger Service. Und wenn so ein Flügel nach Aserbaidschan geliefert wird, dann ist es selbstverständlich, dass ein Techniker mitfliegt.

 

Oft sind es Kleinigkeiten, die die Bayreuther Instrumente so besonders machen. Die Stahlstifte beispielsweise, die die Saiten halten, werden mehrfach gehärtet. Für das Gehäuse werden keinesfalls Spannplatten verwendet, sondern ausgewählte Edelhölzer. Auch hat man beim Flügel die Mechanik des linken Pedals so erweitert, dass man es weiter als üblich treten kann, wodurch die Hämmer näher an die Saiten gelangen und das Spielen im mehrfachen Piano erleichtern. Das Klavier, so lautet nach Vladimir Horowitz die Steingraeber-Philosophie, soll vom Schlaginstrument in ein singendes Instrument verwandelt werden, mit dem sich Schattierungen, Farben und Kontraste gestalten lassen.

 

Die Referenzliste des Bayreuther Hauses kann sich sehen lassen. Zu den Musikern, die Steingraeber spiel(t)en, gehören zum Beispiel der Liedbegleiter Helmut Deutsch, die Komponisten Jörg Widmann und Philip Glass, die Weltstars Wilhelm Kempff, Martha Argerich, Daniel Barenboim und Alfred Brendel. Brendel dankte den Bayreuthern „für einen erstklassigen Flügel, den ich im Gedächtnis behalten werde“.

 

Fast ausschließlich auf Steingraeber spielt der Franzose Cyprien Katsaris. Erst in diesem April hat Katsaris mit der Academy of St. Martin in the Fields unter Sir Neville Marriner Beethovens Krönungskonzert auf CD eingespielt. Der „wunderbare“ Steingraeber E-272-Flügel habe sich mit seinem „immer perfekten und niemals zu harten Klang“ einmal mehr als idealer Partner für die Aufnahme mit Orchester und für die Solo-Version erwiesen, heißt es aus London.

 

Katsaris war auch der gefeierte Pianist beim Festakt zum 150-jährigen Firmenjubiläum im Sommer 2002, bei dem er den Konzertflügel E 272 erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Dessen Besonderheit war eine neue Flügelmechanik, die so genannte „Bamberger Rolle“. Entwickelt hatte sie der Bamberger Klavierbaumeister und Klavierstimmer Josef Meingast. Die Rolle saß nicht mehr fest am Stil des Hammers, sondern war nun, dank Meingasts Geistesblitz, beweglich. Das hatte einen leichteren Anschlag zur Folge, der schnelle Repetitionen einfacher macht und dabei Handgelenk und Sehnenscheiden schont. „Die Mechanik ist unglaublich angenehm zu spielen“, äußerte sich Katsaris, „dieses Instrument ist ein echter Glücksfall.“

 

Neuerungen steht man in der Bayreuther Friedrichstraße offen gegenüber. Aus einem hier nicht näher genannten anderen Traditionshaus höre man, erzählt Marketingleiter Kaul, die Sätze: „Wir machen seit einem Jahrhundert das perfekte Klavier. Warum sollen wir daran etwas ändern?“ In Bayreuth sei das anders. „Wir wollen auch der jungen Generation das bestmögliche Klavier bieten.“

 

Und auf diesem perfekten Bayreuther Klavier beziehungsweise Flügel dürfen Nachwuchspianisten auch immer wieder spielen. Im hauseigenen Kammermusiksaal hat sich die Konzertreihe „Junge Meisterpianisten“ längst etabliert. Immer wieder ist dort zum Beispiel die Klasse von Wolfgang Manz, der an der Musikhochschule Nürnberg lehrt, zu Gast. Am 2. November werden sich in einer Soiree junge Pianisten vorstellen, die bei Gerald Fauth an der Mendelssohn-Bartholdy-Hochschule in Leipzig studieren. Über einen geschickt angebrachten Spiegel im Kammermusiksaal können die Zuhörer den Interpreten übrigens genau auf die Finger schauen. Der Klavierabend bildet den Abschluss des Tages der offenen Klaviermanufaktur. Zwischen 13 Uhr und 16 Uhr finden zu jeder halben Stunde kostenlose Führungen durch das Haus statt. Dazu kann nur geraten werden.

 

Copyright Fotos: 2mcon, Bamberg

Jürgen Gräßer
30.09.2014

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