Wir sind Helden-Frontfrau auf Solokurs

Judith Holofernes, Erlangen/E-Werk, 24.10.2014

Wir sind Helden-Frontfrau auf Solokurs

 Bekannt geworden ist Judith Holofernes als Sängerin/Gitarristin von Wir Sind Helden, die seit 2010 eine musikalische Auszeit genommen haben. Dass für die zweifache Mutter Musik aber fester Bestandteil ihres Lebens ist, beweist sie jetzt mit ihrem ersten Soloalbum „Ein leichtes Schwert“. Alle, die geglaubt hätten, Judith Holofernes funktioniert nur im Kontext von Wir Sind Helden werden jetzt eines Besseren belehrt. Mehr dazu im ausführlichen Gespräch mit der Künstlerin.

 

Wir Sind Helden, deren Sängerin/Gitarristin Du bist, pausieren derzeit. Wie ist da der aktuelle Stand der Dinge? Läutet Dein Solo-Album ein Comeback ein, oder wird es eher auf ein zweites Album Deinerseits herauslaufen. Was machen die anderen Drei Mitglieder derzeit so in künstlerischer Hinsicht?

Ich habe auf jeden Fall noch ganz schön viele „Solo“ –Flausen im Kopf, die schon jetzt untereinander rangeln, was als nächstes umgesetzt wird. Ich habe mit meiner neuen Platte und der großen Live-Band extrem viel Spaß und habe das Gefühl, da gerade erst am Anfang zu stehen. In so einer neuen Konstellation gibt es so viel zu lernen, ich finde es wahnsinnig inspirierend, neu anzufangen. Eine Helden –Reunion sehe ich für die nächsten Jahre ehrlich gesagt nicht. Wir haben alle wahnsinnig an dieser Band gehangen, aber am Ende war es extrem schwer, das Ganze aufrecht zu halten. Wir haben ja von Anfang an, seit 2000, in drei verschiedenen Städten gelebt, das heißt, für jede Probe und jede Bandbesprechung mussten sich zwei Leute in den Zug setzen – dazu noch die Konzerte... es gab Jahre, da waren wir an die 200 Tage im Jahr unterwegs.

 

 

Stichwort Multitalent: Sängerin, Gitarristin, Songwriterin, Autorin. Benötigst Du all diese Sparten um deine künstlerische Kreativität voll auszuleben?

Ich habe auf jeden Fall immer das Gefühl, das Kreativität sich nicht erschöpft, sondern immer nur noch mehr Kreativität hervorbringt. An einer Platte zu arbeiten bringt mich auf visuelle Ideen, und sie erfordert, dass ich mich auf meinen Instrumenten weiter entwickele, damit ich das, was mir vorschwebt, auch umsetzen kann... Und beim Songtexte schreiben fallen wiederum Themen ab, die besser zu meinem Blog passen, als zu einem Song. Kunst geht auf jeden Fall nicht alle! Das ist wie bei diesem alten Zaubertrick, wo immer mehr Zucker aus einer eigentlich viel zu kleinen Tüte kommt. Rrrrschsch, rrrsschschsch.... RRRRRSCSCHSCHSCHSCH!

 

 

Wie hast Du die annähernd vier Jahre zwischen der Wir Sind Helden-Auszeit und der Veröffentlichung Deines eigentlich zweiten Solo-Albums „Ein Leichtes Schwert“ (ein erstes erschien ja bereits 1999 unter dem Titel „Kamikazefliege“ in Eigenproduktion) verbracht, stand da Deine Familie (Mann & 2 Kinder) im Vordergrund?

Natürlich war es schön, so viel Zeit zuhause zu verbringen, aber genau so wichtig war es für mich, endlich Zeit zu haben, allen möglichen künstlerischen Impulsen nachzugehen, alles ausprobieren zu können, ohne Deadlines und ohne Druck. Ich habe in dieser Pause auf jeden Fall mehr Musik gemacht, als in den Jahren davor! Ich habe mehr Musik gehört, war auf Konzerten, habe mir ein Klavier gekauft...

 

 

Ein Leichtes Schwert“ läßt sich stilistisch nur schwer einordnen, hat äußerst viele Einflüsse. Gibt es dennoch so eine Art ´Roten Faden´ der die 12 Stücke zusammenhält?

Ich hoffe doch! Ich denke, das verbindende Element ist die Attitüde, der Mangel an Ernsthaftigkeit, das Ungeschliffene. Und ich habe das Gefühl, dass sich die Freude am Spielen überträgt. Ich wollte mir einfach dieses Mal keine Grenzen auferlegen und alles machen, was mir einfällt.

 

 

Über welchen Zeitraum hinweg entstanden die Songs, nach welchen Kriterien hast Du die Musiker für die Aufnahmen ausgewählt und wie entstanden die Songs hinsichtlich Text/Musik?

Ich habe ungefähr ein Jahr lang geschrieben und die Songs vorproduziert – zum ersten Mal alleine. Dann sind wir zwei Mal sechs Wochen ins Studio gegangen, mein Mann Pola, unser Freund Jörg Holdinghausen und ich, und haben das Ganze aufgenommen, wobei wir auch vieles von meinen Demos übernommen haben. Wir hatten ziemlich oft das Gefühl, dass sich der Charme von solchen ersten Momenten schlecht wieder herstellen lässt.

 

 

Über was sprichst Du in Deinen Texten, tragen diese autobiografische Züge?

Manches ist autobiografisch, allerdings häufig in sehr viel freierer Art, als man das denken würde. Andere Songs sind Geschichten, die ich mir ausdenke, oder die Geschichten anderer Leute, die sie mir erzählt haben. Oft beginne ich das Schreiben auch mit einem Thema im Kopf, oder einer losen Zeile, von der ich am Anfang noch nicht mal genau weiß, wo sie hinführen soll.

 

 

Hast Du den ein oder anderen Lieblingstitel auf der CD und wenn ja, warum?

Ich habe deutlich weniger „Lieblingskinder“, als ich sie früher auf Heldenplatten hatte, wahrscheinlich, weil es ja alles zu hundert Prozent meine Songs sind... In einer Band gibt es natürlich immer Kompromisse und Songs, die mehr oder weniger „deine“ sind. Aber wenn ich einen nennen müsste, dann wäre es wahrscheinlich „Pechmarie“, der ist für mich irgendwie ein Kernstück, weil alles drin ist, was für mich die Platte ausmacht. Groove, Humor, Leichtigkeit, Melancholie. Alles da!

 

 

Welche Bedeutung haben die beiden Gäste Mama Rosin und Bonaparte für das Album, es gab sicher die eine oder den anderen mehr, der auch als Gast für eine Zusammenarbeit in Frage gekommen wäre?

Ich hatte große Lust auf solche Kooperationen. Wenn man zwölf Jahre in der gleichen Band spielt, dann ist das schon ein bisschen wie verheiratet sein, man probiert nicht so viel rum, man genügt sich gegenseitig. Ich fand es immer schon toll mit vielen verschiedenen Leuten Musik zu machen, ich habe an Lagerfeuern und in Parks angefangen, und das ist eigentlich die konsequente Weiterführung davon. Und von Mama Rosin und Herrn Bonaparte bin ich glühender Fan, und beide haben eine tolle Art, zu arbeiten, das würde ich sofort wieder machen.

 

 

Du hast bereits die ersten Live-Shows präsentiert, unterscheidet sich dabei das Line Up aus dem Studio von dem auf der Bühne?

Ja, auf der Bühne sind wir zu sechst! Ich wollte ein großes Spektakel, außerdem war unsere so minimalistische Platte dann doch nur mit ein paar mehr Händen und Stimmen umzusetzen, weil ich auf Platte viele Sachen übereinander aufgenommen habe, die ich ja aber nicht gleichzeitig spielen kann. Jörg Holdinghausen ist am Bass auch Live dabei, Pola hingegen hat keine Lust mehr auf Tour zu gehen, den zieht es mehr ins Studio. Am Schlagzeug sitzt daher der fantastische Hanno Stick. Außerdem mit dabei sind Jarita Freydank an Percussions und Xylofon, Miss Kenichi an Keyboards und noch ein paar Gitarren, und Martin Wenk von Calexico an so ziemlich allem, was man ihm in die Hand drückt.

 

 

Hits aus der Wir Sind Helden-Zeit spielen im aktuellen Programm keine Rolle, wie füllst Du das Programm neben den Titel von „Ein Leichtes Schwert“?

Wir spielen ziemlich viele schöne Coverversionen, allerdings habe ich für die alle deutsche Texte geschrieben. Außerdem spielen wir „Kamikazefliege“ von jener ersten EP, die du vorhin erwähnt hast! Und dazu noch unveröffentlichte Songs, die nicht rechtzeitig für „Ein leichtes Schwert“ fertig waren.

 

 

Album und Tournee stoßen seitens Fans und Medien auf großes Interesse, Jubel von allen Seiten. Eine große Erwartungshaltung schafft auch großen Druck, wie gehst Du damit um?

Das ist doch toll! War ja nicht selbstverständlich, das so viele Leute mitgehen, wenn ich mich in die Büsche schlage. Den Druck spüre ich eigentlich nicht. Die Tatsache, dass ich diese große, schöne Band namens Wir sind Helden losgelassen habe, hilft mir sehr. Das war nicht leicht, und ich habe Jahre dafür gebraucht – ich musste einsehen, dass ich in dieser Band, die ich immer noch heiß geliebt habe, und außer mir ja noch ein paar andere Menschen auch - bei aller Liebe selbst nicht mehr glücklich werde. Aber ich denke, mutige Schritte werden fast immer belohnt - in meinem Fall durch ein Gefühl von großer Freiheit, die mir auch nicht mehr so leicht zu nehmen ist. Ich habe so ein Gefühl von Freiwilligkeit- Ich hätte ja nicht weitermachen müssen, hätte auch ein Buch schreiben können oder sonst was gemütlicheres machen können. Habe ich aber nicht, das heißt: ich will das wohl so. Nur das ich jetzt eben alles etwas lebensfreundlicher gestalten kann und mehr aus der Hüfte heraus Entscheidungen treffe.

 

 

Wir Sind Helden haben ihren Erfolg auch dazu benutzt, Fans gesellschaftliche Missstände näherzubringen und aufzuklären. Setzt Du diesen Weg auch als Solo-Künstlerin fort und wenn ja, bei welchen Projekten engagierst Du Dich primär?

Ich fühle mich mit den Anliegen, die wir als Band unterstützt haben, immer noch sehr verbunden: Viva Con Aqua, Attac, der Tibet Initiative... Ich denke aber, dass ich in den nächsten Jahren meine Aktivitäten irgendwann bündeln möchte, vielleicht auch was Eigenes auf die Beine stellen.

 

 

Zum Album hast Du eine Reihe von Videos veröffentlicht, was interessiert Dich an diesem Medium, wie erreichst Du die Fans damit außer auf You Tube und der eigenen Webseite?

Ich hatte schon immer viele Videoideen, dieses Mal hatte ich mir in den Kopf gesetzt, sie alle umzusetzen. Ich habe mich von kleinen Engelchen grün und blau werfen lassen, bin mit einem schweren Umhängepferd durch Berlin geritten, bin ausgiebig vor Greenscreen herumgehampelt... Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht und ich finde alle Videos sehr schön. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich das jetzt immer so mache. Eigentlich will ich ja weniger arbeiten!

 

 

Wie verbringst Du Deine Freizeit, was läßt Dich komplett entspannen und Kraft für die Tourdaten im Herbst sammeln?

Ich gehe gerne und viel Spazieren, außerdem tanze ich wahnsinnig gerne, egal ob mit Anderen oder zuhause in der Wohnung. Ich versuche außerdem, so viel wie möglich im Wald zu sein. Auf der anderen Seite erzeugt die Musik selbst ja die Energie, die man braucht. Das Touren wiederum gibt mir Energie, neue Songs zu schreiben, das ist eigentlich ein System, dass sich selbst immer wieder anheizt. Wenn man es richtig macht.

 

Copyright Fotos: © Marco Sensche (Bandfoto) und Christoph Voy (Judith Holofernes)

 

Frank Keil
30.09.2014

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