Verdichtung, Rotation oder Substitution?

Anmerkungen zur Kunst im öffentlichen Raum in Bamberg und andernorts (II)

Verdichtung, Rotation oder Substitution?

Die Dislozierung von Kunst im öffentlichen Raum hat jenseits ideeller Werte einen eminent marktwirtschaftlichen Aspekt, der jedoch gerne schamhaft verschwiegen wird: das recht triviale Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Oder besser: das Missverhältnis. Einer schon aus Platzgründen kaum vorhandenen Nachfrage steht nämlich ein immer größer werdendes Angebot gegenüber, das es zu valorisieren gilt. Aber wer schafft dieses Angebot, das sich auf die Suche nach dem verlorenen Raum begibt? Lässt man jene Künstler beiseite, die durch den Gewinn eines öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerbes redlich zu ihrem Recht gekommen sind, so bleiben vor allem die Galeristen, deren Interesse an attraktiven Präsentationsflächen verständlich und legitim ist, sowie jene Künstler, die zuversichtlich für imaginäre Räume produzieren oder gleich auf die Methode Hörl setzen. Darüber hatten wir schon verhandelt und wollen hier nicht nachlegen. Aber ist es Zufall, dass die Platzierung von größeren Ansammlungen identischer Skulpturen zur Kunstmode geworden ist, seit sie zunehmend Erfolg hat? Über die 18 Stehenden, die seit einiger Zeit bedeutungsheischend einen Raum der Deutschen Bank in Frankfurt bereichern, über die 12 laufenden Chinesen Wang Shugangs in Vancouver sowie diverse andere kauernde, sich zuneigende oder kletternde Chinesenensembles (die man großenteils in einer Berliner Galerie erwerben kann) kehren wir daher zurück zum Achterpack der roten Sitzchinesen in Bamberg.

 

Auch sie aktualisieren – vielleicht ungewollt – in gewisser Weise Walter Benjamins These von der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks und den damit eingehenden Auraverlust. Sie sich im Grün des Schönleinplatzes vorzustellen, ist zweifelsohne eine aparte Vorstellung, schon wegen der reizvollen Kontrastwirkung und völlig unabhängig von der künstlerischen Aussage, also vor allem der Bedeutung der sitzenden Haltung in der chinesischen Kultur. Aber eignet sich die Gruppe als Dauerexponat? Sie bleibt wohl eher, unbeschadet ihres künstlerischen Wertes, ein zeitgeistiges oder doch zumindest zeitgebundenes Artefakt, dessen Wert sinken wird, wenn die Erinnerung an das begleitende Eventgetöse, von dem sich die zustimmenden Politiker so gerne blenden lassen, erst einmal verflogen ist. Bedenkt man den Preis, der in diesem Falle für den endgültigen Erwerb gezahlt werden muss, so scheint das Verharren der Gruppe am vorgesehenen Ort schon jetzt wie für die Ewigkeit ausgemacht.

 

Womit wir bei der Frage der Standorttreue wären. Wie steht es eigentlich um das Anrecht auf ewigen Verbleib an ein und derselben Stelle? Die Geschichte der Rochaden manch wichtiger Figuren bzw. Statuen oder Standbilder in Bamberg lehrt, dass davon keine Rede sein kann. Respektiert man allerdings den Anspruch eines Kunstwerks, den „richtigen“ Ort gefunden zu haben, so verbietet sich der Gedanke an Austauschbarkeit oder gar irgendein Rotationsprinzip. Dann würde Kunst zur bloßen kontextlosen Stadtmöblierung degradiert, vergleichbar jenen berüchtigten Pflanzkübeln, die alljährlich pünktlich zum Frühlingsbeginn aus irgendwelchen Depots gezerrt und zur Dekoration öffentlichen Raumes postiert werden. Will man der zeitgenössischen Kunst Raum schaffen, so bleibt wohl nur der Gedanke an Verdichtung – oder an Substitution! Aber wohin mit all den Statuen, Reiterstandbildern oder Brunnen mit Kunstanspruch, die seit Dezennien prominente Plätze besetzen, obwohl sie nur noch an verblasste Mythen erinnern? Provokanter formuliert: Darf man einen Prinzregenten verbannen? Manche Akteure oder Kommentatoren der hiesigen Kunstszene sehen keinen akuten Substitutionsbedarf, weil die ortsnahe Konfrontation von moderner Kunst mit Vorhandenem ihren eigenen Reiz habe. Will heißen: Es ist noch genügend Platz da.

 

Ganz anders denken da die beiden mit Bambergs Stadtheimatpflege Betrauten, Stephanie Eißing und Ekkehard Arnetzl. Sie befinden schon seit längerem, dass die bevorzugten Flächen im Weltkulturerbeareal überbeansprucht sind, weil sich niemand an zentrumsfernere Orte „drängen“ lassen will. Natürlich gebe es dafür triftige Gründe, z.B. politische Vorgaben zu historischen Gedenkanlässen (Hexenverfolgungsmahnmal, Widerstandsdenkmal). Auch die verbliebenen Kunstwerke der Ausstellung zum tausendjährigen Bistumsjubiläum 2007 und der Ankauf je einer Plastik nach den von Bernd Goldmann besorgten Werkschauen hätten zur Raumverknappung beigetragen, was allerdings angesichts der Qualität des Gezeigten schwerlich zu kritisieren wäre. Das Eine wie das Andere aber verringere die „soziale Verfügungsfläche“ der bürgerlichen Wohnbevölkerung. Nicht jede Grünanlage müsse grundsätzlich verfügbar sein für Kunstimplantate, und als kostenlose Werbefläche für Galeristen dürfe sie schon gar nicht herhalten. Die beiden Stadtheimatpfleger, in ihrer Beurteilung der Lage offenkundig recht einig, bringen alternative Kunststandorte an der urbanen Peripherie wie beispielsweise die Grünlagen an den Universitätsgebäuden in der Feldkirchenstraße ins Gespräch. Als Exemplum für eine negative Entwicklung nennen sie das Weidenareal, wo sich zwischen Schiffbauplatz und Markusplatz ein mittlerweile bedenkliches Potpourri von Objekten – nicht nur künstlerischer Art – angesammelt habe. Auf diese sehr spezielle Meile wird zurückzukommen sein – in der nächsten Ausgabe von art5drei. 

 

Kunst oder Thuya, das ist hier die Frage: Verkehrsrondell am Wilhelmsplatz, Foto © Martin Köhl
Zusammen mit dem „Dreiklang“ wird‘s eng am Schiffbauplatz: Luginbühls Ankerfigur, die Marienstatue und Wortelkamps „Stimmgabel“, Foto © Martin Köhl

Martin Köhl
26.11.2014

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