Vom stillen Blick der Vögel

Die traumhafte Welt des Bamberger Vogelsaals

Vom stillen Blick der Vögel

1836 – und das galt damals als „unerhörte Begebenheit“ (Goethe charakterisierte so im Gespräch mit Eckermann die Novelle) – hielt Vogel Strauß Einzug. Nämlich in ein Naturalienkabinett, in den späteren Vogelsaal des Naturkundemuseums Bamberg, der als der schönste historische seiner Art, und das, nota bene: weltweit, gefeiert wird. Erst recht nach seiner jüngsten sechzehnmonatigen Renovierung. Die Schätze und die Schönheiten dieser Preziose fängt nun die Publikation „Der stille Blick“ ein. Der aus Siebenbürgen stammende Fotograf Jürgen Schabel ist es, der „Die traumhafte Welt des Bamberger Vogelsaals“, so der Untertitel des Bandes, vor die Linse, in den Blick, genommen hat.

 

Wenn das Hauptaugenmerk auf den Bildern liegt, die ein ums andere Mal belegen, dass die Fotografie eine Kunst ist, so lebt „Der stille Blick“ doch auch von Wortbeiträgen. Diese beigesteuert haben, neben Schabel, der in der Weltkulturerbestadt seinen Lebens-, im Nürnberger Galeriehaus Defet sein Atelier, seinen Arbeitsmittelpunkt hat, die Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia Nora Gomringer, sowie Matthias Mäuser, der nach „einschlägigem Studium in Würzburg und Utrecht und darauf folgenden Zwischenstationen“ seine „ökologische Nische“ im Naturkundemuseum, dem er seit einem Vierteljahrhundert vorsteht, gefunden hat.

 

„Tretet ein!“, möchte man jedem auch nur irgend an der Vogelwelt Interessierten zurufen, allen Liebhabern von Fauna und Flora. Denn der Vogelsaal beherbergt nicht nur Schuhschnabel und Quetzal, Bubo virginianus (der in Nord- und in Teilen Mittel- und Südamerikas verbreitete Virginia-Uhu, erworben 1862, vom Apotheker G. Goes aus Bamberg) und Schwarzhals-Kronenkranich (in Zentralafrika zuhause, angeschafft, 1912, bei Schlüter in Halle). Da sind auch Flussmuscheln und Steinkorallen, da ist die Rote Helmschnecke aus dem Indopazifik, deren Gehäuseeingang Schabel fast einem orangelodernden Vulkankrater gleich wundervoll in Szene gesetzt hat.

 

Heute sind es über 800 Vogelarten, die im Saal eine gute Figur machen. Hinzu kommen Schnecken und Fische, Schlangen und Kröten, etliche weitere Präparate, Mineralien, Fossilien und eine feine Wachsfrüchtesammlung. Naturgemäß kann nur ein schmaler Teil des Gesamt-inventars (und zwar auf Dauer, wie Mäuser versichert) gezeigt werden, das Gros befindet sich im Depot. Schon Georg Fischer, in der Nachfolge des genialischen Sammlers Andreas Haupt bis 1912 Kustos des Kabinetts, füllte im Zuge seiner Neuordnung „elf dicke Inventarfolianten und 44 ebensolche Kataloge mit den Daten von rund 320 000 Objekten“.

 

Seinen Anfang nahm das Kleinod unter Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal, der 1791 die Errichtung eines Naturalienkabinetts im Nordflügel des ehemaligen Jesuitenkollegs veranlasste. Mit der Säkularisation von 1803 wurde das Kabinett im nahen Kloster Banz aufgelassen. Dessen Vorsteher, der Benediktinerpater Dionysius Linder, entschloss sich, dem noch unfertigen Pendant in Bamberg seine gesamten Bestände zu überlassen, so er denn auf Lebenszeit als Vorstand des Kabinetts wirken dürfe. Dem wurde stattgegeben, ein steiler Aufstieg der Sammlung brach an.

 

Als im Sommer 1834 Fürst Pückler von Muskau durch Franken reiste, hielt der Reiseschriftsteller und Gartenkünstler über seine Bamberg-Visite fest, er habe das „hiesige Cabinett noch nie übertroffen, ja in mancher Hinsicht nie erreicht gesehen“. Vor allem pries er die sorgfältige Präparierung und Konservation, die kunstreiche Aufstellung, die lebendigen Farben.

 

Apropos Farben (des Raumes): Deren ursprünglichen Grundkanon – Weiß, Blau, Gold – hatte man im frühen 20. Jahrhundert ad acta gelegt. Ziel der im April 2010 abgeschlossenen Renovierung war es, das ehemalige Erscheinungsbild, mithin die Mehrfarbigkeit der Ausstattung und der Raumschale, wieder herzustellen. Das ist den Restauratoren, ebenso wie die Revitalisierung des Parkettbodens, glänzend gelungen. Die Exponate schließlich machen das Glück vollkommen. Auch auf und in den Bildern Jürgen Schabels, der in seinen fotografierten Stillleben die „von Objektivem wie Subjektivem gleichermaßen durchtränkte Ebene der Poesie“ immer wieder sucht. Und, das sei versichert, findet.

 

Ein Nachsatz noch. „Nachrichten aus der Luft“ (so heißt ein von Gomringer 2010 vorgelegter Gedichtband) sind es, unter anderem, die Vögel uns senden. Zumeist aus der Luft. Aber selbst wenn sie am Boden bleiben und des Lesens – schauen können sie ohnehin – kundig sein sollten, schickten sie uns gewiß die Meldung zu, dass wir doch den „Stillen Blick“ erwerben mögen. Schabel jedenfalls, und, mit ihm, Gomringer und Mäuser, ist eine bibliophile Kostbarkeit gelungen, die dank Stiftungen und Förderer zu einem geradezu sagenhaft günstigen Preis zu haben ist. Sie macht sich zweifelsohne gut auch unter dem heimischen Weihnachtsbaum (bei uns am weitesten verbreitet: Abies nordmanniana, die Nordmann-Tanne).

 

Der stille Blick.
Die traumhafte Welt des Bamberger Vogelsaals.

Mit Fotografien von Jürgen Schabel, Texten von Nora Gomringer, Matthias Mäuser, Jürgen Schabel.
Bamberg: Lyceumstiftung, 2014.
102 Seiten, 15 Euro.

 

Copyright Foto:
Ein Blick in den Vogelsaal des Naturkundemuseum Bamberg © Naturkunde-Museum Bamberg

Jürgen Gräßer
26.11.2014

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