Kollisionen, kontrolliert

Kut und Kuhn beim Kunstverein Bamberg

Kollisionen, kontrolliert

Sie sind in der Domstadt längst keine Unbekannten mehr und kommen immer wieder gern zurück an die Regnitz, zumal es ja von Nürnberg aus, wo sie inzwischen ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt haben, nicht weit nach Bamberg ist. Aldona Róza Kut und Sebastian Kuhn gehörten zum Stipendiatenjahrgang 2011/2012 des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia. Schon während der Kunst- und Antiquitätenwochen im vergangenen Sommer sorgten die beiden dafür, dass rund um die Karolinenstraße historische und zeitgenössische Kunst aufeinandertrafen.

 

Aus Anlass seiner Jahresausstellung hat der Kunstverein Bamberg Kuhn und Kut nun zurückgeholt. „Controlled Collisions“ nennt sich die Schau in der Stadtgalerie Villa Dessauer, die vom 13. Dezember (Vernissage ist bereits am Abend davor, um 18 Uhr) bis zum 31. Januar läuft. Es ist das erste Mal, dass das Paar gemeinsam ausstellt. So treffen Sebastian Kuhns Materialschlachten erstmalig auf die feinsinnigen Objekte und Faltungen Aldona Kuts.

 

Auch wenn sie zusammenleben, auch wenn jeder sein (eigenes) Atelier auf dem Nürnberger AEG-Gelände hat, sind Kut und Kuhn doch keine Künstlergruppe, kein Künstlerpaar in dem Sinne, wie es etwa Christo und Jeanne-Claude waren. „Wir sind meistens unsere ersten Rezipienten, nehmen unsere Arbeit gegenseitig wahr und tauschen uns intensiv darüber aus“, sagt Kuhn. „Man weiß, wie der andere funktioniert.“ Also frage man schon mal den anderen, was er sich dabei gedacht habe. Im bewussten Reflektieren und wie man damit umgehe, sei das „eine Art von Aufeinandertreffen“, aber eben, wenn es überhaupt eine Kollision sei, eine „kontrollierte“. „Außerdem arbeiten wir in unterschiedlichen Medien und doch auch auf sehr unterschiedlichen Ebenen.“ Kut ergänzt: „Wir diskutieren viel, wir vertreten manchmal durchaus voneinander abweichende Meinungen.“ Aber das sei auch sehr interessant.

 

1976 im polnischen Przemysl geboren, hat Kut in Krakau zunächst Modedesign, dann Malerei und Bühnenbild studiert und jeweils mit dem Diplom abgeschlossen. An der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, die sie bereits von einem Sokrates-Erasmus-Stipendium her kannte, absolvierte sie 2008 den Masterstudiengang in Architektur und Stadtforschung. Seither arbeitet sie als freischaffende Künstlerin.

 

Kut begreift sich als eine Nomadin, die versucht, das Spartendenken aufzubrechen und Grenzen aufzuheben, etwa die zwischen Kunst und Design. Dies gelingt ihr, indem sie sich verschiedener Techniken, Zugangsweisen und Materialien bedient. Papier und Stoffe werden gefaltet, auch Zeichnungen entstehen und Objektkunst. Ab und an kommt das Dreidimensionale mit ins Spiel. „Es passiert viel im Bild“, sagt Kut. All dies hat, obwohl sie sich ungern festlegt, mit dem subtil umspielten Thema der Verortung zu tun.

 

Mit Bleistift, in Grafit auf Pappe und im Eichenrahmen platziert oder als Objektkästchen mit Mixed Media, schafft Kut zarte, subtil anmutende Werke, von denen sie im ersten Obergeschoss der Villa Dessauer eine Auswahl jüngeren Datums zeigt. In der Jahresausstellung „Controlled Collisions“ wird, wenn auch nicht in ein- und demselben Raum, Kuts Kunst mit Werken Sebastian Kuhns konfrontiert, also, wenn man einem Wort Susanne Altmanns folgt, der Kuratorin und Kunsthistorikerin aus Dresden, mit „kalkulierten Materialschlachten“.

 

Kuhn geht in seinen Arbeiten, bei denen sich der Betrachter fragen kann, ob es sich um eine Montage oder um eine Demontage handelt, einem räumlichen und skulpturalen Ansatz nach. Von 2014 stammt die Installation „Display Devices VII“, in der ein galvanisierter Schlauchaufhänger, Nadelfilz, Sylomer, Acrylglas und Schrauben zusammenfinden – eben zu einer Materialschlacht, einer kalkulierten. Schon 2011 schuf Kuhn aus Holz, Acrylglas, Schaumstoff, Farbe, Teppichbodenbelag und Markierungsband den „Satellite“. Auch die in den Raum greifende Arbeit „Z4UTURNAROUNDROTATION“ aus BMW-Karosserien, Aluminium, Stahl und Schrauben entstand 2011 und ist Teil einer Reihe, die sich mit Konstruktion und Dekonstruktion befasst. Kuhn hat beide bewusst für die Villa Dessauer ausgewählt.

 

2008 mit dem Kunstförderpreis des Bayerischen Staatministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst ausgezeichnet, hat Kuhn an der Nürnberger Akademie bei Tim Scott und Claus Bury studiert. Eine gute Wahl, wie er findet, eine Zeit, die er nicht missen möchte. Und abschließend bekräftigen beide nochmal, dass längst auch Bamberg für sie zu einem wichtigen Ort geworden sei.

 

Copyright Fotos:
S. Kuhn, Z4UTURNAROUNDROTATION, 2011, H 245 x B 250 x L 600 cm, BMW z4 Karrosserien, Aluminium,Stahl, Schrauben © S. Kuhn & VG Bildkunst Bonn
Aldona Kut, O.T., „Kropla“, 2013, 30x20 cm, Objektkästchen, Mixed Media © Aldona Kut
Aldona Kut, O.T. „Pustka“, 2014, 2 x 100x70 cm, Bleistift, Grafit auf Pappe, im Eichenrahmen © Aldona Kut
Aldona Kut, O.T., „NYC 34-52“, Mixed media, 70x100 cm © Aldona Kut
S. Kuhn, Satellite, 2011, H 55 x B 190 x L 190 cm, Holz, Acrylglas, Schaumstoff, Farbe, Teppichbodenbelag, Markierungsband © S. Kuhn & VG Bildkunst Bonn

Jürgen Gräßer
26.11.2014

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