Wandkunst wider die Betontristesse oder Sachbeschädigung?

Graffiti sind in unseren Städten präsenter denn je, aber eigentlich nichts Neues

Wandkunst wider die Betontristesse oder Sachbeschädigung?

 Narrenhände beschmieren Tisch und Wände – ja, aber nicht nur die! Seit es den Homo sapiens gibt, bekritzelt er Wände, freilich auf recht unterschiedlichem Niveau. Wer einmal gebeugt durch die originalen Höhlen von Altamira, Lascaux oder Les Eyzies streifen durfte und die viele Jahrtausende alten Zeichnungen von Stieren, Pferden und anderem Getier bewundern konnte, weiß das ebenso wie der urbane Spaziergänger des 21. Jahrhunderts. Zwischen diesen vorzeitlichen Artefakten und dem Heute liegen saharische Felszeichnungen, die antiken Karikaturen in Pompej und vieles andere mehr.

Doch wie soll man das kategorisieren, was der Mensch – und schon seine quasihominiden Vorgänger – auf alle nur erdenklichen freien Flächen zeichnet, malt oder schmiert? Die Bandbreite reicht von bloßem Vandalismus oder gedankenloser Kritzelei über ungelenke Malübungen und bereits fortgeschrittenes handwerkliches Können bis hin zu wahrer Kunst. ‚Sgraffito’ lautet der Sammelbegriff, unter dem mittlerweile alle muralen Verewigungen firmieren, seien sie nun vulgäre Schmiererei oder anspruchsvolle bildnerische Komposition. Nicht nur im längst flächendeckend behandelten Berlin, auch in den Städten Frankens lassen sich alle Facetten der Graffitomanie studieren.

Aber es gibt auch Orte, an denen man wahrlich keine künstlerischen Entäußerungen dieses Typs vermutet, schon gar keine historischen. Den Bamberger Dom beispielsweise, der an einem versteckten Ort mit einer veritablen Überraschung aufwartet. Wer in dessen Südostturm steigt, erreicht gleich über der Adamspforte die so genannte Nikolauskapelle. Bevor es elektrische Glockenantriebe gab, weilten dort Mesnergehilfen, die durch die Gewölbelaibung zum südlichen Seitenschiff hindurch den Fortgang der Messe verfolgen und rechtzeitig in die Seile greifen konnten, um das in diesem Turm befindliche Hauptgeläute des Domes in Gang zu setzen. Manchmal – die Messen dauerten in der Barockzeit oft über zwei Stunden – müssen sie sich arg gelangweilt haben. Wie anders ließe es sich erklären, dass ausgerechnet hier Wandzeichnungen erhalten sind, die Kirchenbesuchern reichlich taktlos erscheinen mögen und wahlweise als Karikaturen, Graffiti oder bloße Kritzeleien verstanden werden können?

Die Glöckner hatten im ersten Turmgeschoss ihre „gute Stube“ und wussten, dass sich weder die Domherren hierher verirren würden, noch die normalen Kirchenbesucher Zugang hatten. Also konnten sie davon ausgehen, dass sie ihrer Phantasie an den Kapellwänden ungestraft Raum geben durften. Und das taten sie in derber Weise: Ihre Kapitulare karikierten sie als gesellige Biertrinker, die auf den Domtürmen herumturnen. Übrigens verrät ein architektonisches Detail, dass die Malereien schon recht alt sind, jedenfalls vor 1750 entstanden sein müssen: ein mächtiger Dachreiter, der mit der spätbarocken Dacherneuerung verschwand, ziert auf dem Graffito noch das viertürmige Gotteshaus.

Geht man in die Stadt hinunter und schaut, was die heutigen Nachahmer dieses barocken Tuns zuwege – oder besser: zumauer – bringen, so überwiegt zunächst ein wenig origineller Eindruck: viele Wiederholungen ein und desselben Motivs, in der Szene auch als ‚tagging’ bezeichnet. Jede Stadt scheint besonders hartnäckige Wiederholungstäter zu haben, deren Botschaft ganz lapidar „Ich war hier“ lautet, was an den unvergessenen McKilroy amerikanischer GI’s aus den vierziger Jahren erinnert. Hinzu kommen unsägliche Schmierereien, die das Niveau bloßer Sachbeschädigung nie übersteigen.

Wer Interessanteres sehen will, sollte weniger durch Wohnviertel streifen, sondern sich in die urbanen Souterrains begeben, denn dort kommt der Begriff Subkultur noch im doppelten Sinne zu seinem Recht. Unter Frankens Brücken geht es nämlich kreativ zu – und überdies auch noch teilweise legal. Neben den offiziell für die Graffiteure vorgesehenen Flächen gibt es mehr oder weniger geduldete, auf denen sich Scharlatane ebenso tummeln wie angehende Künstler. Letztere scheinen sogar mit der Beherrschung der Perspektive keine Probleme zu haben, was etwas heißen will angesichts der Größe und Höhe der zu bearbeitenden Flächen. Neben ziemlich wüsten Sexphantasien finden sich Astrales, die „Gothic“-Szene, Pop-Art und die aufgrund ihrer Schlichtheit besonders seriös wirkenden Oeuvres in Schablonentechnik.

Die Formen sind meist sehr schroff, aber phantasievoll und – abgesehen von den schwarz-weißen Schablonengraffitis – stets grellbunt. Doch auch die gelungensten Werke sind nicht sicher vor jenen Tölpeln, deren Einfalt und mangelndes Rechtsbewußtsein weder vor barocken Sandsteinwänden noch vor wirklichen Kunstgraffitis halt machen. Dann verhindern eine schäbige Kritzelei oder gar eine Hakenkreuzschmiererei das, was ambitionierte Sprayer letztlich wollen: dem öffentlichen Raum zumindest dort, wo er über Beton-tristesse nicht hinauskommt, ein wenig Phantasie einzuhauchen. 

„Wandkunst“ in Bamberg, Fotos © 2mcon, Bamberg / „Wandkunst“ in Hallstadt, Fotos © 2mcon, Bamberg

Martin Köhl
03.02.2015

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