In der Grauzone der Toleranz

Charlie Hebdo und die medialen Folgen: ein kritischer Lektürebericht

In der Grauzone der Toleranz

 Als nach dem mörderischen Attentat auf die Redakteure von Charlie Hebdo Hunderttausende in aller Welt das Banner „Je suis Charlie“ hochhielten, folgte tags drauf die Antwort der Pariser Vorstädte: In St. Denis und andernorts weigerten sich ganze Schulklassen, an der Schweigeminute für die Opfer teilzunehmen. Durch die „sozialen Medien“ geisterten Botschaften wie #jenesuispascharlie# und #jesuiskourachi#. Dass der barbarische Anschlag Freudenfeste in der islamischen Welt zeitigen würde und Massenkundgebungen im frankophonen Schwarzafrika mit dem Slogan „Nous ne sommes pas Charlie“ zu erwarten waren, musste seit den Ereignissen rund um die dänischen Mohammed-Karikaturen vor acht Jahren nicht mehr wundern. Aber unverhohlene Freude über die Taten islamistischer Mörder inmitten westlicher Metropolen, das war neu und schockierend. Gleichwohl reagierten die Meinungsbesitzer aus der Politik und den Feuilletonredaktionen routinemäßig mit den üblichen Beschwichtigungsformeln, inklusive des Artenschutzarguments für religiöse Gefühle. Auch Angie war natürlich gleich zur Stelle mit dem oft gehörten Tranquilizer-Satz, das alles habe doch nichts mit dem Islam zu tun, denn der sei ja genuin friedlich. Die Lektüre des Korans kann Frau Merkel bei der Gewinnung dieser Erkenntnis kaum geholfen haben, denn der dekretiert in den Suren 8 und 9, dass zwischen dem „Haus des Islam“ und dem „Haus des Krieges“ (der nichtmuslimischen Welt) so lange Krieg herrscht, bis das „Haus des Krieges“ nicht mehr existiert und der Islam Macht über die ganze Welt hat. Nach klassischer Lehre besteht nämlich für die muslimische Weltgemeinschaft die Pflicht, gegen die Ungläubigen Krieg zu führen, bis diese sich bekehren oder unterwerfen. Vor diesem Hintergrund gibt die landauf landab von den Imamen wiederholte Beteuerung, der Islam sei eine völkerverbindende Religion, Rätsel auf. Vom Lehrfundament und Ethos her, so hieß es kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, sei der Islam nicht gewalttätiger als Christen- und Judentum. Quasi als Beweis dafür wurden Gewalt legitimierende oder fordernde Stellen aus dem Koran solchen aus dem Alten Testament gegenübergestellt. Aufschlussreicher wäre der Vergleich mit dem Neuen Testament gewesen, der wesentlicheren Grundlage des Christentums, in dem ganz andere Werte gelten. Jedenfalls ist es nicht durchdrungen von jener feindlichen Ablehnung Anders- oder Nichtgläubiger, die uns aus fast jeder Sure des Korans gegenübertritt.

Man kann insofern von Glück reden, dass die Mehrheit der Moslems in Europa die Vorschriften des eigenen Glaubenskodex nicht so ernst nimmt und mit der autochthonen Bevölkerung in Frieden lebt. Aber wo sind sie dann, die als winzige Minderheit georteten Bösewichter von der islamistischen Terrorfront? „Islamisten tauchen in einer „normalen“ Moscheegemeinde nicht auf“, versichert Benjamin Idriz, der oft interviewte Imam der Penzberger Vorzeigemoschee. Da stellt sich die Frage der Normalität, denn irgendwo müssen die gewaltbereiten Anhänger des Propheten ja islamisch sozialisiert worden sein. Das Bundesministerium des Inneren förderte in einer Studie („Lebenswelten junger Muslime“) zutage, dass in Deutschland ein Viertel der Muslime zwischen 14 und 32 Jahren streng religiös, dezidiert antiwestlich und tendenziell gewaltbereit sind. In Frankreich dürften die entsprechenden Zahlen noch erheblich bedrohlicher aussehen. Wenn dann bezüglich der Ursachen monokausal im sozialen Bereich gesucht wird (Der Spiegel titelte: „Der Terror der Verlierer“), ist das nur ein Teil der Wahrheit. Während der gewalttätigen Unruhen in Straßburg, Lyon und Paris vor einigen Jahren, als Tausende von Autos abgefackelt wurden, zerstörten die Jugendlichen ebenso zielgerichtet eben jene Einrichtungen, die ihnen der (relativ fürsorgliche) französische Staat zur Verfügung gestellt hat, nämlich Stadtteilzentren, Turnhallen, Jugendzentren etc. Der Hass geht also tiefer, und dabei spielt religiöse Aufstachelung leider eine große Rolle. Die Willfährigkeit, mit der man in Frankreich solch fragwürdige Figuren wie Tariq Ramadan zu Wort kommen lässt, wirkt wie Brandbeschleunigung. Ramadan und sein Bruder, der öffentlich die Steinigung von Frauen als gerechte Strafe guthieß, gehören zu den Kreisen, die wie die ägyptischen Muslimbrüder von der Notwendigkeit sprechen, das Mittelmeer zu einem „islamischen Binnenmeer“ zu machen.

In Deutschland hat die Debatte um die Folgen des Anschlags nach den ritualisierten Erstreaktionen einen etwas nachdenklicheren Verlauf bekommen. Heute würde wohl kein Thomas Steinfeld (von der SZ) mehr wagen, Islamkritiker wie Hamed Abdel-Samad oder Necla Kelek als „unsere Hassprediger“ zu bezeichnen. Gleichwohl finden die zwangstoleranten Anhänger der Appeasement-Strategie, denen es um die Rettung ihrer vergilbten Multikulti-Illusionen zu tun ist, immer noch Argumente, um zu verdrängen, dass der Fundamentalismus tief in die westlichen Gesellschaften eingedrungen ist. Lässt sich die Fiktion von der Gleichartigkeit der drei monotheistischen Buchreligionen schon historisch leicht widerlegen, so wird sie von den gegenwärtigen Zuständen vollends konterkariert. Dem Judentum beispielsweise ist der Gedanke an aggressive Missionierung völlig fremd, und Juden haben Andersgläubige in der Regel nie mit dem Schwert verfolgt (eine Feststellung, die auch durch den inakzeptablen Umgang des Staates Israel mit den Palästinensern nicht unrichtig wird). Dem Christentum wiederum ist die Vorstellung von einem göttlichen Auftrag zur Ermordung Andersgläubiger fremd (eine Feststellung, die auch Kreuzzügler und Konquistadoren nicht nachträglich falsifizieren konnten). Dem stehen die „blutigen Ränder des Islam“ gegenüber, von denen Samuel Huntington schon in seinem „Clash of Civilisations“ sprach. Seine Bilanz: „Muslime nehmen an weit mehr Gewalt zwischen Gruppen teil als die Menschen jeder anderen Kultur“. Man könnte mit Blick auf die Aktualität der letzten Jahre hinzufügen: Fast alle Terroranschläge weltweit haben einen muslimischen Hintergrund. Diese bedenklichen Tatsachen rechtfertigen zwar keine Islamophobie à la Pegida oder das Gerede von der Islamisierung Deutschlands, aber sie geben zu denken.

Bisweilen wird argumentiert, der Islam werde sich nach einer Phase der Aufklärung abmildern. Doch das wird schwierig sein für eine Religion, die den Vorrang weltlichen Rechts vor dem göttlichen prinzipiell nicht akzeptieren kann, der die Idee der Gewaltenteilung fremd ist und die Religionswechsel oder gar Religionsfreiheit mit härtesten Strafen belegt. Sämtliche 23 Länder der Welt, die den Religionswechsel unter Strafe stellen, haben eine muslimische Bevölkerungsmehrheit, und das Recht auf Religionsfreiheit gibt es in keinem muslimischen Land. Es ist also noch viel zu tun, bevor die drei Buchreligionen auf der oft beschworenen „gleichen Augenhöhe“ sind.

Einstweilen kann man, wie oben schon angedeutet, nur hoffen, dass die Mehrheit unserer islamisch erzogenen Mitmenschen den Koran nicht allzu wörtlich nimmt, sondern ihn zunehmend als ein historisches Buch betrachtet, das es im Kontext seiner Entstehungszeit zu lesen und zu verstehen gilt.

Je suis Charlie, Protest in Frankreich, Foto © istockphoto.com

Martin Köhl
03.02.2015

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