Lieblingsfarben und Tiere

Element of Crime am 20. Februar in Erlangen

Lieblingsfarben und Tiere

 Am 20. Februar ist es wieder einmal soweit. Sven Regener und seine Band Element of Crime geben sich mit Spannung erwartet in der Erlanger Heinrich Lades-Halle die Ehre. Mit im Gepäck: Die frisch auf den Markt gebrachte neue Langspielplatte „Lieblingsfarben und Tiere“. Schon wieder mag man denken. Die aus der Westberliner Punkszene der 70er und 80er-Jahre hervorgegangene und 1985 offiziell gegründete Kombo mit dem charismatischen Frontmann Sven Regener hat es erneut getan. Ein Albumtitel, der so gar nichts verrät und viele Fragen offen lässt. Auch wenn man sich intensiver mit der Platte und den Texten beschäftigt. Wie schon so oft in der 30jährigen Bandgeschichte bleibt am Ende eines übrig: Fragen. Viele Fragen. Und versucht man mit dem Bandleader die Fragen näher zu interpretieren, dann bleibt am Ende noch eines übrig: Noch mehr Fragen. Sänger, Trompeter und Songschreiber Sven Regener ist jemand, der Texte für vielschichtige Situationen schreibt. Einer, der mehr Fragen offenlässt, als er beantwortet. Aber auch einer, dessen Antworten in vielen Lebenslagen angewandt werden können. Und vor allem: Einer, der auf den Bühnen der Republik seit vielen Jahren bleibende Eindrücke hinterlässt. Neues? Ist nur bedingt zu erwarten. Element of Crime stehen schon immer für eine gewisse Kontiniuität in ihrer Musik und in ihrem Schaffen. Zumindest seit sie erstmals ein deutschsprachiges Album veröffentlich haben. 1991 war das. Sechs Jahre nach der Gründung der Band. Die versuchte sich wie so viele New-Wave-geprägte Künstler in den achtziger Jahren an englischsprachiger Musik. Mit durchaus bemerkenswertem Erfolg. Schnell schafften sie den Sprung aus dunklen Proberäumen auf die Bühnen Berlins - und sogar darüber hinaus. Regener hatte sich da schon einen gewissen Ruf in der Szene erarbeitet. Mit Zatopek, einer Berliner Band zwischen Punk, Jazz und Funk - quasi die legitimen Vorgänger von Peter Fox und Seeed, sammelte er erste Bühnenerfahrungen. Und schon da war ihm das Glück hold. Zatopek suchten einen Trompeter. Zufällig spielte Regener just in dieser Zeit bei einem Berliner Saxophonisten vor. Und zack, landete er bei seiner ersten Band. Lang hielt es ihn nicht dort. Aus „Neue Liebe“ entstand schließlich Element of Crime. Mit englischen Texten im Gepäck.

Irgendwann war es dann soweit: Anstatt der englischen Texte wagten sich der gebürtige Bremer Regener und seine Mitstreiter an deutsche Texte. Und was soll man sagen? Ein bahnbrechender Erfolg. Auch wenn der Paradigmenwechsel anfänglich nahezu ausschließlich finanziellen Zwängen unterworfen wurde. Es war schlichtweg so, dass sich die Band eine Auszeit aus monetären Erwägungen heraus nicht leisten konnte und wollte. Des Rätsels Lösung: Element of Crime, übrigens benannt nach Skandalregisseur Lars von Triers‘ Film, besann sich ihrer Wurzeln. Die erste Auskopplung in deutscher Sprache „Damals hinterm Mond“ wurde zu einem Achtungserfolg, der Nachfolger „Weißes Papier“ avancierte zum ersten Charterfolg der Band. Auch geschuldet der Tatsache, dass Element of Crime im Vorprogramm Herbert Grönemeyers 1992 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Sven Regener und Gitarrist Jakob Friderichs, die beiden verbliebenen Gründungsmitglieder der Dark- und New Wave geprägten Band, hatten den Sprung aus dem Schattendasein der detuschen Popmusik geschafft. Und auf der Sonnenseite stehen sie bis zum heutigen Zeitpunkt. Keines der zehn seither veröffentlichten Alben hat es nicht mindestens sechs Wochen in die deutschen Albumcharts geschafft - und keines knackte nicht mindestens die Top 30-Marke. Übertroffen wurden die großen kommerziellen Erfolge in Deutschland noch in Österreich. Im Nachbarland mit dem bekanntermaßen ebenfalls morbide anmutenden Charme treffen Element of Crime den richtigen Ton. Der verdiente Lohn dafür: Das aktuell eingespielte Touralbum katapultierte Element of Crime erstmals weltweit an die Spitze der Albumcharts eines Landes! Es hat sich gelohnt für die Folkrocker, länger als je zuvor auf die Veröffentlichung eines neuen Langspielers zu warten. Zwar war der fast schon obligatorische Vierjahresrhythmus weiterhin gewahrt, doch gefühlsmäßig lagen weit mehr Jahre zwischen „Fremde Federn“ und dem neuesten Machwerk. Auch geschuldet der Tatsache, dass EoC-Frontmann Regener sich in den letzten Jahren immer mehr auf neuen Pfaden bewegt. Als Roman-Schreiber kann der gebürtige Bremer einige Achtungserfolge verzeichnen. Da Gitarrist Jakob Ilja und Schlagzeuger Richard Pappik „nebenbei“ noch Filmmusiken komponieren, Bassist David Young fleissig für andere Musiker produziert ist es wenig verwunderlich, dass die Band für die Produktion neuer Alben ihre Zeit benötigt. Auf der anderen Seite ist auch klar: Keiner der vier Musiker wäre dringlichst auf Element of Crime angewiesen. Im Gegensatz zur deutschen Anfangszeit. Eine gute Basis für gute Scheiben.

Es lohnt sich daher auch, auf die neuen Scheiben zu warten. 2014 setzten Element of Crime einen nächsten Meilenstein - nicht nur aufgrund der kommerziellen Erfolge. Ein Meilenstein, der durchaus der Gesellschaft den Spiegel vorhält, der sich mit der zunehmenden Beschleunigung des Lebens beschäftigt. Facebook, Whats app, Twitter, Instagram und wie die neuesten und immer schneller tickenden Medien auch heißen mögen. Klar, auch Element of Crime kommen um eine Facebook-Seite nicht umhin. Und die wird sogar gepflegt - welch Wunder in der heutigen Gesellschaft. Glücklich sind Sven Regener und seine Mitstreiter mit dererlei Entwicklungen jedoch nicht. Das beweist das neueste Machwerk der immer noch melancholisch wie eh und je daherkommenden Band. Einen Vorteil genießen sie dabei jedoch allemal: Die Anhängerschaft von Element of crime ist jetzt nicht unbedingt die traditionelle Facebook-Nutzer-Gesellschaft. Und daher kann man über dieses und ähnliche Themen vortrefflich (und vor allem zutreffend) schwadronieren. Fast schon zu putzig, wenn Regener über sinnlos gewordene Festnetztelefone, ausgeschaltete Mobiltelefone und die Folgen dieser Entwicklungen sinniert. „Denk an einen Bildschirm mit Goldfisch, das ist für heute genug.“ Die zehn Songs auf der neuen Scheibe klingen auf der einen Seite: Wie gehabt - Experimentieren ist nicht das Hauptbetätigungsfeld von Element of Crime. Auf der anderen Seite - siehe oben - lassen sie viele Fragen offen. Auch wenn es fast zu klar ist, was Regener und seine Mannen an Botschaften transportieren. Man kann - wenn man nur will - sehr vieles in die Texte von Element of Crime hineininterpretieren. Doch es ist nicht nur der wie gehabt poetisch angehauchte Sänger mit seinen herrlich verpackten alltagstauglichen Metaphern, der Spuren in den Köpfen hinterlässt. Auch die Songarrangements sind einmal mehr ganz großes Kino. Ob Tropete, Mundharmonika, Akkordeon oder auch Orgel und Streicher-Einsätze: Kaum ein Stilmittel, dass Element of Crime in musikalischer Hinsicht fremd wäre. Davon überzeugen können sich die Anhänger am 20. Februar auch in Erlangen. Es wird übrigens das erste Deutschland-Konzert der Mammut-Tour, die Sven Regener und Co. in Zürich eröffnen werden. Was die Leute in der Heinrich-Lades Halle erwartet? Man darf gespannt sein. Eines jedenfalls dürfte sehr wünschenswert sein: Viele, möglichst sehr viele alte Titel. Was nicht damit zusammenhängt, dass die neu ausgekoppelten Singles auf „Lieblingsfarben und Tiere“ nicht hörenswert wären. Ganz im Gegenteil. Aber Regener und seine Mitstreiter haben wieder einmal einen echten Meilenstein in der Musikgeschichte gesetzt. Mit gerade einmal 38minütiger Spielzeit dürfte der neue Longplayer einer der kürzesten in der Historie gepresster Musik sein (es gab schon Element of Crime-Scheiben, die noch kürzere Playlists aufwiesen). Es gab Zeiten, da schaffte es Frank Zappa, in dieser Zeit gerade einmal ein Lied auf die Bühnen der Republik zu zaubern. Apropos: Mitunter erinnern die neuen Klänge der Band durchaus an die guten, alten Zeiten der 60er und 70er-Jahre. Was auch an diversen Coverversionen liegen könnte. Und daran, dass sich Element of Crime an ihre Ursprünge erinnern. Einst war mit Jürgen Fabritius ein Saxophon-Spieler in der Ursprungsformation. Nach der Abkehr von diesem wunderbaren Instrument und vielen Streicherarrangements taucht das Saxophon jetzt wieder auf. Mit Rainer Theobald ist als Tourbegleitung einer dabei, der dieses Spielgerät hervorragend inszeniert und das auch auf dem Longplayer mit einem herrlichen Solo untermauert. Man darf gespannt sein!

„Element of Crime (Jena) 11.08.06 1“, Foto © User: Moneo, lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons / Das aktuelle Album: Element of Crime - Lieblingsfarben und Tiere, Foto © Albumcover

20. Februar 2015

Heinrich-Lades-Halle,
Rathausplatz,
91052 Erlangen20. Februar 2015

Andreas Bär
03.02.2015

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