„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“

Zehn Jahre Sommer Oper Bamberg

„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“

 Es war im Sommer 2005, als sich ein junges Ensemble an Sängerinnen und Sängern und angehenden Orchestermusikerinnen und Orchestermusikern im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater zusammenfand, um in dieser Art erstmals im Großen Haus eine Opernproduktion auf die Bühne zu bringen. Es gab nicht wenige, die Till Fabian Weser, den Initiator, den künstlerischen Leiter, den guten Geist, damals als einigermaßen verrückt erachteten. Und doch lässt sich konstatieren, dass nach einer Dekade – die sechste Auflage steht vom 22. Juni bis zum 28. Juli an – der europäische Orchester- und Opernworkshop aus dem Kulturleben nicht nur Oberfrankens längst nicht mehr wegzudenken ist. Die Sommer Oper Bamberg erweist sich ein ums andere Mals als ein Sprungbrett für talentierte Stimmen.

 

Ehemalige sind etwa ans Staatstheater Stuttgart, das häufig als „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet worden ist und noch immer ausgezeichnet wird, verpflichtet worden, an das nicht wesentlich weniger renommierte Nationaltheater Mannheim oder jüngst an das Landestheater Coburg (der junge tschechische Bariton Jirí Rajniš ist in dieser Spielzeit beispielsweise in „My Fair Lady“, in „Salome“ und auch in der Uraufführung „Ich bin der Welt abhanden gekommen…“ zu bestaunen, einer szenischen Collage – Premiere ist am 28. März – in welcher Rajniš Mahlers Rückert-Lieder singen wird). Auch haben sie bei Opernproduktionen der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden mitgewirkt. Chapeau!

 

Nach dem „Figaro“ 2011, nach „Don Giovanni“ 2013 steht mit dem Singspiel „Die Zauberflöte“ zum dritten Male eine Mozartoper auf dem Programm. Die Ohrwürmer daraus sind hinlänglich bekannt. Da ist, gleich in der ersten Szene des ersten Aktes, die Es-Dur-Aria des Prinzen Tamino, „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, da ist, im Dreivierteltakt, Adagio, Sarastros Bass-Arie „O Isis und Osiris“, da ist auch, stets lustig heissa hopsasa, Papagenos „Der Vogelfänger bin ich ja“, und da ist nicht zuletzt naturgemäß auch „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“, also die Koloraturarie der Königin der Nacht. Man verachte auch nicht die eingängige Ouvertüre, noch den „Marsch der Priester“ zu Beginn des zweiten Aufzugs.

 

Das Renommee der vor zwei Jahren mit dem Kulturförderpreis der Stadt ausgezeichneten Sommer Oper Bamberg spiegelt sich in den Bewerbungszahlen: Vierhundertzwölf Sängerinnen und Sänger wollten sich in der „Zauberflöte“ beweisen, etwa einhundertzwanzig wurden zu einem fünftägigen Vorsingen an die Regnitz geladen. Darunter waren Michaela Schneider aus Scheßlitz, die derzeit in Weimar bei Hans-Joachim Beyer, dem Lehrer von Matthias Goerne, studiert, und die aus Lettland gebürtige Margarita Vilsone. Sie studiert in Nürnberg und hatte sich für die Partie der Pamina beworben, alternativ auch als erste von drei Damen. Vertreter der Presse hatten das Vergnügen, außerdem noch Marcel Brunner lauschen zu dürfen und Timo Schabel, die beide in Mannheim studieren.

 

Schabel, Jahrgang 1986 und aus Leonberg stammend, debütierte im Mai 2012 bei den Schwetzinger Festspielen, im darauffolgenden März gab er den Tamino bei den Osterfestspielen der Berliner Philharmoniker. Nein, nervös sei er eigentlich nicht gewesen, erzählte Schabel im Gespräch. Er bestätigte den nicht zu verachtenden Ruf der Sommer Oper. „Ein sehr gutes Sprungbrett für junge Sänger“ sei das, und – so man denn teilnehmen dürfe – sei man hernach bestens vernetzt und habe „eventuell die Möglichkeit, groß in die Welt zu springen“.

 

Auf der Probebühne im E.T.A.-Hoffmann-Theater überzeugte Marcel Brunner, 1992 in Mannheim geboren, nicht nur stimmlich mit seinem so kernigen wie beweglichen Bariton, sondern machte auch in Sachen Mimik und Gestik gute Figur. Er nutzte den Raum und spielte mit dem Publikum, der Journalistenschar. Von dem Niveau beeindruckt zeigte sich die Jury, in welcher neben Weser Franziska Hunke von der Münchner Künstleragentur Artista International und Doris Sophia Heinrichsen saßen. Auch Bodo Busse, der Intendant des Coburger Landestheaters, hatte eigentlich zugegen sein sollen, doch war dieser auf Dienstreise. Dass man nach dem ersten Tag noch keine endgültigen Teilnehmernamen nennen wollte, noch konnte, versteht sich.

 

Die Regie sollte, wie in den Jahren zuvor, Rainer Lewandowski übernehmen. Dem scheidenden Prinzipal des E.T.A.-Hoffmann-Theaters ist es zu verdanken, dass die Sommer Oper im Bamberger Theater überhaupt ein Zuhause gefunden hat. Heuer musste Lewandowski aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Heinrichsen sprang ein. Man kennt sie durch ihre Zusammenarbeit mit den Bamberger Symphonikern. Ihre halbszenischen Inszenierungen des „Ring des Nibelungen“ und jüngst von Verdis „Falstaff“ fanden Beifall, auch in Luzern. „Die Zauberflöte“ hat die Münchnerin, die an der Musikhochschule ihrer Heimatstadt einen Lehrauftrag für szenische Darstellung innehat, bereits fünfmal auf die Opernbühne gebracht.

 

Bereits abgeschlossen sind die Probespiele für das Orchester. Mehr als dreihundert Kandidaten gab es, europaweit, allein neunzig Flötist(inn)en darunter. Man werde, sagte Till Fabian Weser, sicher keinen Gidon Kremer im Orchestergraben sitzen haben. Und doch ist auch das Talent der Instrumentalisten hoch. Ehemalige gehören inzwischen Klangkörpern etwa in Augsburg oder des Gärtnerplatz-Theaters an. Weser lauschte den Bewerbern zum Beispiel an der Hochschule für Musik Hanns Eisler, an der Anton-Bruckner-Universität und an den Konservatorien von Madrid und Maastricht. Die Ausgewählten kommen in den Genuss, mit großartigen Dozenten arbeiten zu dürfen.

 

Darunter ist John Holloway, der von 1978 an, bis 1992, lange Jahre Konzertmeister der London Classical Players war (die 1990 unter ihrem Gründer Sir Roger Norrington und mit Dawn Upshaw als Pamina eine fabelhafte Einspielung der Köchelverzeichnisnummer 620 vorlegten). Holloway gilt als einer der Pioniere der Alte-Musik-Bewegung und unterrichtet inzwischen, nach anderthalb Dekaden an der Dresdner Musikhochschule, in Trossingen. Dass er sich auf Dowland, Jenkins, Purcell und Morley bestens versteht, hat der Brite zuletzt vor zwölf Monaten mit der bei Manfred Eichers Münchner Label ECM – das sich dem schönen Leitsatz „The most beautiful sound next to silence“ verschrieben hat – herausgekommenen CD „Pavanes and Fantasies from the Age of Dowland“ unter Beweis gestellt.

 

Auch Claire Genewein (Traversflöte), Harry Ries (Posaune) und Robert Cürlis (Pauke und Schlagzeug), ein Kollege Wesers bei den Bamberger Symphonikern – zählen zu den Unterrichtenden. Teil des Workshops ist ein Probespieltraining. Einen wichtigen Platz nimmt zudem die Korrepetition ein: Beate Roux wird lehren, und der oder die Glückliche wird auch die Korrepetition bei dem Meisterkurs mit Angelika Kirchschlager übernehmen. Dieser Kurs ist, seit 2011, ein ganz besonderes Plus der Sommer Oper Bamberg. Des Weiteren hat ein Kammermusikkonzert in der Villa Concordia Tradition. Steffen Wick, noch bis Ende des Monats Concordia-Stipendiat, hat die Komposition eines Auftragswerkes für Streichorchester und zwei Solisten übernommen.

 

Ein Projekt wie die Sommer Oper Bamberg ist ohne Förderer und Mäzene kaum zu denken. So sei zuletzt noch erinnert an den Förderverein, der dem Opern- und Orchesterworkshop nicht nur finanziell zur Seite steht. Thomas Goppel ist dessen Vorsitzender, die Bamberger Architektin Birgit Dietz Goppels Stellvertreterin. Bereits für einen halben Hunderter kann man Mitglied werden und dazu beitragen, dass die Sommer Oper der Weltkulturerbestadt dauerhaft erhalten bleibt.

 

Fotos © Gerhard Schlötzer, Sommer Oper Bamberg

Jürgen Gräßer
22.02.2015

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