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Die 15. Tage der Neuen Musik in Bamberg

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 Von der klassischen Streichquartettbesetzung bis hin zum Einbeziehen von Elektronik reicht das Spektrum dessen, was sich bei den 15. Tagen der Neuen Musik Bamberg – sie finden vom 7. bis zum 10. Mai statt – hören lässt. Markus Elsner, der seit 2011 für das Festival verantwortlich zeichnet (und aufgrund seiner guten Kontakte als ehemaliger Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia auch von seiner Münchner Heimatstadt aus vorzügliches zu leisten vermag), ist es abermals gelungen, ein spannendes und an Abwechslung reiches Programm auf die Beine zu stellen.

 

Apropos variatio delectat: im zweijährlichen Rhythmus alternieren die Tage der Neuen mit den Tagen Alter Musik. Bereits im Vorfeld wird Elsner im Großen Saal des Alten E-Werks, bei der Städtischen Volkshochschule in der Bamberger Tränkgasse, einen Vortrag – der Eintritt ist frei – halten, „Im Ton ist die ganze Welt“, der dem armenischen Komponisten Awet Terterjan gilt (28. April, 19 Uhr). Die postume Uraufführung von Terterjans Oper „Das Beben“ – nach der hinlänglich bekannten Vorlage von Kleist – geriet 2003 am Münchner Gärtnerplatztheater zur Sensation.

 

Terterjans 6. Sinfonie für Kammerchor, Kammerorchester und neun Phonogramme (1981) wird zum Finale des Abschlusskonzertes am 10. Mai im Alten E-Werk erklingen. Es sei, erzählt Elsner beim entspannten Gespräch in einem Café in der Austraße, ein sehr ruhiges, sehr meditatives, ja ins Mystische reichendes Werk. Terterjan hat es als „Requiem zum Gedenken an die Toten im Namen der Wiedergeburt“ beschrieben. Mit den Phonogrammen sind ursprünglich zwei vierspurige Tonbandgeräte mit insgesamt neun vorproduzierten Tonspuren gemeint; für dergleichen greift man heute zum Computer. Zur Aufführung der Sinfonie wird eigens ein Festivalchor ins Leben gerufen. Zu hören sind zudem „Between Lives“ für Akkordeon und Ensemble (2011/2014) von Verena Marisa, die bei Jan Müller-Wieland und Enjott Schneider studiert hat.

 

Den Auftakt macht „Scratch Data“ für Schlagzeug und Elektronik (2002) von Raphaël Cendo. Aus Nizza gebürtig, hat Cendo unter anderem bei Brian Ferneyhough, bei Allain Gaussin und Fausto Romitelli studiert. Auch war er mehrfach Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Von Minas Borboudakis erklingt „Diffracted Thoughts“ für Akkordeon solo (2011). Kai Wangler, der von Hugo Noth und Stefan Hussong unterrichtet wurde, übernimmt den Solopart. Borboudakis ist der Residenzkomponist der 15. Tage der Neuen Musik.

 

1974 in Heraklion auf Kreta geboren, ging Borboudakis 1992 nach München, um bei Wilfried Hiller zu studieren, später in Hamburg bei Peter Michael Hamel. Bei Berio, bei George Crumb und bei Wolfgang Rihm hat er Meisterkurse besucht, eine eindrucksvolle Liste. Auf Einladung Gidon Kremers war Borboudakis beim Kammermusikfest in Lockenhaus zu Gast, 2004 wurde ihm der Bayerische Staatsförderpreis für Musik zugesprochen. Zu seinen Auftraggebern und Interpreten zählen das BR-Symphonieorchester, das Ensemble Modern, Singer Pur, Johannes Moser und Alice Sara Ott. Glissandi, Mikrotonalität, elektronische und perkussive Elemente kennzeichnen Borboudakis‘ Werke, in welchen er sich mit Naturwissenschaft und Kosmologie, mit der antiken Philosophie, Literatur und Mythologie auseinandersetzt.

 

Am 9. Mai gilt ihm in der Villa Concordia ein Gesprächs- und Portraitkonzert. Zu Gehör kommen ein Fragment für Stimme und Live-Elektronik von 2012, „EDIZHSAMHN EMEOYTON“ betitelt, ein Auftragswerk der Münchner Biennale, mit Julia Mihály, Sopran, geschrieben im Übrigen nach einem Text der Concordia-Hausherrin Nora Gomringer. „Synaptic arpeggiator“ nennt sich eine Komposition für eine ungewöhnliche Bläserquintett-Besetzung: Piccoloflöte, Englischhorn, Es-Klarinette, Bassklarinette und Kontrafagott. Die 2008 in Fürth vom Ars Nova Ensemble Nürnberg unter Werner Heider uraufgeführten „Meta-soundscapes“ werden nun interpretiert von Markus Elsners Ensemble Zeitsprung. Seine Premiere wird ein Streichquartett erleben, das Borboudakis im Auftrag der Tage der Neuen Musik für das Sonar Quartett komponiert und das über eine Zuwendung die Ernst von Siemens Musikstiftung möglich gemacht hat.

 

Die vier jungen Berliner Streicher – Susanne Zapf und Wojciech Garbowski, Violine, der Bratscher Nikolaus Schlierf und die Cellistin Cosima Gerhardt – sind von der Fachpresse bereits, und zwar zu ihren Gunsten, mit dem Arditti Quartett verglichen worden. Elsner ist sehr froh, dass er das Sonar Quartett als Residenz-Ensemble hat gewinnen können. Es schrecke vor nichts zurück. Zu Beginn des Festivals am 7. Mai stellt es sich in der Johanniskapelle auf dem Stephansberg vor, mit Werken von Rebecca Saunders, von dem Kanadier Marc Sabat, der wie Saunders in Berlin zuhause ist, und des New Yorkers Gérard Pape. Zu Beginn wird das 5. Streichquartett von Viera Janárceková interpretiert werden, die seit einer halben Dekade in Bamberg lebt.

 

Elsner ist diese Verortung in der und diese Anbindung an die Stadt enorm wichtig. So soll es beispielsweise an allen Tagen jeweils dreißig Minuten vor den Konzerten, die um 19 Uhr starten, Auftritte von Bamberger Schülern geben. Zu einem der Höhepunkte dürfte das Konzert am 8. Mai werden, erneut in der Villa Concordia. Unter anderem wird John Cage geboten und von Terry Riley dessen aberwitziger Minimal-Music-Klassiker „in C“ für Klavier und Loopmaschine, komponiert fünf Jahre nach Adornos „Klangfiguren“ (1959), die mit der Feststellung anheben, dass wer viel neue Musik höre, und zumal Werke, die er genau kenne, es sich nicht werde ausreden lassen, dass „sehr zahlreiche Aufführungen unverständlich sind“. Dergleichen dürfte angesichts der hochkarätigen Interpreten, die die 15. Tage der Neuen Musik im Mai nach Bamberg locken, kaum zu befürchten sein.

 

Copyright Fotos:

 

Sonar, Foto © Piotr Bialoglowicz

 

 

Minas Borboudakis, Foto © Marianna Karali

Jürgen Gräßer
24.03.2015

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