„Balkan-Klassik“ und „Touring-Organ“

Musica Bayreuth zieht auch in der 54. Edition alle Register

„Balkan-Klassik“ und „Touring-Organ“

 So viel Kontinuität kennt man selten: 1961 begründete der Orgelvirtuose Viktor Lukas die „Orgel- und Musikwoche Bayreuth“. Über ein halbes Jahrhundert später wird der immer noch kregle Künstler und Musikimpresario, der ja auch das Viktor-Lukas-Consort gründete und leitete, als Solist das Orgelkonzert g-moll von Francis Poulenc interpretieren. Ihn begleitet niemand Geringeres als die Bayerische Staatsphilharmonie alias Bamberger Symphoniker. Im Zentrum der diesjährigen „Musica Bayreuth“ steht als Veranstaltungsort die wieder eröffnete Stadtkirche Bayreuth. Dort begann 1961 das Herz dieser Konzertreihe zu schlagen, natürlich fokussiert auf die große Steinmeyer-Orgel. Nach Jahren der Schließung wegen gravierender statischer Mängel, die sie sogar nahe an die Einsturzgefahr brachten, haben die Bayreuther „Ihre“ Stadtkirche wieder. Und Viktor Lukas, über dessen Alter man angesichts der obigen Daten kaum zu rätseln braucht, ist immer noch dabei!

 

Im Laufe der Zeit hat sich das Programm des überregional beachteten Festivals, das zunächst und vor allem die Großmeister an den Tasten der „Königin der Instrumente“ herbei bat, der Kammermusik, den Chor- und Orchesterkonzerten, Liederabenden, Oratorien und sogar Opernaufführungen geöffnet. 1971 wurde es daher in „Musica Bayreuth“ umgetauft. Zunehmend avancierte auch Bayreuths architektonisches Kleinod, das unterdessen von der UNESCO in den Rang des Weltkulturerbes erhobene Markgräfliche Opernhaus, zu einem zentralen und äußerst beliebten Veranstaltungsort der Konzertreihe. Heuer konzentriert sich das Festival aber auf die beiden wichtigsten Konzerträume Bayreuths, die Stadthalle und die Stadtkirche.

 

Von besonderem Interesse dürften zwei Exkursionen in die nähere Umgebung sein. Die erste führt am 9. Mai in eine der schönsten Kirchen Oberfrankens, die spätbarocke Dreifaltigkeitskirche in Neudrossenfeld. Das Lukas Consort wird dort einen Kammermusikabend mit Werken von Mozart, Strauss und Wagner („Siegfried-Idyll“ in einer Fassung für Klavier und Streichinstrumente!) geben. Der zweite Ausflug führt etwas weiter weg, ins Vogtland, und steht unter dem Motto „Musikalische Spazierfahrt nach Greiz“. Diese Stadt mit ihren beiden Schlössern und einem der bedeutendsten Landschaftsgärten Deutschlands (einem Park im englischen Stil) gilt als die „Perle des Vogtlands“.

 

Wie schon seit langem wird auch heuer wieder Schüler und Familien die besondere Aufmerksamkeit der Programmgestalter gewidmet, zu denen mittlerweile mit dem Sohn auch ein „dynastischer“ Nachfolger des Gründers und Spiritus Rector Viktor Lukas gehört. Mit „Alice in Cartoonland“ präsentiert man ein spannendes Konzertprojekt, in dem Stummfilm und Live-Musik zusammen finden. Kurze Disney-Trickfilme aus den 20er Jahren werden mit Lewis Carrols ‚Alice‘ als Hauptfigur kombiniert. Eine gekürzte Version dieses Projektes wird als Schülerkonzert für die 3. und 4. Jahrgangsstufe angeboten.

 

Ein besonderes Markenzeichen der „Musica Bayreuth“ – und seit jeher auch ihr Reiz – ist die Verbindung von Einladungen an Künstler internationalen Renommees mit den Auftritten von Klangkörpern oder Solisten aus der Region. Nennen wir unter den Ensembles nur das famose Ebène-Quartett aus Frankreich, das längst Weltrang besitzt, oder den Ausnahmeorganisten und Orgel-Revolutionär Cameron Carpenter, der erstmals in Bayreuth auf seiner eigenen International Touring Organ spielt und damit demonstrieren will, dass Orgelkunst auch außerhalb von Kirchen funktioniert. Erwähnenswert ist auch der Auftritt des deutsch-serbischen Quartetts „Uwaga!“, das unter dem Motto „Balkan meets Klassik“ einen irrwitzigen Streifzug durch das Repertoire der klassischen Musik offeriert. Wie jedes Jahr bilden ca. 80 Profimusiker aus acht Ländern Europas ein Projektorchester, das diesmal unter dem Label „Junge deutsch-französisch-ungarische Philharmonie 2015“ antritt. Ein weiterer Höhepunkt ist das Gastspiel des britischen Vokalensembles „Voces8“, das sowohl mit überzeugender Bühnenpräsenz als auch mit einem breiten Repertoirespektrum aufwartet. Das Festival wird am 30. April beginnen und bis zum 23. Mai dauern, doch das „Präludium“ findet bereits am 13. April statt, und zwar mit dem Auftritt der „Jungen Philharmonie“ im großen Haus der Stadthalle. 

 

Copyright Fotos:

 

Uwaga, Foto © Ebbert & Ebbert Fotografie

 

 

Voces8, Foto © Paul Stuart

Martin Köhl
24.03.2015

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