Wir gehen baden!

Dürer, Degas, Hockney und andere in Erfurt

Wir gehen baden!

Badefreuden sind oft besungen worden, beispielsweise von Conny Froboess („Pack die Badehose ein“) oder von Chris Howland, der einen alten Schlager der Comedian Harmonists revitalisierte („Ich hab‘ das Fräulein Helen baden sehn“). Auch in der bildenden Kunst ist das Baden ein beliebtes Sujet. Vom 28. März bis zum 14. Juni kann man sich davon im Erfurter Angermuseum einen Eindruck verschaffen. Ausgestellt werden mehr als eine Hundertschaft Werke, die von Dürer und Rembrandt über Degas bis in die Gegenwart hinein reichen, bis zu Georg Baselitz und David Hockney.

 

Die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, wo die Bilderschau im zurückliegenden Sommer zu sehen war, deckt mithin einen Zeitraum von fünf Jahrhunderten ab. Die Originalarbeiten auf Papier stammen aus dem Berliner Kupferstichkabinett und werden um herausragende Werke aus der Grafischen Sammlung des Angermuseums ergänzt.

 

Sie zeigen die Kultur des Badens in vielerlei Facetten auf. Da ist die Hygiene, da ist der nackte oder partiell nackte Körper (und der Kult, der um ihn bisweilen getrieben wird), da ist aber auch und nicht zuletzt das Vergnügen. Ganz offensichtlich ist das bereits auf den ersten Blick auf Dürers berühmtem Holzschnitt „Männerbad“ (um 1496 entstanden). Statt des Badens – gebadet wird hier wenig – steht das Vergnügen im Mittelpunkt, der Genuss. Etwa der des Musizierens (an Blockflöte und Fidel) oder derjenige des Trinkens, dem sich ein recht Fettleibiger hingibt. Es lassen sich auch homoerotische Tendenzen ausmachen. Ein Voyeur beobachtet die sechs Männer, und ein Wasserhahn stellt eindeutig ein ziemlich mächtiges Glied dar. Ein Pendant, wenn man so will, zu Dürer schuf der gebürtige Leipziger Max Beckmann 1922 mit seiner Kaltnadelradierung „Frauenbad“.

 

Auch in die auf 1711 datierte, „Diana und Aktäon“ geheißene Rötelzeichnung eines nicht näher genannten Zeichners in Rom spielt der Voyeurismus mit hinein. Aufgegriffen werden die „Metamorphosen“ des Ovid: Der Jäger Aktäon streift mit Hund und Speer durch den Wald und überrascht die barbusige Diana und ihre nicht minder barbusigen Nymphen beim Bade. Aus der hauseigenen Erfurter Sammlung stammt „Mittelmeerbad“ (Bleistift und Aquarell, 1928) von Heinrich Ehmsen, entstanden während eines mehrmonatigen Studienaufenthaltes im Süden Frankreichs. Die bunten Badeanzüge der allesamt behüteten Männer im Vordergrund machen das Bild recht farbenfroh, passend zum dargestellten Vergnügen.

 

1886 in Kiel geboren, 1964 in Ost-Berlin verstorben, hatte Ehmsen Kontakt zu französischen Schriftstellern und Malern, auch zum Münchner „Blauen Reiter“, stellte mit Dix und Grosz aus und zählte 1949 zu den Gründungsmitgliedern der Akademie der Künste Ost-Berlin, neben Brecht, Seghers und Hanns Eisler. L’art pour l’art, oder, ins Lateinische gewendet, wie man es vom Metro-Goldwyn-Mayer-Löwen her kennt, „ars gratia artis“, also Kunst allein um der Kunst willen, sei seine Sache nicht, hat Ehmsen einmal bemerkt. „Ich muss durch Form und Farbe hinausschreien, was in mir tobt.“ Wie er das angestellt hat, lässt sich bis Mitte Juni im Angermuseum in Augenschein nehmen.

 

Wie das bei großen Ausstellungen Usus ist, wird auch in Erfurt ein vielfältiges Begleitprogramm angeboten, bei freiem Eintritt beispielsweise jeden Mittwoch um 13 Uhr eine Kunstbetrachtung am Mittag, für welche zehn Minuten vorgesehen sind. Benjamin Rux vom Kupferstichkabinett nimmt am 14. April unter dem Ausstellungstitel eine kunst- und kulturhistorische Betrachtung vor, der Erfurter Historiker Tim Erthel referiert am 12. Mai über das Badewesen seiner Heimatstadt im Spiegel der Jahrhunderte („Sehr angenehme Bäder stehen dir in dieser Stadt zur Verfügung [...]“), am 19. Mai spricht Paul Kaiser von der TU Dresden unter dem Titel „Thüringer am Meer“ über die Ostsee als bildnerisches Motiv und Sehnsuchtsort in der Kunst der DDR. Beginn der Vorträge ist jeweils um 19 Uhr.

 

Constanze Fuckel von der IMAGO Kunst- und Designschule Erfurt begleitet vom 8. bis zum 10. April das kunstpädagogische Projekt „Pack die Badehose ein ... und nimm Stift und Pinsel“, das auf die Altersgruppe von sieben bis zwölf Jahren abzielt. Kosten in Höhe von 60 Euro, inklusive der Verpflegung, sind zu entrichten. Für den Nachmittagskurs am 8. Mai von 15 bis 18 Uhr werden 10 Euro, für den Wochenendkurs am 6. und 7. Juni jeweils von 10 bis 14 Uhr 40 Euro (Verpflegung inbegriffen) fällig. Ebenfalls im Programm sind Kinderführungen („Friedrich geht baden!“) mit Franziska Bracharz am 9. und 18. April sowie am 9. Mai, Führungen für Schulklassen, Sonderführungen, öffentliche Führungen (7. April, 5. Mai, 2. Juni) und Sonntagsführungen (29. März, 26. April, 31. Mai). Anlässlich der Langen Nacht der Museen am 12. Juni ist von 18 Uhr an geöffnet.

 

Ein Katalog zur Ausstellung erscheint unter dem Titel „Wir gehen baden! Bilder aus fünf Jahrhunderten von Dürer bis Hockney“ bei Michael Imhof im hessischen Petersberg. Herausgegeben haben ihn Hein-Thomas Schulze Altcappenberg und Benjamin Rux. 108 Seiten, 14,90 Euro.


Copyright Fotos:

Zeichner in Rom, Diana und Aktäon, 1711, Rötelzeichnung, 29,1 x 44,4 cm, Kupferstichkabinett - Staatliche Museen zu Berlin, KdZ 22207, Foto © Jörg P. Anders und Volker-H. Schneider

Heinrich Ehmsen (1886-1964), Mittelmeerbad, 1928, Bleistift und Aquarell, 33,8 x 41,8 cm, Angermuseum Erfurt, Grafische Sammlung, Foto © Dirk Urban

 

Jürgen Gräßer
01.04.2015

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