„Was heißt hier Klassik?“

Das Mozartfest Würzburg

„Was heißt hier Klassik?“

 In der Debatte um den Münchner Konzertsaal hat der Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung, Reinhard J. Brembeck, geäußert, dass der „Bedeutungsverlust von klassischer Musik“ unaufhörlich voranschreite, und dies, obgleich „immer mehr Menschen Klassik hören“. Klassik gelte „oft als das Privatvergnügen einer gehobenen Gesellschaftsschicht, die sich ihr Hobby von der Allgemeinheit bezahlen“ lasse. Gegen diesen Eindruck tue die Szene viel zu wenig. Neben dem Vorwurf des Elitären wird bei den Klagen um den Status der klassischen Musik immer wieder auch vorgebracht, dass deren Publikum poco à poco aussterbe und den Jungen nicht ausreichend Geschmack auf Monteverdi, Mozart, Massenet, Mahler & Co. gemacht werde.

 

Dabei leisten in Sachen „Education“-Arbeit, wie das heutzutage gern genannt wird, beispielsweise die Berliner Philharmoniker und auch die Bamberger Symphoniker Vorbildliches. In Würzburg spricht man beim Mozartfest lieber von „Musikvermittlung“. Und die kann sich wahrlich sehen und – naturgemäß – hören lassen. Das „Ohrenfänger“ genannte Musikvermittlungsprogramm liegt in den Händen von Anja Schödl. Die gebürtige Oberbayerin hat es zum Studium der Musikpädagogik (und Anglistik) nach Unterfranken verschlagen. Einem Praktikum bei der Elbphilharmonie folgte die freie Mitarbeit beim Mozartfest, die schließlich in eine feste Stelle mündete. Schödl ist daran gelegen, neue Konzertformate zu schaffen, auf die sich das Publikum ohne Schwellenangst einlassen kann.

 

Was Würzburg auszeichnet, ist unter anderem die Tatsache, dass man sich dort keinesfalls nur an Kinder und Jugendliche wendet. So wird beispielsweise 2015 erstmals ein Konzert für Menschen mit Demenz und ihre Begleiter angeboten (bereits am Sonntag, den 19. April, also im Vorfeld des am 22. Mai beginnenden Mozartfestes), das in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Elementare Musikpädagogik (Barbara Metzger und Daniela Hasenhündl) aus der Taufe gehoben wird. Mit dem Exerzitienhaus Himmelspforten hat man einen geeigneten Veranstaltungsort gefunden, denn es war an einen ebenerdigen Zugang zu denken, an Behindertentoiletten und dergleichen mehr. Im Burkardussaal wird ein Streichquartett des Pre-College der Musikhochschule beliebte Mozart-Melodien interpretieren; auch Lieder für Sopran und Bass werden erklingen. Ebenfalls zum „Ohrenfänger“ gehört ein musikalischer Mozartkrimi, den Schödl verfasst und bei welchem sie selbst am Klavier sitzen wird. „Imri und der falsche Maestro“ steht beim Familienkonzert am 13. Juni im Kloster Bronnbach auf dem Programm, anderntags in der Residenz.

 

Schödl ist auch als Sängerin im Monteverdi Chor zu erleben. Am 11. Juni wird dieser unter der Leitung von Matthias Beckert und gemeinsam mit der famosen Akademie für Alte Musik Berlin in der Neubaukirche Mozarts Requiem d-Moll KV 626 aufführen. „Drei Engel-Lieder“ von Toshio Hosokawa werden in die Totenmesse integriert. Hosokawa, der sagt, Musik sei der Ort, „an dem sich Töne und Schweigen begegnen“, ist in diesem Jahr Residenzkomponist in Würzburg. 1955 in Hiroshima geboren, ging er 1976 nach Berlin, wo er bei Ysang Yun studierte. In den Achtzigern war er Schüler von Klaus Huber in Freiburg. Heute lebt er abwechselnd in Nagano und Mainz. Hosokawas Schaffen ist geprägt von der westlichen Musik zwischen Schubert und Webern wie auch von der japanischen Kultur, insbesondere dem Zen-Buddhismus und dessen Deutung der Natur.

 

Dieses Naturverständnis fand Ausdruck etwa in den „Stunden-Blumen“ für Klarinette, Violine, Cello und Klavier, die beim Stipendiatenkonzert des MozartLabors am 2. Juni erklingen, und auch in Hosokawas Klavierkonzert „Lotus under the moonlight“, das mit der Solistin Etsuko Hirose und dem Kansai Philharmonic Orchestra zwei Tage später im Kaisersaal der Residenz gegeben wird. „Als ich mein Konzert komponierte, stellte ich mir eine Lotusblüte in einer ruhigen, mondhellen Nacht vor: im Knospenstadium und den Augenblick des Aufblühens träumend“, erläutert Hosokawa sein 2006 uraufgeführtes Werk. Die Bamberger Symphoniker machten Ende Februar Hosokawas „Meditation“. Am 12. und am 13. Juni werden sie seine „Elegy“ für Violine und Streichorchester zu Gehör bringen. Solist der Uraufführung ist Renaud Capuçon, der nach der Pause auch in Mendelssohns e-Moll-Ohrwurm zu erleben sein wird. Der Franzose ist Artiste étoile des diesjährigen Mozartfestes. Auf sein Verhältnis zu Mozart angesprochen, sagt Capuçon, der sich als Musiker, nicht als Geiger, begreift: „Im Alter von vier Jahren begann ich Geige zu spielen. Eines der ersten Stücke, die ich öffentlich vortrug, war Mozarts Duo für zwei Violinen. Ich erinnere mich noch, wie stolz ich war, etwas von Mozart zu spielen. Schon bald hatte ich eine Auswahl seiner Sonaten und Konzerte im Repertoire. Mozarts Musik löst bei jedem, der sie spielt, eine große inspirierende Kraft aus. Doch seine Werke sind auch sehr schwer.“

 

Die Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie sind ein weiteres Mal zu hören am 25. Juni im Kiliansdom. Unter ihrem 2016 zum Orchestre de la Suisse Romande wechselnden Chefdirigenten Jonathan Nott machen sie Bruckners Neunte, davor Bachs „Komm süßer Tod“ in einer Bearbeitung von Leopold Stokowski und zum Auftakt Ligetis großartiges „Poème Symphonique“ für hundert Metronome.

 

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Kit Armstrong, Foto © Jason Alden

 

Frank Peter Zimmermann, Foto © Klaus Rudolph

Jürgen Gräßer
01.04.2015

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