Schönheit und Schmerz, schluchzen und scherzen

Lukas Bärfuss, Poetikprofessor in Bamberg

Schönheit und Schmerz, schluchzen und scherzen

 Mit dem vielfach ausgezeichneten Schweizer Lukas Bärfuss übernimmt in diesem Mai (und Juni) einer der meistgespielten Dramatiker deutscher Zunge die 28. Poetikprofessur an der Otto-Friedrich-Universität. Bärfuss ist in Bamberg kein Unbekannter. In der Spielzeit 2008/2009 inszenierte Georg Mittendrein „Die Probe“ am E.T.A.-Hoffmann-Theater. Bärfuss‘ Stücke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf renommierten Bühnen, darunter das Thalia Theater und die Schauspielhäuser in Bochum und in Zürich, zur Uraufführung gekommen. Dazu zählen beispielsweise der Monolog „74 Sekunden“, das Singspiel „Vier Frauen“, „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“, „Malaga“, „Parzival“ (nach Wolfram von Eschenbach), und zuletzt, 2013, „Die schwarze Halle“.

 

2002 legte der ausgesprochen politische, ungelösten (auch: unlösbaren) Gegenwartsfragen zugewandte Autor bei Suhrkamp die Novelle „Die toten Männer“ vor, vor sieben Jahren bei Wallstein in Göttingen den Roman „Hundert Tage“, der unter anderem mit dem Anna-Seghers-Preis bedacht wurde, im vergangenen Jahr dann, wiederum bei Wallstein, den vom Suizid seines Bruders und der Kolonialgeschichte Australiens handelnde Roman „Koala“, dem der Schweizer Buchpreis zuerkannt wurde. Seine jüngste Publikation ist eine Sammlung von Essays, „Stil und Moral“, die in diesem Frühjahr in Göttingen herausgekommen ist.

 

„Verwandlungen“ hat Bärfuss seine vier abendlichen Vorträge (5. Mai, 21. Mai, 11. Juni, 17. Juni; Beginn jeweils um 20 Uhr, s.t., An der Universität 2, U2/00.25) innerhalb der Poetikprofessur überschrieben. Nach der Einführung zum Auftakt gilt ein Abend dem Thema „Schönheit und Schmerz“, der dritte ist „Ewig und ephemer“ überschrieben, der letzte, einen Tag nach Bloomsday, „Schluchzen und scherzen“. Die Vorlesungsreihe endet mit einem Symposion im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia am 18. und am 19. Juni.

 

Jan Süselbeck (Marburg) wird in dem am Regnitzufer gelegenen barocken Wasserschloss den Prosaautor Bärfuss und seinen Ort in der Gegenwartsliteratur in den Blick nehmen, Christoph Steier (Zürich) geht intertextuellen Spuren in den „Toten Männern“ nach, Marta Famula (Bamberg) nimmt sich am Beispiel von „Alices Reise in die Schweiz“ der ethisch-existenziellen Herausforderung im 21. Jahrhundert an, Julia Schöll (gleichfalls Bamberg) der Essays, Andrea Bartl (Bamberg, zum Dritten) der essayistischen Kleist-Rezeption nicht nur bei Bärfuss, Benjamin Schlüer (Bern) macht sich auf in Bärfuss‘ literarischen Zoo, Peter C. Meilaender (Houghton, New York) wird abschließend über „Bärfuss, Rousseau, and the Mask of Civilisation“ referieren. Zu einem Höhepunkt dürfte am Donnerstagabend von 19 Uhr an das Gespräch zwischen Bärfuss und Judith Gerstenberg werden. Letztere ist leitende Dramaturgin am Schauspiel Hannover und hat an mehreren Uraufführungen des zum Jahresausklang 1971 in Thun geborenen Stellers der Schrift mitgewirkt.

 

Damit, mit dem Kolloquium, keinesfalls genug. Das enorm engagierte, das enorm begabte WildWuchs Theater Bamberg wird am 16. Juni sowie am 19. Juni „Amygdala“ zur Aufführung bringen. Bärfuss‘ Stück trägt den an Hans Wollschläger erinnernden Untertitel „Vollständige Fragmente einer unvollständigen Stadt“ und wurde, als Auftragswerk, im Mai 2009 am Hamburger Thalia uraufgeführt.

 

Die Poetikprofessur wird außerdem akkompagniert von einem Seminar zu Lukas Bärfuss, das Friedhelm Marx hält. In drei Sitzungen wird auch Bärfuss zugegen sein und sich den Fragen der Studentinnen und Studenten stellen. Es war Wulf Segebrecht, Friedhelm Marx‘ Vorgänger an der Otto-Friedrich-Universität, der 1986 die Bamberger Poetikprofessur initiierte. Marx wiederum führte 2005 begleitende Forschungskolloquien ein, bei denen Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker, Übersetzer und Literaturvermittler zusammenkommen. Die Früchte dieses Austauschs werden in der von Marx im Göttinger Wallstein Verlag verantworteten Reihe „Poiesis. Standpunkte der Gegenwartsliteratur“ an die Öffentlichkeit gebracht. Unter den bisherigen Inhabern der Poetikprofessur finden sich die Namen von Hans Wollschläger und Eugen Gomringer, von Doris Runge, Marcel Beyer und Michael Krüger, von Ingomar von Kieseritzky, Jenny Erpenbeck und zuletzt Peter Stamm.

 

Lektüreempfehlungen:

 

Lukas Bärfuss, Koala. Roman. Göttingen: Wallstein, 2014. 184 Seiten, 19,90 Euro.

Lukas Bärfuss, Stil und Moral. Essays. Göttingen: Wallstein, 2015. 235 Seiten, 19,90 Euro.

Andrea Bartl / Jörn Glasenapp / Iris Hermann (Hrsg.), Zwischen Alptraum und Glück. Thomas Glavinics Vermessungen der Gegenwart. Göttingen: Wallstein, 2014. 357 Seiten, 34,90 Euro.

Andreas Blödorn / Friedhelm Marx (Hrsg.), Thomas Mann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler, 2015. Ca. 496 Seiten, rund 49,95 Euro [angekündigt für den 8. Juni, mithin zwei Tage nach Thomas Manns Geburtstag].

Oliver Jahraus / Stefan Neuhaus / Peer Hanenberg (Hrsg.), Lyrik lesen! Eine Bamberger Anthologie. Wulf Segebrecht zum 65. Geburtstag. Düsseldorf: Grupello, 2000. 294 Seiten [nur noch antiquarisch].

James Joyce, Ulysses. Roman. Aus dem Englischen von Hans Wollschläger. Herausgegeben und mit Kommentaren versehen von Dirk Vanderbeke, Friedrich Reinmuth und Sigrid Altdorf. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. 1140 Seiten, 58 Euro [erstveröffentlicht 1922, zum Vierzigsten des Autors, in Paris bei Shakespeare and Company].

Ingomar von Kieseritzky, Das Buch der Desaster. Roman. Stuttgart: Klett-Cotta, 1988. 214 Seiten, 20 Euro.

Hans Wollschläger, Herzgewächse oder Der Fall Adams. Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern. Göttingen: Wallstein, 2011. 544 Seiten, 38 Euro [zuerst – 1982 – bei Haffmans in Zürich].

Hans Wollschläger, Der Andere Stoff. Fragmente zu Gustav Mahler. Herausgegeben von Monika Wollschläger und Gabriele Wolff. Göttingen: Wallstein, 2010. 356 Seiten, 32 Euro.

 

Copyright Fotos:

 

Lukas Bärfuss, Foto © Ekko von Schwichow

Friedhelm Marx, Foto © privat

Jürgen Gräßer
29.04.2015

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