Was vom diesjährigen Mozartfest Würzburg noch bleibt

„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ versus „Ne me quitte pas“

Was vom diesjährigen Mozartfest Würzburg noch bleibt

 Noch ist es nicht so, dass Enrico Calesso und sein Philharmonisches Orchester in so lichtem wie jubilierenden C-Dur den Schlussakkord der (aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vom Komponisten selbst so geheißenen) Jupitersinfonie spielen und somit – im Vogel Convention Center – sofern man von einer „After-Show-Party mit Band“ abzusehen geneigt ist, zu welcher alle Konzertbesucher herzlich eingeladen sind, den Schlusspunkt des diesjährigen Mozartfestes setzen dürfen. Neben der Köchelverzeichnisnummer 551 werden an der finalen „Jupiternacht“ noch Sibelius‘ gern gemachtes und gehörtes Violinkonzert mit der Solistin Maria Elisabeth Lott sowie, nota bene, Chansons von Jacques Brel (es singt, und moderiert, Dominique Horwitz) zu hören sein.

 

Dem gebürtigen Schaerbeeker, dem wir beispielsweise „Ne me quitte pas“ (1959), dem wir „Le plat pays“ (1962) und „Amsterdam“ (1964) verdanken und der – noch kein halbes Jahrhundert alt – im Oktober 1978 im nördlich von Paris gelegenen Bobigny an Lungenkrebs verstarb, gilt übrigens eine feine Biographie von Olivier Todd, im französischsprachigen Original („Jacques Brel, une vie“) 1984 in den Éditions Robert Laffont herausgekommen, in der deutschen Übersetzung durch Sonia Novoselsky dreizehn Jahre später in der Hamburger Achilla Presse.

 

Und doch: ganz allmählich, poco a poco, geht das Mozartfest in der unterfränkischen Universitäts- und Musikhochschulstadt, wo der Namensgeber der Musikwochen anno 1790 „unsern theuern Magen mit Kaffee gestärkt“ und dieselbe als eine „schöne prächtige Stadt“ befunden hat, seinem Ende entgegen. Noch gut zweieinhalb Dutzend Veranstaltungen lassen sich bis zum 28. Juni besuchen, wobei man bei einigen nur noch auf Restkarten hoffen kann.

 

In Venedig, wo neben Richard Wagner etwa auch Gustav Aschenbach verstorben ist, ist, im Palazzetto Bru Zane, das „Centre de musique romantique française“ angesiedelt. Der Palazzetto und das Mozartfest kooperieren 2015 zum ersten Male und präsentieren am morgigen Mittwoch, den 17. Juni, im Kaisersaal ein Programm, das mit dem Quintett für Klavier und Bläser Es-Dur KV 452 eröffnet, mit Albéric Magnards Quintett für Klavier und Bläser d-Moll op. 8 seine Fortsetzung findet und mit Francis Poulencs Sextett für Klavier und Bläser op. 100 seinen Abschluss. Gerade die französischen Holzbläser stehen in einem hervorragenden Ruf, und so dürfte, wer diese Soirée nicht besucht, einen musikalischen Leckerbissen auslassen.

 

Ein weiteres Kaisersaalkonzert erwartet die Mozartfestbesucher am Donnerstag. Zu Gast ist das Venice Baroque Orchestra, auf dessen Pulten neben der „Kleinen Nachtmusik“ ein Violinkonzert von Tartini und die – das teilen sie sich mit KV 525 – ubiquitären „Quattro stagioni“ von Antonio Vivaldi liegen werden. Solist ist Giuliano Carmignola, der zuletzt mit dem Concerto Köln eine ziemlich wunderbare Einspielung der Bach’schen Violinkonzerte vorgelegt hat. In zwei konzertanten Aufführungen wird am Freitag und am Samstag „Die Zauberflöte“ gegeben. Unter der Leitung von Wolfgang Katschner musizieren die Lautten Compagney und der RIAS Kammerchor. Wenige Restkarten sind noch zu haben.

 

Ausverkauft hingegen ist bereits das Familienkonzert am Sonntag, das als Teil des Musikvermittlungsprogramms „Ohrenfänger“ eine Bearbeitung der „Entführung aus dem Serail“ auf die Bühne bringt. Ausverkauft ist auch die „Nachtmusik“ mit dem Münchener Kammerorchester im Hofgarten der Residenz, das abermals die Serenade mit der Köchelverzeichnisnummer 525 im Angebot hat, sodann, zum Auftakt, die „Serenata Notturna“ KV 239, außerdem Franz Schrekers „Intermezzo“ und „Scherzo“ für Streichorchester und, vor allem, Mozarts Hornkonzerte Nr. 1 und Nr. 4, die der einem Spaß selten abgeneigte Compositeur Joseph Leutgeb, den er im Autograph eines weiteren, des zweiten, Hornkonzertes einen „Esel, Ochs und Narr“ schimpfte, auf den Leib geschrieben hat. Den Solopart übernimmt Stefan Dohr, seit 1993 Solohornist der Berliner Philharmoniker und vermutlich der phänomenalste (Orchester-)Hornist weltweit, was keinesfalls heißen soll, dass es, je nachdem, was für ein Repertoire gerade gefordert wird, es nicht noch bessere Orchester als das der Berliner gibt.

 

Auf zumindest teilweise abseits der Klassik gehaltene Wege begeben sich am Donnerstag und Freitag kommender Woche Thomas Breitsameter (Strohgeige und Violine) und Janusz Myschur am Akkordeon. Sie laden in den Residenzweinkeller ein, wo neben Melodien etwa von Bach und Leoncavallo und Ohrwürmern aus dem Bereich des Tangos und des Chansons für den Ohren- auch der eine oder andere Tropfen für den Gaumenschmaus kredenzt werden wird. Zwei der fraglos begabtesten Streicher sind am 26. Juni beim Kaisersaalkonzert mit dem Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zu erleben: der Bratscher Antoine Tamestit und der Geiger Frank Peter Zimmermann. Neben der Sinfonia Conertante KV 364 wird unter anderem Joseph Haydns sogenannte „Feuersinfonie“ erklingen. Das Konzert wird tags drauf wiederholt.

 

Ähnlich stupend wie Tamestit vermag ganz ohne Frage dessen Berliner Lehrerin, Tabea Zimmermann, Viola zu spielen. Zimmermann gastiert am 27. Juni mit dem Arcanto Quartett in der Augustinerkirche. Schumann, Schubert, Mozart werden in gewiss so klugen wie packenden Lesarten zu hören sein. Zuletzt noch ein Hinweis auf das Konzert am Donnerstag, den 25. Juni, im Kiliansdom.

 

Neben dem von Leopold Stokowski bearbeiteten „Komm süßer Tod“ steht Anton Bruckners Neunte auf dem Speiseplan, und, zu Beginn, György Ligetis „Poème Symphonique“, ein wahrhaft und immer wieder aufs Neue anders spannendes Stück für hundert Metronome. Am Pult der Bamberger Symphoniker steht deren 2016 scheidender Chefdirigent Jonathan Nott, der Bruckners letzte, unvollendete, nach mündlicher Überlieferung „Dem lieben Gott“ gewidmete dreisätzige Symphonie Ende September mit der Jungen Deutschen Philharmonie auch im Joseph-Keilberth-Saal und dann auf Tournee in der Alten Oper, im Musikverein, in der Berliner Philharmonie, in Maribor und in Ljubljana machen wird. Wer sich darauf vorbereiten möchte, oder es zu keinem der Konzerte schafft, dem sei abschließend noch eine vor kurzem bei dem Label LSO Live erschienene Einspielung (eben mit dem London Symphony Orchestra) ans Herz, oder an die Ohrmuschel, gelegt. Am Pult: Bernhard Haitink.

 

                                                                                                                      Jürgen Gräßer

 

Copyright Fotos:

 

Stefan Dohr, Foto © Nikolaus Karlinsky

Please keep the Dohr, Foto © Stefan Dohr

Arcanto Quartett, Foto © Marco Borggreve

Bamberger Symphoniker © Michael Trippel

London Symphony Orchestra, Bruckner © LSO Live

Jürgen Gräßer
16.06.2015

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