Neu erkennen, neu entbrennen

"Tristan", "Ring" und mehr auf dem grünen Hügel

Neu erkennen, neu entbrennen

Immerhin zwei der vier Dirigenten, die heuer am Pult des Bayreuther Festspielorchesters stehen, wurden als heiße Kandidaten auf die Nachfolge Sir Simon Rattles bei den Berliner Philharmonikern gehandelt: Auf der einen Seite der urdeutsche Christian Thielemann, auf der anderen der bescheiden-verschwiegen-selbstzweiflerische Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, Kirill Petrenko. Letzterer debütierte 2013 mit dem „Ring“ auf dem Grünen Hügel, machte Richard Wagners Tetralogie auch im Folgejahr und wird am 27. Juli abermals mit „Das Rheingold“ den Auftakt zu dem Nibelungen-Zyklus geben.

 

Eröffnet werden die Bayreuther Festspiele am 25. Juli mit „Tristan und Isolde“ unter der Leitung des Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann. Regie in dieser Neuproduktion führt Katharina Wagner, die seit September 2008 gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die künstlerische Gesamtleitung des wagnerschen Spektakulums innehat. Die Titelrolle wird der aus Virginia gebürtige Tenor Stephen Gould übernehmen, die fabelhafte Anja Kampe singt die Isolde, während der Bassist Georg Zeppenfeld, ein Schüler von Hans Sotin, den Marke gibt. Wer keine Karte mehr bekommen sollte, dem bleibt im Übrigen die Möglichkeit, die Aufführung vom 7. August selbigen Tages im Lichtspiel zu verfolgen, beispielsweise im Nürnberger Cinecitta‘ Multiplexkino. Das hat zudem den Vorteil, dass sich Musikfreunde und Cineasten Katharina Wagner und dem Moderator Axel Brüggemann anschießen können, die exklusiv hinter die Kulissen führen werden.

 

Mit Alain Altinoglu, Pariser des Jahrgangs 1975, präsentiert sich bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen ein neues Gesicht. Er übernimmt von Andris Nelsons – auch der junge Lette war einer der Favoriten auf die Rattle-Nachfolge – den „Lohengrin“. Die romantische Oper steht in der Inszenierung von Hans Neuenfels seit 2010 auf dem Spielplan. Für Bühnenbild und Kostüme sorgt Reinhard von der Thannen, ein Schüler des auf dem Grünen Hügel hinlänglich bekannten Erich Wonder. Axel Kober, in Kronach geboren, in Würzburg ausgebildet, in Düsseldorf an der Deutschen Oper am Rhein wirkend, steht beim „Fliegenden Holländer“ am Pult des Festspielorchesters. Er hatte in den beiden zurückliegenden Jahren bereits den nun abgesetzten „Tannhäuser“ dirigiert. Regie führt hier Jan Philip Gloger, Christoph Hetzer besorgt das Bühnenbild, die Schweizerin Karin Jud die Kostüme, Urs Schönebaum das Licht und der Österreicher Martin Eidenberger die Videoeinspielungen (ohne die es in Bayreuth kaum zu gehen scheint). Mit dem „Holländer“ werden an Goethes Geburtstag, also am 28. August, die diesjährigen Festspiele auch zu Ende gehen.

 

Es gibt so manches, was Bayreuth einzigartig macht, für das Publikum, aber auch, das darf nicht vergessen werden, für das Festspielorchester. Das nämlich wird schon seit den Anfängen anno 1876 Jahr um Jahr eigens zusammengestellt, einzige Ausnahme waren ein, zwei Gastspiele des Münchner Hofopernorchesters in den 1880-er Jahren. Obwohl es alljährlich neu verpflichtet wird, gibt es etliche Musiker, die gern auf ihren Sommerurlaub verzichten (oder mehr: für den „Ring des Nibelungen“ sind, inklusive der Proben, zehn Wochen angesetzt) und immer wieder nach Bayreuth, ihrer zweiten Heimat, kommen. Dazu zählen beispielsweise Berthold Opower und Christian Dibbern, beide Geiger bei den Bamberger Symphonikern, deren Kolleginnen Katharina Cürlis (Bratsche) und Verena Obermayer (Violoncello).

 

Zu den Bayreuth-Aficionados unter den Blechbläsern gehören die Hornisten Michael Lösch von der Nürnberger Staatsphilharmonie, der Bamberger Christoph Eß und Max Hilpert, Solo-Hornist beim MDR Sinfonieorchester in Leipzig. Hilpert sitzt seit 2003 im berühmten Graben, wo er die sogenannte Wagnertuba bläst, die speziell für den „Ring“ entwickelt wurde. Sie sieht aus wie ein Tenorhorn und klingt auch ähnlich, wird allerdings mit einem Waldhornmundstück gespielt. Der aus dem Saarland gebürtige Hornist hat schon in nahezu allen großen Opernhäusern hierzulande den „Ring“ gemacht – auch jene legendären Aufführungen in Meiningen 2001, unter niemand anderem als Kirill Petrenko, der jetzt seinen dritten „Ring“ in Folge auf dem Grünen Hügel macht – schwärmt aber ganz besonders von Bayreuth. Da gäbe es zum Beispiel einen sehr spezifischen Klang, der sich sehr schnell einstelle und der dem gedeckten Orchestergraben und der gestaffelten, vom Dirigenten ausgesehen absteigende Sitzweise geschuldet sei. Man könne sehr forciert spielen und die Sänger würden dennoch gehört.

 

Bekanntlich ist es noch immer so, dass in Bayreuth ausschließlich Wagners Musikdramen auf dem Programm stehen. (Es gibt sogar einen „Richard Wagner für Kinder“, in dieser Saison eine eigens kindgerecht eingerichtete Fassung des „Parsifal“.) Das findet Hilpert absolut in Ordnung. Gerade dadurch eröffneten sich viele Möglichkeiten, die man nicht habe, wenn man noch Werke anderer Komponisten hinzunehmen würde. Die Konzentration auf nur einen Komponisten ist für Hilpert „wie ein Scheinwerfer, der in die Dunkelheit leuchtet. Man kommt einfach ein bisschen weiter.“

 

Copyright Fotos:

Bayreuther Festspiele 2014, SIEGFRIED, © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2014, GÖTTERDÄMMERUNG, © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2014, DAS RHEINGOLD, © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Jürgen Gräßer
19.06.2015

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