Zwischen Spitze und Breakdance

Die Ballettszene in Franken ist lebendiger denn je

Zwischen Spitze und Breakdance

Jahrelang musste man deutschlandweit befürchten, dass, wenn es wieder einmal um Sparmaßnahmen an Dreispartentheatern ging, zuerst wohl die Ballettabteilung gerupft würde. Das ist gottlob vorbei und sicherlich auch einer erstaunlichen Weiterentwicklung dieser Sparte geschuldet. Während sich das Regietheater vor allem an vorhandenen Repertoirestücken abarbeitet, betreten die Choreographen ständig Neuland, erfinden eigene Geschichten und pflegen regen Austausch. Natürlich werden „Dornröschen“, „Schneewittchen“ und „Schwanensee“ nicht in die Requisitenkammer verbannt – Spitze muss sein –, aber der Schwerpunkt liegt bei Zeitgenössischem, ja Avantgardistischem. Und das wird auf eine Art und Weise realisiert, die das Publikum auf faszinierende Reisen mitnimmt.

 

Nirgends kann man das so eindrucksvoll miterleben wie bei den oft genug ausverkauften Ballettabenden der Staatsoper Nürnberg, die seit dem Wirken Goyo Monteros zu einer der herausragenden Stätten des Genres avancierte. Der Madrilene vermag seine Truppe anzuspornen wie kein anderer, weil er selbst ein Ausnahmetänzer ist (er hatte die Solostelle an der Deutschen Oper Berlin inne) und es seinen Eleven allemal vormachen kann. Erst kürzlich konnte man das unverminderte Können des Vierzigjährigen in der brandneuen Choreographie „Opus 111“ bestaunen, die als Mittelteil eines Ballettabends unter dem Titel „Dreiklang“ in Nürnberg Premiere hatte. Zuvor hatte die Compagnie der Noris mit „Cinderella“ begeistert, und gegen Ende der Saison wird es noch mit „Exquisite Corpse III“ eine weitere Uraufführung geben (ab 26. Juni). Der Blick auf die Spielzeit 2015/16 verspricht mit „Latent“ ein sinfonisches Ballett von Goyo Montero, ein Tanzexperiment für 10- bis 14-Jährige unter dem Titel „Projekt X“ und einen „Kammertanz“-Abend mit Choreographien von William Forsythe, Christian Spuck sowie abermals Goyo Montero.

 

Am Theater Hof geht es bezüglich der Ballettaktivitäten naturgemäß etwas kleiner zu, aber auch dort verbindet man die klassischen Themen mit modernem Ballett oder Tanztheater. Zurzeit und auch im Juni noch zu sehen sind die Choreographie von „Schwanensee“ und das Projekt „PINAHOFKONTAKT“, das die Reihe der beliebten Tanztheatervorstellungen unter dem Motto „Ballett im Studio“ fortsetzt. In dieser Nachwuchschoreographie lässt sich Ballettdirektorin Barbara Buser und ihre Hofer Compagnie von Pina Bausch, der Ikone des modernen Tanztheaters, inspirieren. Sie wäre heuer 75 Jahre alt geworden. „PINAHOFKONTAKT“ versteht sich als Hommage an die große Choreographin, die mit ihrer Wuppertaler Compagnie ab den 70er Jahren neue tänzerisch-theatrale Ausdrucksformen fand und damit die Bühnen der Welt eroberte. Letzte Chance, dafür noch eine der Restkarten zu ergattern, ist der Termin am 13. Juni.

 

Am Landestheater Coburg gibt es neben dem Evergreen „Nussknacker“, der es in der Inszenierung von Ballettchef Mark McClain oft auf 100%-Auslastungsquoten brachte, das Choreographie-Dreierpack „Hypnotic Poison“ zu sehen, in dem u.a. eine der Tänzerinnen ein virtuoses Stakkato auf Spitze zu einem Schlagzeugsolo darbietet. Ende Mai wurde ein neues Ballett von Mark McClain uraufgeführt, das sich dem Peer-Gynt-Stoff widmet. „‚Nordischer Faust‘ vertanzt“ vermeldet das Landestheater zu diesem Handlungsballett, das musikalisch nicht nur Edvard Griegs Peer-Gynt-Suiten aufbietet, sondern seine Impulse auch aus einem reichen Spektrum von Stücken bezieht, die von der Romantik bis zur Moderne reichen. Der experimentelle Tanztheaterabend in der Coburger Reithalle, mit dem die Compagnie im vergangenen Jahr das Publikum verzauberte, erfährt unter dem Motto „TanzZeit“ heuer eine Fortsetzung (ab 28. Juni). „Emotionen“ lautet der Titel dieses Abends, den junge Choreographen zu einer musikalischen Bandbreite realisieren, die von Bach über Saint-Saëns bis zur Rockmusik reicht.

 

Zum ballettösen Saisonausklang ist die Fahrt nach Würzburg ins Mainfrankentheater obligatorisch. Dort finden vom 16. bis 19. Juli die Balletttage statt, die Residenzstadt wird also ganz im Zeichen des Tanzes stehen. Nach einem eröffnenden Gastspiel der Compagnie des Brigham Contemporary Dance Theatre aus Utah (USA), die ihre Show „Encounters“ zeigt, wird es einen „Schultanztag“ geben und am 18. Juli eine groß angelegte Ballettgala, die neben dem Würzburger Ensemble auch renommierte Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland (u.a. aus Tallinn und St. Petersburg) einbezieht. Am Schlusstag ist zum letzten Mal das witzige und actionreiche Crossover-Ballett „Schneewittchen – Breaking Out“ der Ballettdirektorin Anna Vita zu sehen, in dem zwei Tanzstile miteinander verbunden werden: präziser Spitzentanz mit der spektakulären Akrobatik des Breakdance. Das Stück hatte seit seiner Uraufführung vor drei Monaten einen solchen Erfolg, dass bald alle Termine ausverkauft waren und es nicht nur insofern sinnvoll ist, es am 19. Juli als ultimatives Saisonfinale zu platzieren.

 

Copyright Fotos: Ballett Dreiklang, Nürnberg, © Bettina Stöß

 

Martin Köhl
19.06.2015

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