"Buntes Gewerbe" in der Kunstvilla

Glanz und Elend hinter der bürgerlichen Fassade

Bis zum 4. Oktober setzt sich die Kunstvilla in Nürnberg (auch) mit ihrer eigenen Historie auseinander. „Buntes Gewerbe – Glanz und Elend hinter der bürgerlichen Fassade“ ist die Sonderausstellung überschrieben, die unter anderem das Gerücht aufgreift, die Kunstvilla habe als Etablissement im Rotlichtmilieu, als Stundenhotel gedient. Der repräsentative Bau einer jüdischen Hopfenhändlerfamilie aus dem Jahre 1895 wurde nach seiner Enteignung als Amtssitz genutzt, auch als Verwaltungsgebäude und mehrfach als Pension. Gut ein halbes Hundert Exponate, deren Großteil aus dem hauseigenen Bestand rührt, führt die Facetten des Lebens innerhalb und außerhalb der bürgerlichen Moralvorstellungen vor Augen.

 

Als Ausgangspunkt dient das titelgebende Gemälde von dem gebürtigen Nürnberger Leo Birkmann, dem postimpressionistischen Maler, Bildhauer und Musiker, auf dem er 1949 drei Animiermädchen in aufreizender Pose festgehalten hat. Maler wie Manet, Degas und Toulouse-Lautrec richteten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Blick auf Flaneure und die Boheme, aber auch auf Freudenmädchen, Tänzerinnen und Bardamen. Der Nürnberger August Mayr-Lenoir (1887 bis 1968), der dem spätimpressionistischen Max Liebermann nahestand, bannte 1930 einen „Ziehharmonikaspieler mit Dirne“ auf die Leinwand. Zwei Jahre später erwarb die Stadt Nürnberg das Gemälde für ihre „Fränkische Galerie“, und indem deren Konservator Kurt Pilz das Werk in „Ziehharmonikaspieler mit Mädchen in der Schenke“ umtaufte, entschärfte er dessen ursprünglichen Sinn.

 

Der im mittelfränkischen Arnstein geborene, in Hersbruck aufgewachsene Fritz Burkhardt stellt in seiner „Nächtlichen Straße“ (1927) Frauen und Freier dar. Die Fürther Künstlerin Chris Bruder nahm sich 1997 des Themas „Die Haut zu Markte tragen“ an, und Pirko Julia Schröders „Nasszelle“ (Holz, Vierfarbdruck auf Papier, Glühlampe), die Rekonstruktion eines bei der Restaurierung der Villa vorgefundenen Einbaus, holt die Prostitution, oder doch das Leben in der Villa, ins 21. Jahrhundert.

 

Anders als Boudoir und Bordell waren die Sonntagsvergnügungen Volksfest und Zirkus legitimiert. Da sind zum Beispiel Darstellungen der „Jahrmärkte“ von Andreas Bach, von Fritz Bosch und Johann Carl Rohmer („Schwabacher Kirchweih“, 1928). Auch Tierschau und Zirkus, Gaukler und Harlekine, fahrendes Volk sind in der Ausstellung, zu der im Bartlmüllner Verlag ein Begleitheft (mit Texten von Andrea Dippel und Susann Scholl) erschienen ist, vertreten.

 

Copyright Foto: © Annette Kradisch, Nürnberg

Jürgen Gräßer
22.06.2015

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