„Ich umarme das ganze Orchester“

Kirill Petrenko zieht von der Isar an die Spree und Havel

„Ich umarme das ganze Orchester“

 Am gestrigen Sonntag sind die Berliner Philharmoniker nochmals zusammengekommen – am 11. Mai, als Namen wie der Andris Nelsons‘, Christian Thielemanns und Kirill Petrenkos gehandelt wurden, hatte man sich auf keinen Kandidaten einigen können – und sind sich nach zwei Diskussionsrunden, die von 9 Uhr bis gegen zwölf, halb eins andauerten, einig geworden: Kirill Petrenko, der noch bis 2018 an die Bayerische Staatsoper gebunden ist, wird Nachfolger von Sir Simon Rattle. Der Vertrag des seit 2002 als Chefdirigent am Pult des womöglich weltbesten Orchesters (es gibt allerdings noch den Concertgebouw, es gibt noch die Wiener) stehenden Rattle wird im August 2018 auslaufen, und schon im September 2017 wechselt der im Januar sechzig Jahre alt gewordene Nachfolger von Claudio Abbado an die Themse, um das London Symphony Orchestra – es gastiert am 18. Juli mit Mahlers Dritter und Kent Nagano, also Petrenkos Münchner Vorgänger, in Ingolstadt – zu übernehmen.

 

Die mit großer Mehrheit erfolgte Wahl Petrenkos zum designierten neuen Chefdirigenten des

Orchesters und Künstlerischen Leiters der Stiftung Berliner Philharmoniker gaben Intendant und Orchestervorstand am Montag um 13 Uhr im Foyer der Philharmonie bekannt. „Ich umarme das ganze Orchester“, ließ Petrenko, mit dem man am Sonntagmittag telephoniert hatte, wissen. Und: „Man kann es gar nicht in Worte fassen, was in mir gefühlsmäßig vorgeht: von Euphorie und großer Freude bis zu Ehrfurcht und Zweifel ist da alles drin. Ich werde meine ganze Kraft mobilisieren, diesem außergewöhnlichen Orchester ein würdiger Leiter zu sein und bin mir auch der Verantwortung und der hohen Erwartungen bewusst. Vor allem erhoffe ich aber vom gemeinsamen Musizieren viele Momente des künstlerischen Glücks, die unsere harte Arbeit belohnen und unser Künstlerleben mit Sinn erfüllen sollen.“

 

Auf das gemeinschaftliche Musizieren, auf den künstlerischen Austausch, freuen sich auch die Berliner Philharmoniker. Der Geiger Ulrich Knörzer und der Kontrabassist Peter Riegelbauer – übrigens aus dem mittelfränkischen Georgensgmünd gebürtig und ein Schüler von Georg Hörtnagel – stellten klar, dass es sie mit großer Freude erfülle, dass Petrenko die Wahl angenommen habe. Man blicke nun „voller Zuversicht in die gemeinsame musikalische Zukunft“. Und Simon Rattle teilte mit: „Ich bewundere Kirill Petrenko seit Jahren und bin hocherfreut, dass er mein Nachfolger bei diesem wundervollen Orchester wird. Ich gratuliere den Berliner Philharmonikern zu dieser zukunftsweisenden Entscheidung.“

 

Erstaunlich ist vielleicht, dass die Entscheidung für jemanden fiel, der erst dreimal am Pult der Berliner Philharmoniker gestanden hat. Doch lässt sich gerade unter Musikern unmittelbar spüren, ob die Chemie stimmt. Und für seinen enormen Fleiß, für seine Partiturkenntisse, für seine ihm eigene Kunst des Dirigierens ist Petrenko ohnehin bekannt. Inzwischen schätzt man ihn auch auf dem Grünen Hügel, wo er in diesem Sommer wieder den „Ring“ machen wird. Und als er sich in der Spielzeit 2013/2014 in seinem offiziellen Debütkonzert mit Mahlers monumentaler Dritter beim Orchester der Bayerischen Staatsoper vorstellte, spielte das epische Posaunensolo des erstens Satzes niemand anderer als Olaf Ott, einer der beiden Soloposaunisten der Berliner Philharmoniker.

 

Bekannt ist Petrenko weiters dafür, sämtliche Interviews abzulehnen. In Berlin soll es zu gegebener Zeit, allerdings nicht mehr in diesem Sommer, eine Pressekonferenz geben, bei der der 1972 im sibirischen Omsk Geborene immerhin anwesend sein wird. 1990 übersiedelte die Familie nach Vorarlberg, wo er am Landeskonservatorium das Fach Klavier mit Auszeichnung abschloss, ehe ein Dirigierstudium an der Musikuniversität Wien folgte. Petrenko war zunächst Assistent, dann Kapellmeister an der Wiener Volksoper. Von 1999 bis 2002 machte er als Generalmusikdirektor am Meininger Theater Furore, unter anderem mit einem längst legendären „Ring“: Wagners von Christine Mielitz in Szene gesetzte, von Alfred Hrdlicka ausgestattete Tetralogie verhalf ihm erstmals zu internationalem Aufsehen. Nach Meinigen ging er als Generalmusikdirektor an die Komische Oper Berlin an, wo er bis

2007 (hernach war er bis zu seiner Münchner Anstellung freischaffend) in einigen Produktionen Maßstäbe setzte. Darüber hinaus arbeite Petrenko etwa an der Wiener Staatsoper, an der Semperoper, am Covent Garden, der Metropolitan Opera, in Frankfurt und an der Opéra National de Paris.

 

Auch wenn sich Petrenko vor allem als Operndirigent einen Namen gemacht hat, steht außer Frage, dass er sich auch auf das symphonische Repertoire allerbestens versteht. Das belegen beispielsweise seine umjubelnden Dirigate beim Concertgebouw Amsterdam, beim Chicago Symphony Orchestra, beim famosen Cleveland Orchestra, bei den Wiener Symphonikern. Die Philharmoniker der Donaumetropole wird er – im Konzert – im kommenden Jahr erstmals leiten, bei deren philharmonischem Kontrapunkt in Berlin debütierte er im Februar 2006 mit Bartók und Rachmaninow.

 

Zuletzt brachte er mit den Berlinern im Dezember 2012 Werke von Strawinsky, von Rudi Stefan und von Alexander Skrjabin zu Gehör. Es sei noch vermerkt, dass Petrenkos Assistentin an der Bayerischen Staatsoper auf den Namen Oksana Lyniv hört. Und die erhielt beim ersten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb 2004 den Dritten Preis (auch der Gewinner des Ersten Preises, Gustavo Dudamel, war als möglicher Rattle-Nachfolger im Gespräch). Lyniv kann man vom 26. Juni an bei den Münchner Opernfestspielen erleben, wo sie in „Selma Ježková“ am Pult steht, Poul Ruders‘Oper in einem Akt nach Lars von Triers Film „Dancer in the Dark“.

 

Copyright Foto:

 

Kirill Petrenko © Wilfried Hösl

Jürgen Gräßer
22.06.2015

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