Jazz und Weltmusik, Mozart, Mahler und Co.

Hochkarätiges beim Schweinfurter Nachsommer

Jazz und Weltmusik, Mozart, Mahler und Co.

Auf eine länger als anderthalb Dekaden währende Erfolgsgeschichte kann inzwischen der Schweinfurter Nachsommer zurückblicken. Dieser habe sich, so lässt man aus der unterfränkischen Kugellagerstadt mit einigem Stolz verlauten, „in der Region besonders deshalb einen Namen gemacht und eine ganz eigene Stellung bezogen, weil er ein erfrischendes und anspruchsvolles Programm bietet, das in der Lage ist, über musikalische Mauern zu blicken und damit immer wieder überrascht“. Als „Festival der Grenzüberschreitungen“ zwischen Klassik, Jazz, Weltmusik und Percussion sei der Nachsommer inzwischen „fester Bestandteil der fränkischen Kulturlandschaft“.

 

Heuer dürfen sich Besucher des vom 11. September bis zum 3. Oktober dauernden Spektakels vor allem auf spannende Ensembles, die sich auf das Sprengen von Grenzen verstehen und sich dabei zum Beispiel von klassischer Musik inspirieren lassen, freuen. Zur Eröffnungsveranstaltung wird die Singer-Songwriterin Ami Warning aus München anreisen und in der an industriellem Charme nicht armen SKF Halle 410 von 19.30 Uhr an aufspielen. Warning zählt noch keine zwanzig Lenze, doch ist die Musik immer Teil ihres Lebens gewesen, denn ihr Vater Wally, der von den Niederländischen Antillen stammt, ist ein angesagter Roots-Reggae- und Latin-Sänger und hatte die Tochter, die später in seiner Band Bass spielen und singen sollte, immer dabei. Amis Stimme ist ungemein beweglich, mal rau und kernig, dann wieder sanft und fragil. Statt sich auf ein Genre festlegen zu lassen, setzt Warning mit einer Mischung aus Reggae und Soul, Funk und Jazz einen ihr eigenen Akzent.

 

Tags drauf ist das Frank Wuppinger Arkestra zu Gast. Wuppinger, gebürtig aus München, ist Absolvent der Musikhochschule in Nürnberg, wo der Gitarrist und Komponist seit 1998 lebt. Inspiration holt er sich auf zahlreichen Konzertreisen, etwa durch Frankreich und Spanien und nach Mazedonien. So verbinden sich in der Musik des Arkestra (besetzt mit Geige, Gitarre, Saxophon, Trompete, Kontrabass und Schlagzeug) Folklore und Flamenco, Improvisation, Klassik und Jazz – überwiegend in Eigenkompositionen – zu einer individuellen Klangmelange. Eine neue Silberscheibe, „Places and Roots“, wird Anfang Oktober bei Berthold Records in Bremen herauskommen und gemeinsam mit der Mezzosopranistin Frances Pappas im Nürnberger Hubertussaal vorgestellt.

 

Die fünfköpfigen Drum-Stars bieten am 17. September eine faszinierende Mischung zwischen Lichteffekten, Unterhaltung und Schlagzeugkunst, unter anderem auf der Marimba, auf der peruanischen Cajón und der in (Süd-)Indien verbreiteten Ghatam, einem aus rotem Ton gebrannten Topf, auf Gegenständen des Alltags und auf dem eigenen Körper. Am 18. September kann man dem David Gazarov Trio (mit Michi Schulz, Bass, und Obi Jenne, Schlagzeug) lauschen. Gazarov wird als Nachfolger des legendären Jacques Loussier gefeiert. Aus Bach wird Bebop, Chopin zu Blues oder einer Bossa Nova. Fein, dass sich die Drei bereiterklärt haben, am Vormittag bei einem Schülerkonzert ihre Kunst weiterzugeben.

 

„And now Mozart“ haben der russisch-deutsche Geiger Aleksey Igudesman und der britisch-südkoreanische Pianist Hyung-ki Joo, der unter anderem bei Oleg Maisenberg studierte, ihr Programm überschrieben, das sie am 19. September im Konferenzzentrum Maininsel präsentieren. Klassische Kompositionen erklingen in neuem Kleid, Comedy begegnet Rap. Ihre Wurzeln hat die, wie der Name verrät, aus Oberammergau kommende Gruppe Kofel-gschroa (24. September) in der bayerischen Volksmusik. An Akkordeon, Flügelhorn (und Gitarre), Tuba und Tenorhorn gelingt dem Quartett ein energiegeladener Alpen-Akustik-Techno, dem es an Authentizität nicht mangelt.

 

Am Abend darauf lädt das Berliner A-cappella-Quartett Klangbezirk zu einer Entdeckungsreise in die Welten des Jazz und des verjazzten Volksliedes. Man darf sich auf Miles Davis‘ „All Blues“ freuen oder auf Charlie Parkers „Anthropology“, um nur zwei Standards anzuführen. Tanja Pannier und Esther Kaiser, Martin Hagen und Matthias Knoche zählen deutschlandweit zu den Besten ihres Fachs. In der Kunsthalle wird am 26. September das Familienkonzert „Alice im Cartoonland“ zu erleben sein, bei welchem sich Film (von Walt Disney) und Musik (Paul Dessau, aus den Zwanzigern, und Alexander Rannie, aus den Neunzigern) ergänzen. Die deutsch-serbische Formation Uwaga! bringt am 2. Oktober auf Violine, Viola, Kontrabass und Akkordeon Musik frei nach Mozart, Mahler & Co. zu Gehör. Das Repertoire erstreckt sich vom Barock bis in die späte Romantik hinein.

 

Zum Finale am 3. Oktober spielt im Konferenzzentrum die Bläserphilharmonie Schweinfurt auf, die erst vor zwei Jahren als Musikschulprojekt ins Leben gerufen worden ist. Professionelle und halbprofessionelle Musiker werden unter anderem Schostakowitschs wohlbekannte Jazzsuite Nr. 2 interpretieren und den Eröffnungssatz („Gandalf“ überschrieben) aus „Der Herr der Ringe“ des zumindest Blasmusikfreunden wohl bekannten Johann de Meij. Wer nun – Stichwort Grenzüberschreitung – sich ungeachtet des feinen musikalischen Angebotes auch der Literatur annähern möchte, dem sei abschließend noch ein Roman aus dem Jahre 1857 empfohlen. Geschrieben hat ihn Adalbert Stifter. Sein Titel: „Der Nachsommer“.


Copyright Fotos:

Uwaga, Foto © Ebbert & Ebbert Fotografie

Igudesman an Joo, Foto © Julia Wesely

Bläserphilharmonie, Foto © Anand Anders

Kofelgschroa, Foto © Jonas Kraus

Jürgen Gräßer
28.07.2015

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