Das Kunstfest in Weimar

Uraufführungen und Goethes Geburtstag

Das Kunstfest in Weimar

Zweieinhalb Wochen geballte, überwiegend zeitgenössische Kultur der unterschiedlichsten Sparten verspricht die 26. Ausgabe des Kunstfestes Weimar vom 21. August bis zum 6. September. Internationale Größen sind dabei ebenso vertreten wie Künstler aus der Region. Die im Erfurter Zughafen angesiedelte STÜBAphilharmonie beispielsweise wird das Eröffnungskonzert in der Weimarhalle ausschließlich mit Uraufführungen von Werken junger Komponisten (Johannes Winde etwa und Steffen Greisiger) gestalten, die unter dem Leitthema Aufbruch und Bewegung entstanden sind und mittels dreidimensionaler Projektionen auch visuell umgesetzt werden. Bachs Partiten für Violine solo wird Midori Seiler mit elektronischer Musik und Tanz in Verbindung bringen. Seine deutsche Erstaufführung wird im Schießhaus das Musiktheaterwerk „Der Triumph des Todes“ erleben.

 

Frederic Rzewski, der unter anderem bei Roger Sessions, Walter Piston und Luigi Dallapiccola studierte, hat sich zu dieser Komposition für Stimmen und Streichquartett von Peter Weiss‘ Theaterstück „Die Ermittlung“ (1965) inspirieren lassen, welches sich mit dokumentarischen Mitteln dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess annähert. Rzewski und der Berliner Filmregisseur Gerd Conradt werden sich in einem Künstlergespräch darüber austauschen, inwieweit Kunst als Erinnerungskultur funktionieren kann. Zudem wird ein von Conradt collagiertes filmisches Rzewski-Portrait gezeigt.

 

Eine alles andere als alltägliche Musik verspricht das „Konzert für 12 Traktoren“ (1996 in Leipzig uraufgeführt) des Schweden Sven-Åke Johansson, der unter anderem auch für Windräder und Handfeuerlöscher komponiert hat. Die Motoren (und deren rhythmischer Kolbenschlag) der Traktoren der Marken Famulus oder Pionier sind die Stars dieses Konzertes im Innenhof des Stadtschlosses. „Illusion und Verführung“ ist der letzte Augustabend in der Viehauktionshalle überschrieben. Nach dem Konzert des Signum-Saxophonquartetts mit Werken etwa von Samuel Barber und Erkki-Sven Tüür kommt es zu einem Gespräch mit dem Publikum.

 

Ballettfreunde dürfen sich auf zwei Weltstars der zeitgenössischen Tanzkunst freuen. Am vierten Augustwochenende ist die GöteborgsOperans Danskompani zu Gast und bringt zum einen „Noetic“ von dem belgischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui, zum anderen „Metamorphosis“ des Japaners Saburo Teshigawara auf die Bühne des Deutschen Nationaltheaters. Und dann ist da noch das von dem Fachblatt tanz als womöglich „längster Kuss der Tanzgeschichte“ gefeierte Duett „Sweat Baby Sweat“, ein von Poesie und Zartheit erfülltes Paarungsritual zu sanften elektronischen Klängen aus der Feder Jaap van Keulens, choreographisch umgesetzt von Jan Martens. Im Studiotheater Belvedere tanzen Kimmy Ligtvoet und Steven Michel.

 

Als interaktives akustisches Stadt-abenteuer präsentiert sich die musikalische Ortserkundung „Phantom Synchron – Soundtrack Weimar“, die der Schweizer Komponist Daniel Ott (ein Schüler von Nicolaus A. Huber in Essen und von Klaus Huber in Freiburg), die Klangkünstlerin Kirsten Reese, der Regisseur Enrico Stolzenburg und der Computerspiel-Entwickler Sebastian Quack gestalten. In dieses Projekt sind zahlreiche Vereine aus Weimar eingebunden. Vom Festivalzentrum aus macht man sich mit mobilen Lautsprecherboxen zu Fuß auf durch die Stadt. Flüchtige Klangbilder sollen von der Geschichte, Realität und Fiktion ausgewählter Orte erzählen. Stationen sind zum Beispiel das Römische Haus, die ehemalige Justizvollzugsanstalt und der Theaterplatz.

 

Zum ersten Male überhaupt hat das Kunstfest nun Projekte im Angebot, die sich gezielt an ein junges Publikum und dessen Familien richten. Die belgische Künstlerin Audrey Dero bringt ihre „Hip! Hip! Hip! Box“ mit auf den Marktplatz. Sie mutet an wie ein (Pass-)Fotoautomat, doch wenn man die Box einzeln oder à deux betritt, tut sich ein poetisches Wunderwerk auf. Dero entführt uns mit ihrem „Theater aus Objekten, Geräuschen und Körper“, wie sie es selbst nennt, in einen Erzählkosmos, der sich aus Märchen und Sprichwörtern speist. So kann man sich inmitten der Stadt eine kleine, jeweils etwa zehn Minuten währende Auszeit vom turbulenten Alltag nehmen. Mit „Jacobsneus“, einem „Familienstück für Menschen von 7 bis 107 Jahren“ ist abermals Belgien vertreten. Das Künstlerkollektiv Studio ORKA zaubert in der Geschichte von Julien, der über eine „Jakobsnase“ verfügt, welche ihn nicht nur Personen, sondern auch Angst und Kummer oder Vorfreude riechen lässt, eine veritable Traumwelt auf die Bühne.

 

Das Kunstfestprogramm ist derart vielfältig und abwechslungsreich, dass wir hier nur auf einige wenige Veranstaltungen hinweisen können. Zumal ja noch der „Genius Loci“ anzuführen ist, das Festival für audiovisuelle Kunst, für Fassaden-, Raum- und Objektprojektionen vom 7. bis zum 9. August. Mittels der Technik des sogenannten Videomappings werden Geschichte, Architektur und weitere Bedeutungsebenen von Bauwerken in der Innenstadt neu interpretiert und sichtbar gemacht. Und selbstverständlich wird auch Goethes 266. Geburtstag gefeiert. Die Klassik Stiftung richtet ein Fest aus, das den Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Theorie und kreativer Praxis zum Thema hat. Also: auf Goethe, und auf nach Weimar!

 

Copyright Fotos:

Goethes Geburtstag am Römischen Haus, Foto © Maik Schuck

TRAFFO Rido Jakobsnase Studio Orka, Foto © Fred Debrock

Jürgen Gräßer
28.07.2015

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