Die wunderliche Welt der Grußadressen und Vorworte

Eine kleine sprachliche Umschau inklusive Selbstbezichtigung

Die wunderliche Welt der  Grußadressen und Vorworte

 Ach, die Vorworte und Grußadressen! Da liegen sie nun alle, die dicken Programmbücher der Stadttheater, Opernhäuser, Symphonieorchester und Festivals, doch gleich beim ersten Öffnen stolpert man über Texte, die einem den Weg zu den Inhalten (d.h. zum Editorial des Intendanten und zum Programm) erst einmal verstellen. Natürlich könnte man das überschlagen, aber dann liest man es doch und fragt sich: wer verfasst diese wohlmeinenden Eingangsworte eigentlich? Zwar stehen die Namen der Kuratoriumsvorsitzenden, Oberbürgermeister, Landräte oder Geschäftsführer drunter, aber man ahnt natürlich, dass die wahren Autoren in den Amtsstuben sitzen und im Alltag fleißig Reden schreiben. Man darf sie bedauern, diese unermüdlichen Textfabrikanten, denn sie müssen chronisch gute Laune verbreiten und die Welt in rosa malen. Was soll einem denn auch noch einfallen, wenn alles schon über die Jahre hinweg „zerlobt“ ist? Ob es nun um Lobeshymnen von dritter Seite geht oder wohlfeiles Eigenlob, stets gilt es, unerschütterlichen Optimismus zu verbreiten.

Da wird ein Jahresprogramm „mit Freude und Stolz“ präsentiert und soll „Lust auf mehr“ machen. Oft genug wird „Aufbruchstimmung“ angekündigt, und die neue Saison soll „große Erwartungen wecken“ oder gar bedrohlicherweise „neue Türen aufstoßen“. Tja, und die „Visionen“, sie dräuen an jeder Ecke, sollen „entwickelt“ oder gar „umgesetzt“ werden. Man will uns auf eine „Reise mitnehmen“, auf der wir „Packendes“, „Mitreißendes“ und „Spannendes“ erleben und „nationale Grenzen überschreiten“ dürfen. Andernorts versprechen „herausragende Qualität, Innovationskraft und Dynamik“ dem umworbenen Publikum ein „unverwechselbares Profil“. „Zahlreiche Glanzlichter“, „besondere Leckerbissen“ und „unvergessliche Theatererlebnisse“ stehen Schlange. Kaum ein Vorwort lässt sich heuer die wohlfeile Chance entgehen, die Flüchtlinge einzubeziehen und die eigenen Bemühungen um den „kulturellen Dialog“ als Tor zur Integration zu feiern.

Die Hitliste der Adjektive beginnt mit „wunderbar“, ersatzweise „wundervoll“ und anderen wunderlichen Varianten, gefolgt vom Schreckenswort „spannend“. Wem partout nichts mehr einfallen will, der findet alles einfach sehr „spannend“: spannende Programme, spannende Akzente, spannende Spielzeiten, spannende Projekte, spannende Formate, spannende … – ach was, da geht einem die Luft aus. Dicht dahinter drängeln „faszinierend“, „packend“, „innovativ“ – und „hochkarätig“ ist sowieso vieles. ‚Interkulturell’ holt aus aktuellen Gründen mächtig auf im Ranking der garnierenden bzw. schmückenden Beiwörter. Die Altphilologen wissen schon, warum sie das eigentlich harmlose Adjektiv mit ‚epitheton ornans’ benamen… Ach ja, im substantivischen Bereich hätten wir fast die allgegenwärtigen „Leuchtturmprojekte“ vergessen, mit denen paradoxerweise auch das Binnenland vollgestellt wird, von den unsäglichen „Events“ gar nicht zu reden.

Doch langsam, seien wir ein wenig selbstkritisch und fragen uns: wie steht es eigentlich mit der eigenen Schreiberei? Machen wir nicht auch oft genug Schubladen auf, aus denen wir herausholen, was sich gerade textlich gut ausnehmen könnte? Mal dies, mal jenes. Nur ein Beispiel: wenn man etwas ganz toll findet, eignet sich die Schublade mit den „fa“-Wörtern besonders gut. Da stoßen wir auf „fabelhaft“, „famos“, „fantastisch“, „favorabel“ und – nach einem kleinen Vokalaustausch – auch noch auf „fulminant“. Bitte bedienen, aber aus stilistischen Gründen immer schön abwechseln, so lautet die Devise. Fazit: gehen wir glimpflich um mit den bedauernswerten Vorwortschreibern, die zu jedem neuen Saisonbeginn das Rad neu erfinden müssen – sprachlich jedenfalls.

 

Copyright Foto: © pixabay.com

Martin Köhl
30.09.2016

Eure Meinung? Leserbrief verfassen