Die Museumsinsel in Berlin

Auf der Spree vereint – Altägyptische Königinnen, sehnsüchtige Mönche und tanzende Grazien

Die Museumsinsel in Berlin

 Der erste Schnee ist gefallen, die ersten Weihnachtsgeschenke sind gekauft und jeder Smalltalk beinhaltet nun die Frage nach etwaigen Silvesterplänen. Wie wäre es, dieses Jahr ganz nonchalant auf einen Berlin-Besuch zu verweisen?

Berliner tendieren dazu, zwischen zwei Jahreszeiten zu unterscheiden: Sommer und dem Rest, den man getrost vergessen kann. Dabei ist Berlin im Winter wunderbar – wenn man weiß, wie man verschneite Nachmittage gestaltet. So ist Berlin nicht nur die Bundes-, sondern vor allem die Kunsthauptstadt. Zwischen allerlei renommierten Museen findet sich hier ein ganz besonderes, fünf Häuser umfassendes Ensemble von Weltrang: die seit 1999 zum UNESCO-Kulturerbe gehörende Museumsinsel. Sie zählt zu den erhabensten Museumskomplexen weltweit und beheimatet die von Friedrich Wilhelm III. initiierte Kunstsammlung der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB). Die hier versammelten Werke reichen von der Prähistorie über die Antike bis zum 19. Jahrhundert, während die verschiedenen Bauten auf der Spreeinsel 100 Jahre Museumsarchitektur repräsentieren. Von 1823-1930 erstmalig errichtet werden sie nun renoviert und inhaltlich neu konzipiert. Jedoch kann die Baustelle weder dem Charme der Museumsinsel etwas anhaben noch beeinträchtigt sie den Betrieb der Häuser, zumal drei der fünf Museen bereits saniert sind.

Studio antiquatis omnigenae et artium liberalium - Dem Studium der Künste und Altertümer sind sie gewidmet

Diese Inschrift, die als Leitgedanke der Museumsinsel gilt, ziert das Alte Museum. Mit ihm entstand nach Plänen Karl Friedrich Schinkels von 1823-1830 der erste Bau des einzigartigen Kulturensembles, der zu den Wahrzeichen des Klassizismus gehört. Seine große Freitreppe, die von Säulen umsäumte Vorhalle sowie die mit antiken Skulpturen verzierte Rotunde stellen architektonische Würdezeichen dar, die vormals Herrschaftsbauten vorbehalten waren. Somit werden die Besucher der besonderen Rolle gewahr, die Friedrich Wilhelm III. der Präsentation von Kunst beimaß. Dieser herrschaftlichen Außenansicht des Museums werden auch die darin versammelten Werke würdig. So zählt die hier beheimatete Antikensammlung der SMB zu den weltweit größten und bedeutendsten Sammlungen ihrer Art. Auf zwei Geschossen sind sowohl Artefakte des griechischen und römischen Altertums als auch archäologische Funde aus Zypern und Etrurien wie u.a. Skulpturen, Vasen, Bronzen sowie Schmuck zu sehen. Einen Höhepunkt der Sammlung bildet dabei die antike Bronzestatue „Betender Knabe“, welche um 300 v. Chr. entstand und als eine der berühmtesten der Welt gilt. Sehenswert ist überdies die aktuelle Ausstellung „Gefährliche Perfektion. Antike Grabvasen aus Apulien“, die gemäß dem Titel aufwendig verzierte und als Grabbeigaben verwandte Vasen zeigt und somit Einblicke in die Bestattungsriten der wohlhabenden Bevölkerung vor 2500 Jahren gewährt.

Herausragende archäologische Objekte beinhaltet auch das hinter dem Alten Museum gelegene Neue Museum, bei dessen Außengestaltung Friedrich August Stüler an die klassizistische Architektur des Vorgängerbaus anknüpfte. Das von 1843-1855 erbaute Haus enthält das Ägyptische Museum, welches eine der bedeutendsten Sammlungen altägyptischer Hochkultur besitzt, die Papyrussammlung mit Handschriften aus vier Jahrtausenden sowie das Museum für Vor- und Frühgeschichte, das die Entwicklung Europas von der Altsteinzeit bis zum Mittelalter darlegt.

Nachdem das Neue Museum im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, in den 1980er Jahren zunächst notgesichert und von 2003-2009 nach Plänen David Chipperfields saniert wurde, erhielt der Bau namhafte Auszeichnungen wie den Deutschen Architekturpreis. Hinter diesen preisgekrönten Mauern ist neben zahlreichen Skulpturen, Reliefs, Papyri und der Dauerausstellung „Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit“ ein wahrlich erstrangiges Artefakt zu bewundern: die Porträtbüste der Königin Nofretete, welche 1912 in Mittelägypten gefunden wurde. Sie fungiert als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zieht mit ihrer erhabenen Schönheit alle Besucher der Museumsinsel sogleich in ihren Bann.

Zwischen Unendlichkeitssehnsucht und der Krise des Menschen – Friedrichs „Mönch am Meer“ lädt zum Verweilen und Nachsinnen ein

Der dritte Bau der Museumsinsel, die 1867-1876 unter der Leitung von Johann Heinrich Strack errichtete Alte Nationalgalerie, besinnt sich auf die deutsche Geschichte und Tradition des späten 19. Jahrhunderts. „Der deutschen Kunst“ lautet die programmatische Giebelaufschrift, die den Schwerpunkt der Sammlung dieses Hauses kundtut. Vormals lag dieser auf deutscher Kunst zur Zeit der Aufklärung, bis um 1900 schließlich französische Malerei hinzukam. Heute beheimatet der imposante Bau internationale Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts von den idealistischen Anfängen des Klassizismus und der Romantik bis hin zu den großen europäischen Kunstströmungen des Impressionismus und Symbolismus. Zu bestaunen gilt es in der Alten Nationalgalerie eine gleichrangige Kombination von Malerei und Skulptur, die sich hier in einzigartiger Harmonie zusammenfügt. Die erstere wird dabei primär durch eine der kostbarsten und umfangreichsten Sammlungen von Gemälden deutscher Romantik repräsentiert. Einen klaren Höhepunkt stellt Caspar David Friedrich dar, dessen „Mönch am Meer“ zweifelsohne jeden Besucher dazu veranlasst, vor diesem Meisterwerk zu verweilen und die romantische Sehnsucht zu verspüren, die Friedrich in jeden seiner Pinselstriche, jede Nebelschwade und jede lautlos tosende Welle legt. Stets suchte der Maler, Naturandacht als meditative Erfahrung zu vermitteln. Nicht zuletzt aus diesem Grund spiegelt sein Œuvre den epochalen, geistigen Prozess der Loslösung von tradierten Wertvorstellungen wider, der sich um 1800 vollzog. Ebendiesen vollführt Johann Gottfried Schadow in der Skulptur. Besonders liebreizend und verspielt nimmt sich dabei seine Statue von zwei Schwestern aus, die im Auftrag Friedrich Wilhelms II. von Preußen entstand und ein lebensgroßes Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen in vertrauter Umarmung zeigt. Indem Schadow die jugendlichen Körper der Schwestern detailgetreu gestaltet, vereint er barocke Sinnlichkeit mit klassizistischer Antikenrezeption. Naturnähe und Wirklichkeitssinn treffen auf sittliche Vorstellungen mädchenhafter Grazie und verzaubern den Betrachter, der fast glaubt, das kecke Lachen der beiden Mädchen zu hören und sich von ihrem unbeschwerten Frohmut anstecken lässt. Neben solch imposanten Artefakten, die in der Kunstgeschichte ihresgleichen suchen, darf jedoch keinesfalls die aktuelle Ausstellung in den Hintergrund geraten. Diese setzt sich mit Stadt- und Landschaftsmalerei auseinander. Hierbei liegt das Augenmerk auf Rom, steht doch ein von Friedrich Loos 1850 angefertigtes fünfteiliges Panorama der italienischen Hauptstadt im Mittelpunkt der Exposition.

Italienisch ist auch die aktuelle Ausstellung des Bode-Museums geprägt, wobei hier statt Landschaften Menschen in den Vordergrund rücken. Menschliche Abbilder in Skulpturenform, die Canova zum Leben erweckt und tanzen lässt. „Canova und der Tanz“ dauert noch bis zum 22. Januar an und lässt beim Anblick der gezeigten Posen beinahe Musik in den Ohren der Betrachter erklingen, so lebensnah nehmen sich die anmutigen Tänzerinnen eines der bedeutendsten Bildhauer des italienischen Neoklassizismus aus. Jenen prägte eine lebenslange Passion für den Tanz, die sich im Bode-Museum nicht nur anhand von Skulpturen, sondern ferner durch Skizzen und Malereien widerspiegelt.

Wer den elfenhaften Geschöpfen Canovas die handfeste wirtschaftliche Seite der Kunst vorzieht, erreicht in wenigen Schritten eine weitere Ausstellung des Bode-Museums: „MUSE MACHT MONETEN“ dauert bis zum 27. Mai an und hinterfragt, wie Kunst sich verändert, wenn sie in den Sog von Geld und Macht gerät. Passend zu diesem Sujet lässt sich auch das im Bode-Museum beheimatete Münzkabinett aufsuchen, welches Münzen von der griechischen Antike bis zur Gegenwart sowie Medaillen, Papiergeld und historische Prägewerkzeuge zur Schau stellt.

Überdies beinhaltet der 1897-1904 nach Plänen des Hofarchitekten Ernst Eberhard von Ihne im Stil des Wilhelminischen Barock errichtete Bau ein Skulpturenmuseum sowie das Museum für Byzantinische Kunst.

Das von 1910-1930 und damit als letztes Haus der Museumsinsel erbaute Pergamonmuseum entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten zu einem der beliebtesten Museen Berlins. Die nach Entwürfen Alfred Messels durch Ludwig Hoffmann erbaute Dreiflügelanlage zieht jährlich mehr als eine Million Besucher an und begeistert diese mit ihrer Antikensammlung, dem Vorderasiatischen Museum sowie dem Museum für Islamische Kunst. Antike Großarchitekturen wie das Markttor von Milet und die Mschatta-Fassade, die hier in einer 1:1-Rekonstruktion aus Teilen des Originals ausgestellt sind, bieten ein beeindruckendes Museumserlebnis. Weitere Höhepunkte des Pergamonmuseums werden im Kontext des Vorderasiatischen Museums erlebbar, welches eines der weltweit bedeutendsten Museen zur altorientalischen Kunst und Kultur darstellt. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle die Mittelassyrische Gesetzestafel. Die erste Tafel des Mittelassyrischen Gesetzes entstand 1191 - 1179 v. Chr. im Irak und enthält Paragraphen, die sich auf Bekleidungsvorschriften wie auch Angelegenheiten des Straf-, Frauen- und Eherechts beziehen.

Neben den Exponaten der Sammlung lassen sich bei der seit April präsentierten Dauerausstellung „Transkulturelle Beziehungen, globale Biografien - Islamische Kunst?“ Entwicklungen der islamischen Kunst über Kontinente hinweg nachvollziehen und Vorstellungen kultureller Grenzen hinterfragen.

Nach unserer Präsentation der Museumsinsel bleibt hoffentlich nur eine Frage offen: Was machen Sie an Silvester?

Und kaum eine Antwort könnte charmanter sein als der Verweis auf einen Berlin-Besuch.

Schließen Sie sich den drei Millionen Besuchern an, die die Museumsinsel jährlich anlockt und starten Sie in der Museumshauptstadt in ein wunderbares neues Jahr.

 

Copyright Fotos:
Bode-Museum, Foto © Bernd Weingart
Canova und der Tanz, Bode-Museum, Foto © David von Becker

Regina Littig
28.11.2016

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