Von der Frauenentführung zum Happy End

Wiederentdeckt und famos dargeboten: Korngolds Operette „Die stumme Serenade“ in Coburg

Von der Frauenentführung zum Happy End

 Als Erich Wolfgang Korngolds Kammeroperette „Die stumme Serenade“ 1954 in Dortmund uraufgeführt wurde, fiel sie glatt durch, zumindest bei den gestrengen Kritikern, die offensichtlich „Seriöseres“ von dem aus dem amerikanischen Exil Zurückgekehrten erwartet hatten. Spätromantik war nicht mehr angesagt in einer Donaumetropole, die längst die „Zweite Wiener Schule“ verdaut hatte. Vielleicht aber lag es seinerzeit auch an der Inszenierung, denn das in Neapel spielende Stück ist schlichtweg entzückend – zumindest wenn man es so originell auf die Bühne bringt, wie es das Coburger Landestheater jetzt geschafft hat.

Die Story dieser Komödie ist verworren genug, doch am Ende mausert sie sich zu einer reinen Liebesgeschichte, einer fast schon kitschigen, wenn da die chronische Prise Ironie nicht wäre. Ein Unbekannter soll sowohl dem Ministerpräsidenten Lugarini eine Bombe unter’s Bett gelegt wie auch dessen Verlobte Silvia Lombardi nach einem Einbruch in deren Schlafzimmer nächtens geküsst haben. Deren Schneider Andrea Coclé gerät schnell ins Visier des „Sicherheitsministers“ Caretto, denn der hat nicht nur ein Herz für Kleider, sondern verehrt seine Kundin Silvia über alles. Der ahnungsvolle Lugarini wittert einen Entführungsversuch, was sich strafverschärfend auswirken würde. In Neapel steht auf Frauenentführung nämlich die Todesstrafe.

Andrea war zwar nicht der Übeltäter, gesteht aber die Taten trotzdem, weil der König eine Amnestie versprochen hatte. Dummerweise stirbt der kurz vor deren Unterzeichnung, so dass nur noch eine Revolution des Volkes von Neapel ihn retten kann. Der Ausflug in die Politik – er wird zum Ministerpräsidenten ernannt – gefällt ihm zwar weniger, aber zum Glück taucht der wahre Übeltäter auf, beansprucht den Politikerposten für sich und entlässt Andrea und Silvia, die sich längst in ihn verliebt hat, in ein glückliches Privatleben.

Die Inszenierung Tobias Maternas ist eingangs von der Üppigkeit der Kostüme geprägt, die der Schneider (fulminant: Salomón Zulic del Canto) für seine Angebetete und deren Entourage anfertigt. Die feine Gesellschaft geht ins Kino, und der gezeigte Film ist identisch mit dem Titel der Operette. Lugarini (umwerfend: Thorsten Köhler) führt sich wie eine Mischung aus Mussolini und Trump auf („Make Neapel great again“), während sich der von Felix Rathgeber trefflich gespielte Caretto geschickt durch alle Fährnisse mogelt. Der zweite Akt mit seiner offenen Szene deutet an, dass hier Kino auf dem Theater gespielt wird, man ist sozusagen am Set, ein Film wird gedreht, und zwar im Hollywood der 30-er Jahre. Köstlich kitschig ist die Schlussszene: Silvia (strahlend: Anna Gütter) lädt zur Henkersmahlzeit ein, die nach der glücklichen Wendung zur Liebesagape mutiert.

Korngolds „Stumme Serenade“ wirkt in musikalischer Hinsicht etwas disparat. Das Stück ist nicht stringent durchkomponiert, verfügt aber über eine ganze Reihe schöner Nummern. Die Besetzung mit zwei Klavieren, zwei Holzbläsern, drei Streichern und Schlagwerk ist originell und üppig genug. Roland Pfister hätte während mancher Sprechpartien das Ensemble der Verständlichkeit halber etwas zurücknehmen müssen, doch seine musikalische Leitung ist insgesamt sehr souverän und inspirierend. Der enthusiastische Beifall am Ende lässt hoffen, dass diese so spannende wie am Ende harmlose Komödie nach langer Verspätung doch noch ihren verdienten Siegeszug auf den Bühnen antreten wird. Warum nicht von Coburg aus?

 

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Martin Köhl
01.03.2017

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