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30.05.2017

Unser Hain

 Im Hain wird es Sommer. Das Ergebnis der ersten Vogelbrut bevölkert das Unterholz. Die ersten Sonnenanbeter sind eingetroffen, Ruderer durchpflügen die Regnitzwellen und das Plop – Plop der Tennisspieler ist wieder zu hören. Unser Hain, die größte Park- oder Gartenanlage im Bereich der Weltkulturerbestadt Bamberg ist zu allen Jahreszeiten voller Leben. Und die Geschichte dieser Volksparkanlage, übrigens sind es drei und nicht nur zwei Haine, ist spannend und fassettenreich; sie  berichtet von staatlicher Willkür und bürgerlichem Engagement, sie ist geprägt von Wunden und Wundern, vom Vergehen und Wiederauferstehen. Und wer könnte diese Vielfalt besser erzählen als Dr. Winfried Krings, langjähriger Professor an der Bamberger Universität für historische Geographie, engagiert als nichtamtlic...


01.06.2017

Gemma & The Travellers - Too Many Rules and Games

 Soul, R&B und Funk bietet das anglo-schwedisch-italienisch geprägte Sextett aus Frankreich und setzt damit auf bewährte Genres, die allerdings nicht gerade im aktuellen Mainstream schwimmen. Davon unbeirrt liegt mit Too Many Rules and Games ein unglaublich sauber und feinfühlig produziertes Album zwischen retro und zeitgenössisch vor, das Vintage und Modern summa cum laude verbindet. Dabei klingt das Ensemble wie eine Operndiva im funky Kostüm und stellt sich trotz enger Genregrenzen mit seinem sehr eigenwilligen Soulsound ganz eigenständig, authentisch und unverkennbar auf. Gemma M. und Robert P. liefern erstklassiges Songwriting mit vielen Raffinessen und ein sehr abwechslungsreiches, emotionales und vor allem tanzbares Set. Markante Stilmerkmale sind ein fein abgestimmtes Wurlitzer, der Saxophonsatz mit einem deutlich spür...


01.06.2017

Vom Glück zu wissen, wo man hingehört

 Einen festen, unverrückbaren Platz im Leben zu finden, das ist das Ziel eines jeden Menschen. Im Kindesalter kann man diesen Wunsch selten so deutlich benennen und doch ist er da. Wenn man weiß, woher man kommt, ist der erste Schritt bereits getan. Doch was so selbstverständlich klingt, ist es oft nicht. Die schwedische Schriftstellerin Annika Thor hat sich in ihrem kürzlich erschienen Kinderbuch „Vorhang auf für Johanna!“ mit dieser Thematik beschäftigt und reist dafür 182 Jahre in der Zeit zurück – ins Jahr 1835. Der elfjährige Johan ist so ein Kind, das nicht weiß, wer seine Eltern sind, denn Johan ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Zwar weiß er nicht, wer er ist, aber etwas Anderes weiß er dafür sehr genau: dass er es nicht länger im Waisenhaus aushält. Also flieht...


01.06.2017

Keine Lyrik nach Schnittmuster

 Vier Jahre nach Erscheinen der „Monster Poems“ vollendet Nora Gomringer nun ihre (Lyrik-) „Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten“ mit dem letzten Band: „Moden“. Wie schon im ersten Band und in dessen Nachfolger „Morbus“ fischt sich die Autorin ein Thema heraus und seziert es kunstfindig, verstrickt sich im Detail, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. „Moden“ ist sowohl kritischer Zustandsbericht als auch analytischer Rückblick: Was ist Mode, was tragen wir heute, was macht sie mit uns und wie hat sie uns verändert? – eine mit allen Mitteln der Lyrik die Mode durchforstende Lektüre. Darauf versteht sich Nora Gomringer – fast müßig zu erwähnen – Bachmann-Preisträgerin, Chefin der Villa Concordia und Bambergs beste Wortakrob...


30.03.2017

Anna Depenbusch - Das Alphabet der Anna Depenbusch

 Kreatives Wortspiel, ein Alphabet von Leichtigkeit, Texte wie Wunderkerzen. Anna Depenbusch macht weiter wo Katharina Franck, Nena und Diane Weigmann aufgehört haben. Und das noch frischer, schöner und mit noch mehr Stil. Und mit ein klein wenig Rest von Piaf. Ihre Kompositionen vertragen verschiedenste Kleider. Entsprechend facettenreich kommt das Album daher und überzeugt meist auch im einzelnen Lied. Sie kann solo am Klavier, mit Musikgruppe, mit dick produzierten Beats und auch mit Big Band. Leise wie laute Töne. Und klingt meist ganz wie sie selbst. Ziert die Aufnahmen mit zahlreichen Gästen und steckt ihre Lieder auf dem Album in sortierte Schubladen entlang der Popgeschichte von den 20ern bis heute. Abwechslungsreich ist das natürlich, kurzweilig und für jedermann Geschmack ist etwas dabei. Viel zu kritisieren gibt e...


30.03.2017

Einsames Land

 Von Zeit zu Zeit erscheinen Fotobücher, die berühren. Oftmals sind es nicht die dicken, opulenten Bände mit vielen hundert Seiten, die auf den Kaffeetischen eine gute Figur machen. Im Gegenteil: Es braucht oft nicht mehr als ein paar Dutzend Seiten, um eine gute Geschichte zu erzählen. Giulio Rimondis Werk „Italiana“ ist so ein Buch. Rimondi ist ein Fotograf, der in seiner visuellen Sprache zwischen Abbild und Bild schwankt. Er ist ein Dokumentar seines Heimatlandes Italien, das er von Norden nach Süden bereist hat, um Bilder zu finden, die keinen dokumentarischen Anspruch haben. In ihnen ist das Flüchtige, Dunkle, Momenthafte, Geheimnisvolle, Instabile – in ihnen ist die Einsamkeit. Wir sehen Chiffren, symbolhafte Bilder für ein Land, das sich verändert hat. Die Stichworte, der Hintergrund für ...


30.03.2017

Lemur – Die Rache der Tiere

 Der Feuchtnasenaffe mit der sympathischen Stimme ist zurück. Rapper Lemur, einst die Hälfte von Herr von Grau, hat mit „Die Rache der Tiere“ sein zweites Soloalbum an den Start gebracht. Im zweiten Track macht Ex-Herr von Grau gleich mal klar, dass er „keinen Bock mehr aufs Menschsein“ und deshalb die Verwandlung zum Lemur vollzogen hat – auch um die Rache der Tiere nicht mehr fürchten zu müssen. Denn „dieser Planet macht sich sauber“ und ist obendrein „saumäßig sauer.“ Recht hat er, der Wahlberliner, der eigentlich aus Wolfsburg stammt. An die niedersächsische Industriestadt, die aktuell ziemlich zum Himmel stinkt, erinnert er sich in „Wolfsburg“. Vergangenheit prägt, auch wenn sie sich irgendwann nur noch so anfühlt wie ein Wimpernschlag und Er...


30.03.2017

Lange verkannt und endlich wiederentdeckt

 Wer kennt ihn nicht, den grünbedressten Jungen aus dem klangvoll klingenden „Nimmerland“, der niemals erwachsen wird. Immer an seiner Seite: die goldlöckige Elfe Tinkerbell. Klar, die Rede ist von Peter Pan. Bei Disney hat er so manches Abenteuer erlebt, das es „in Wahrheit“ gar nicht gibt. Nicht mal auf dem Papier, jedenfalls nicht im Original. Wahrscheinlich fragt sich jetzt manch einer (zurecht): Ja, aus wessen Feder stammt die Geschichte um Peter Pan eigentlich? War es Disney selbst? Kaum. Google weiß es: der Autor dieser vieladaptierten Geschichte, um nicht zu sagen dieses glorreichen Stückes Weltliteratur, ist der schottische Schriftsteller und Journalist James Matthew Barrie (1860-1937). Ziemlich bitter, dass man dafür das Internet bemühen muss. Wenn schon der Autor selbst weitestgehend unbekan...


30.03.2017

Markus Harm Quartett (MHQ9) – Dig It?

 „Magst es?“, so das zentrale Statement des Solo-Debüts von Markus Harm mit seinem Quartett. Ein wenig vorsichtig also kommt sein musikalisches Angebot daher, das definitiv keine leichte Kost ist. Doch sicher nicht ohne Überzeugung. Ausbildung und Anspruch an das eigene Musizieren werden hier ebenso deutlich, wie auch sein Mut zum Risiko. Der Status des Handwerks ist ablesbar, der Klangkosmos ist bewusst gewählt und zeugt von Reife, aber auch von Neugier und jede Menge Raum für Entwicklung. Erfrischend ist das gemeinsame Spiel mit ausreichend viel Platz für Soloimprovisationen aller Musiker. Das Wechselspiel von Saxofon und Gitarre ist goldrichtig, wenngleich die hohen Anteile der Gitarre zunächst überraschen. Das Comping aller Musiker ist sehr überzeugend. Klanglich steht das Quartett dabei konsequent mit...


30.03.2017

Satire-Potpourri

 Die Welt befindet sich in einer Krise, aber ist das nicht schon seit Anbeginn der Zeit so? Oder jedenfalls seit Anbeginn der menschlichen Existenz? Wo Menschen sind, herrscht Chaos. Oder anders: Wer lebt, stört. Eigentlich nichts Neues, aber verschiedene Zeiten bergen verschiedene Probleme, bescheren verschiedene Kuriositäten, befördern verschiedene Paradoxa zu Tage. So viel Verschiedenes ist im Kern meist trotzdem gleich und dennoch: Zum Widerspiegeln und vor Augen führen politischer, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Missstände hat sich eine literarische Kunstform stets bewährt: Der Aphorismus. X Wassensdorfer, Jahrgang 1950, gebürtiger Hallenser, studierter Volkswirt und inzwischen pensionierter Rechtsanwalt, widmet sich seit 2008 dem Schreiben von Gedichten, Essays und eben Aphorismen. In seiner jüngst er...


01.02.2017

Lula Pena - Archivo Pittoresco

 Gitarre und Gesang gibt es in tausenden Variationen. Lula Penas musikalische Zeremonien allerdings sind einzigartig. Und auch rar. Seit ihrem letzten, zweiten Album „Troubadour“ sind knapp sieben Jahren vergangen. Ihr Debüt gab sie vor nunmehr 20 Jahren. Und auch konzertant ist die portugiesische Künstlerin nur selten zu sehen. Ihr Weltmusik-Mix zwischen Fado, Folk, Blues, Flamenco und anspruchsvollem Gitarrenspiel mit perkussiver Note tönt ungezwungen, introvertiert und dem Klang und Lied an sich gewidmet. Der obertonreiche Gesang stützt den schamanischen Charakter ihrer musikalischen, meditativen Performance, die weit mehr ist als ein Konzert alleine. Mit inspiriertem, sehr unkonventionellem Gitarrenspiel in brillant akustischem Klang verschmelzen die Sängerin und ihre Stimme zu einer großen inspirierenden Botschaft. Es ist, ...


02.02.2017

Maxim - Das bisschen, was wir sind

 Es gibt sie noch, die Dichter und Denker. In Deutschland. 2017. Manch einer mag es kaum glauben und wird es doch einsehen müssen. Eine ganze Riege Deutschpoeten singt sich seit ein paar Jahren in die Köpfe und Herzen der Zuhörer. Berlin hat sie großgemacht und so allmählich kennt man sie auch sonst überall im Land. Zu ihnen gehört auch Maxim Richarz, Jahrgang 82, also ähnlich alt wie seine Kollegen Clueso, Philipp Poisel, Joris und wie sie nicht inzwischen alle heißen. Nun muss einem nicht jeder davon gefallen und es ist nicht sicher, ob Maxim, der darauf besteht, keine BWL-Musik zu machen mit Tim Bendzko und seinem aktuell überpräsenten „Ich-bin-doch-keine-Maschine“-Song in einem Atemzug genannt werden will, aber im Großen und Ganzen braucht man sich hierzulande nicht über zu wenig Singer-S...


01.02.2017

Ein kleiner Schatz der Weltliteratur

 Wenn ein Autor 25 Jahre an einem Buch arbeitet, dann kann man das Ergebnis daraus mit Recht als einen großen Teil seines Lebenswerks bezeichnen. Der 1883 im Libanon geborene und 1895 in die USA ausgewanderte Dichter und Philosoph Khalil Gibran veröffentlichte 1923 mit „Der Prophet“ sein bekanntestes Werk, das bis heute millionenfach verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, dessen Autor aber immer noch so etwas wie ein Geheimtipp ist. Das Buch erzählt in 26 Kapiteln von dem Prophet Almustafa, der zwölf Jahre in Orfalis, einer orientalischen Stadt, auf sein Schiff gewartet hat, um in seine Heimat zurückzukehren. Auf inständiges Bitten der Bewohner der Stadt, spricht er ein letztes Mal zu ihnen und beantwortet die von den Einwohnern gestellten Fragen, z. B. von der Liebe, der Ehe, den Kindern, dem Tod und vielem m...


01.02.2017

Märkisch unaufgeregt

 Wo Oder und Spree, Neiße und Havel fließen, findet man das gewässerreichste Bundesland Deutschlands. Der Brandenburger, auch Märker genannt, ist weder Frohnatur noch Defätist. Er ist unaufgeregt und fügt sich puzzleartig in die Weiten der Landschaft ein, die mystisch und reizvoll daliegen. Im Potsdamer Umland lebt man nahe zweier Großstätte außerordentlich idyllisch und nachbarschaftsarm. Aber die Idylle ist manchmal trügerisch und schützt nicht vor Verbrechen. Toni Sanftleben, Havelländer und Hauptkommissar, ermittelt deshalb (trotz Beurlaubung) in einem neuen Fall. Diesmal geht es nicht um ihn und seine Frau, die nach 16 Jahren endlich wiederaufgetaucht ist, sondern um den spurlos verschwundenen Sohn seiner Potsdamer Staatsanwaltskollegin Caren Winter. Der pubertierende Alexander ist nach dem mysteriö...


01.02.2017

Lesley Kernochan - A Calm Sun

 Slide-Gitarren, Akustik-Gitarren, Mandoline, Banjo, Ukulele, Orgel, Wurlitzer, Geige sowie Kontrabass. Sehr traditionell und akustisch ist Lesley Kernochan aufgestellt, wenn sie ihr aktuelles Album „A Calm Sun“ in Silber ritzt. Und so pur und warm wie die Instrumentalisierung ist auch ihr Stil. Feiner, klarer Country mit einer überaus bezaubernden Stimme. Sie singt von den kleinen Welten überall, von dem Vorzug, Musik in seiner Stadt zu haben. Von Tintenfischen mit babyblauen Augen, denen sie im Auge des Sturms das Schwimmen beibringt. Von Pflanzen, die sich mit dem Wind verbreiten und Kalifornien als Heimat ausmachen. Davon, dass sie es leid ist, müde zu sein und von der süßen Liebe, direkt aus dem Herzen heraus. Von Liebe noch einmal und immer wieder von Liebe. Zum Leben, zur Musik, zur Landschaft, zur Lebensfreude, von der Liebe ...


01.02.2017

Todernste Reiseführer müssen nicht sein

 In der Reihe „111 Orte“ ist im Emons Verlag ja inzwischen eine beachtliche Bandbreite an Büchern über Städte, Landschaften Museen etc. erschienen. Sich einen einzelnen rauszupicken, verlangt Entscheidungsfreudigkeit. Wir haben uns aus purer Neugier für den Erfurt-Band entschieden, weil er erstens neu ist und wir zweitens die Hoffnung hegten, noch mehr Erkenntnisse in Sachen Erfurter Kultur zu gewinnen. Und das schon mal vorweg: Wir wurden nicht enttäuscht. Ulf Annels Reisetipps lesen sich kurzweilig und sind mitunter sehr amüsant. Als Leser erfährt man nicht nur jede Menge Wissenswertes über die Regional- und zuweilen auch Weltgeschichte (Wussten Sie zum Beispiel, dass Erfurt mal Hansestadt war?), sondern darf sich bei der Lektüre an einer Reihe Kuriositäten erfreuen. Zum Beispiel am „Hä...


28.11.2016

Leg mich unter den Tannenbaum!

 Weihnachten naht und, ohne Stress verbreiten zu wollen, auch die Zeit der lästigen Geschenkkäufe. Glaubt man der allgegenwärtigen Panikmache in Schaufenstern und Werbespots, ist man damit Anfang Dezember sogar schon ziemlich spät dran. Als Kulturblatt sehen wir uns deshalb in der Pflicht, in schweren Zeiten wie diesen, wenigstens ein bisschen für Entschleunigung und Entspannung zu sorgen. In stundenlanger Feldrecherche haben wir uns gerne Ihren Kopf zerbrochen und präsentieren Ihnen in einem Lese- und Hörstoff-Spezial eine kleine Auswahl an weihnachtlichen Geschenken und Neuerscheinungen, die man getrost unter den Tannenbaum legen kann. Weniger Bullerbü – dafür mehr Pub (Mehr Whiskey für den Weihnachtsmann) …das ist Weihnachten in Irland. John B. Keane wusste davon zu berichten. Seine irischen Weihnachtsgeschichten erzählen von zwei alten Zaunkönigsängern, die am „dri...


28.11.2016

„Hier bleib ich nicht“

 Über Jean Paul gibt es viel zu sagen, so zum Beispiel, dass er (vermutlich) immer noch einer der am meisten unterschätzten Schriftsteller deutscher Geschichte ist. Wie schrieb der angesehene Jean Paul-Kenner Ulrich Holbein einmal zu einem früheren Zeitpunkt an dieser Stelle: “So landete er in der Rubrik untergebutterter Übermenschen, eingedampft zum Idylliker, kleingehalten als Heimatdichter, Trunkenbold, zum Kauz vom Lande, der in einer Gartenlaube zentnerweise bildungstriefende Heiterkeit raushängen lässt, breitärschig und trinkfreudig, nippifiziert zu einer putzigen Vignette der Goethezeit. Aber dauernd merken wieder welche, dass er die Pranke des Löwen zeigt und dass er ganz anders tönt und leuchtet, als es seine Schublade erlaubt.“ Was Jean Paul definitiv gerne machte, war Reisen und Wandern, selten hielt ...


28.11.2016

Andrea Pancur | Alpen Klezmer - Zum Meer

 Preisgekrönt (Deutscher Weltmusikpreis 2014) ist ihre eigene Genreschublade inzwischen, ihre anspruchsvolle, ergiebige Symbiose von bayerischen und jiddischen Volksmusiktraditionen - ihr Alpen Klezmer. Mit dem neuen Album „Zum Meer“ verfeinert die Münchner Sängerin, was sie erfunden hat. Die Fusion wird noch reifer, nuancenreicher und bringt, dank der großen Freiheit für die grandiosen, mitwirkenden Musiker, Neues, Poliertes, Glänzendes und Kantiges aus zwei Welten auf einen Nenner. Mit ihren Texten und ihrem Gesang setzt Andrea Pancur dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Dabei ist sie bei weitem nicht die einzige, die singt und jodelt. Neben und mit zwei weiteren Vokalisten entstehen ganze Chöre und Kanons in drei verschiedenen Sprachen und Dialekten (jiddisch, trentinisch, italienisch), in facettenreichem Wechsel mit e...


28.11.2016

Wayne Graham

 Wayne Graham? Wer das ist? – Das sind zwei Brüder Anfang und Mitte zwanzig aus den Südstaaten der USA, genauer gesagt aus Kentucky. In Europa noch weitestgehend unbekannt, finden sie trotzdem den Weg in diese Zeitung, weil sie ein absoluter Geheimtipp sind (wer weiß, wie lange noch). Und zwar aus folgendem Grund: Sie machen sagenhaften Alt(ernative)-Country; aufs Wesentliche reduziert, eingängig, aber mit Nichten banal, dafür sau-urig und subtil. So könnte man Wayne Grahams viertes Album „Mexico“, das seit Kurzem frisch in den Läden steht, in aller Kürze beschreiben. Es schlägt nachdenkliche, reife Töne an. Der Tod des besten Freundes und Bandkollegen im vergangenen Jahr bestimmt den Themenkanon – da wird man wohl erwachsen. Trübsinnig ist trotzdem keiner der elf Albumsongs. Hin und wiede...


28.11.2016

Annelise Kretschmer - Entdeckungen

 Annelise Kretschmer, am 11. Februar 1903 als Annelise Silberbach in Dortmund geboren, gehörte zu den ersten Fotografinnen Deutschlands, die über ein eigenes Atelier verfügte. Gleichwohl sie dem Konzept der Neuen Sachlichkeit durchaus nahestand, entwickelte sie eine eigene Ästhetik, aus der dann auch ein eigenes Konzept entstand. Wie begnadet Annelise Kretschmer war, lässt sich daran ermessen, dass sie bereits mit ihren ersten Arbeiten auf den ganz großen Ausstellungen ihrer Zeit in München, Wien und Paris vertreten war. Aufgrund der jüdischen Herkunft ihres Vaters wurde Annelise Kretschmer während der Zeit des NS-Regimes aus der Gesellschaft deutscher Lichtbildner ausgeschlossen. Kretschmers Atelier, das in den ersten Jahren nach der Machtergreifung Ziel judenfeindlicher Schikanen war, wurde schließlich 1944 währe...


28.11.2016

V.A. - Le Pop La Boum

 Seit 2002 rettet Le Pop den frankophon geneigten Tonträger-Sammlern mit exquisit ausgewählten Sammeltonträgern das täglich süße Leben und liefert Polka! Cherie! und ganz aktuell „La Boum“. Die Spezialausgabe der Serie fällt mit ihrem Party-Fokus aus der Reihe der üblicherweise chansoniesk leichtfüßigen Zusammenstellungen heraus. Tanzbarkeit und Spaß waren die Auswahlkriterien – das Grinsen im Gesicht ist die Intention. Mit der neuen Edition erfüllt sich das Le Pop DJ-Duo den lang gehegten Traum, ein „Best Of“ ihrer tanzhallenerprobten Live-Sets in schwarze Rillen zu gießen. Das sind – nicht immer – aber auch leise, geschmackvolle, raffinierte Songs, das ist Liedgut aus den Sechzigern, sind Partyhits, Dancehall-Beats, Punk-Klopper, Retro-Disco und am Ende alles in einem irgendwie Pop`n`Roll. Das sind eine knappe Hand voll alter Hasen der französischen Musikszene, das ist die ...


28.11.2016

Von Lebkuchenhaus-Maklern und Hipster-Wölfen

 Mit Märchen ist das so eine Sache: Auf der einen Seite können sie mitunter ziemlich grausam sein. Man denke da nur an die Hexe, die Kinder mästet, um sie anschließend im schmorgebratenen Zustand zu verspeisen. Und trotzdem ziehen diese Jahrhunderte alten Geschichten seit jeher Menschen jeden Alters in ihren Bann. Vielleicht liegt das aber auch an dem nicht ganz unwesentlichen Fakt, dass Märchen in der Regel glücklich ausgehen und meist nach dem Karma-Prinzip funktionieren. So hat es auch der angehende Märchenexperte und Noch-Azubi Titus Haselschein aus dem verwunschpunschenen Grimmelsbergen in seiner Akademieausbildung gelernt. Titus liebt Märchen – gerade weil sie eben genau so ausgehen wie sie ausgehen. Bisher hat er sich in seiner Ausbildung zum Märchenexperten auch ganz gut geschlagen, doch nach zwei Lenzen steh...


30.09.2016

Ganz und gar nicht banal

Wenn ein Schriftsteller mit 88 Jahren noch einmal einen Roman veröffentlicht, dann ist allein dies schon eine Erwähnung wert. Wenn es sich allerdings um ein dermaßen gelungenes Werk wie „Alles, was ist“ von James Salter († 2015) handelt, dann ist dies für uns allemal Grund genug für eine Rezension, auch wenn das Buch bereits 2013 erschienen ist. Warum also heute noch eine Rezension? Das hat einen einfachen Grund, das Werk ist derzeit bei Jokers von der Verlagsgruppe Weltbild als gebundene Ausgabe für gerade einmal 5,99 Euro zu haben. Und wer da nicht zugreift, der ist selbst schuld. Dieser Roman handelt von all den Themen, die vielen Menschen mittlerweile zur Alltäglichkeit geworden sind, obwohl er zeitlich in der Mitte des letzten Jahrhunderts beginnt. Krieg, Ängste, Arbeit, Familie, Untreue, Schwächen aber auc...


30.09.2016

Rolf Kühn

 Wenn ein 87-jähriges, ehemaliges Jazz-Wunderkind aus Leipzig sich als jüngsten Streich seiner ergiebigen Arbeit fein ausgewählte, interessante Musiker verschiedenster Genres für ein Album mit fulminant grenzüberschreitendem Klang einlädt und dabei derart rockt, dann ist das einfach nur genial. Rolf Kühn muss niemandem vorgestellt werden, er ist ein deutscher Musiker von Weltformat und zählt zur Königsklasse des Jazz. Dass jedes seiner Alben ein Meilenstein seines Schaffens und Glanzpunkt der Musikgeschichte ist, daran haben wir uns auch längst gewöhnt. Und wieder einmal und diesmal vielleicht sogar ganz besonders, setzt er beim Schaffen seines neuen Albums abgeklärt gekonnt den Punkt auf das i. „Spotlights“ tituliert sein jüngstes Studiowerk, auf dem er neben seinem Bruder Joachim Kühn au...


30.09.2016

Jazzkantine

 Die Alte Rap-Schule ist wieder da. Und leiht sich die Kochbücher noch älterer Hasen für ein neues Konzeptalbum aus. 2014 noch im bombastischen Big-Band-Modus, läuft der aktuelle Silberling der Jazzkantine in eine ganz andere Richtung und fährt publikumstechnisch mehrgleisig. Die alten Fans dürfen in ihren grauen Zellen altbekannte Namen wie Grandmaster Flash & The Furious Five, Eric B. & Rakim, Public Enemy, NWA oder Afrika Bambaataa ausgraben, für die junge Hip Hop-Generation schlägt die zehnköpfige Truppe das 1. Kapitel im Geschichtsbuch des Sprechgesangs auf: Jungle Brothers, Tone Loc oder EPMD heißen die Kapitel. Die Zeitreise zu den Anfängen des Hip Hop, zurück in die 80er-Jahre, ergänzt den jazzigen Reimkosmos der Jazzkantine um eine bisher so nicht dagewesene Nische, die mit viel instrument...


11.10.2016

Grenzgänger im Geiste

 Die Teilung Deutschlands ist eigentlich ein Thema, das sich medial totgelaufen zu haben scheint. Auch die immer noch vorherrschenden Ost-West-Ressentiments sind so abgelatscht wie ein Paar alter Schuhe. Deshalb stellt sich die Frage, ob es zwingend noch mehr Bücher zum Thema braucht. Aber man soll ja neugierig bleiben und gegen das Vergessen hilft bekanntlich nur eines: aufarbeiten. Das im Juni in deutscher Erstauflage erschienene Buch „Unzertrennlich trotz Mauer und Eisernem Vorhang“ von Hanno Speich arbeitet viel auf. Kriegswunden, die Flucht der Familie vor dem KGB, der Neuanfang in Triest, die Sehnsucht nach der Heimat Leipzig, die Enteignung des Freundes Manfred durch den DDR-Staat und noch mehr. Einzuordnen ist das Buch irgendwo zwischen Sachbuch, Familienroman und Zeitzeugenbericht. Regelmäßig webt Speich Schriftstücke aus dem Br...


30.09.2016

Joseph Myers

 Es ist nicht tot zu kriegen, dieses Singer-Songwriter-Ding, was manchmal zum Verzweifeln ist. Und dann wieder ein Segen. So auch im Fall des neuen Langspielers von Joseph Myers, dem zunächst unscheinbaren Osnabrücker Musiker, der ungemein umtriebig und dabei ausgesprochen stilecht und überzeugend ist. Die rege Livepräsenz steckt in seinen Knochen, die Studioarbeit mit Produzent Tobi Schneider ist ihm sehr gut bekommen. „Against The Sea“ ist definitiv eine Perle im Liedermacher-Genre, ein herzzerreißender Tiefgang mit vielen Facetten, sparsam und gelungen instrumentiert und vor allem auch ein wunderbares Pop-Werk. Ergreifender Folk-Pop der ersten Güteklasse, mit stimmungsgeladenen Melodien zwischen Melancholie und vorsichtiger Aufbruchsstimmung. Poetisch und schön ist seine Musik und hat Qualitäten von Kollegen wie Bel...


30.09.2016

Der Fall Oscar Slater

 Man stelle sich folgende Szenerie vor: eine reiche ältere Dame wird eines Abends in ihrer Glasgower Wohnung überfallen. Als das Dienstmädchen von ihren Besorgungen zurückkehrt, können sie und ein Nachbar, der kurz zuvor dumpfe Laute vernommen haben will und nun kommt, um nach dem Rechten zu sehen, nur noch den Tod der alten Frau feststellen. Gestohlen wird lediglich eine Brosche, weshalb die Polizei einem Mann auf die Spur kommt, der ein solches Schmuckstück kurz nach der Tat in einem nah gelegenen Pfandleihhaus versetzt hatte. Anschließend begibt er sich auf große Fahrt nach Amerika. Passt doch alles wie die Faust aufs Auge – der Typ MUSS der Täter sein! Nun lehrt uns aber der wöchentliche Sonntagskrimi folgendes, nämlich, dass nichts so ist, wie es scheint. Und selbst diejenigen, die ihre Sonntagabende ni...


28.07.2016

„Das Leben ist kein Nullsummenspiel.“

 Wenn man auf sein eigenes bisheriges Leben zurückblickt, kommt einem unweigerlich der Gedanke nach der Sinnhaftigkeit mancher Ereignisse. Die Erkenntnis – oder vielleicht besser Akzeptanz – dass irgendwie doch alles bisher Geschehene seine Richtigkeit hatte, kommt erst mit der Zeit, auch ohne Gottglauben. Denn „das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts.“ (und trotzdem gibt es wohl kaum jemanden, der sich und seinen Weg nicht doch hin und wieder hinterfragt.) In Benedict Wells neuem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ wird genau das zum Thema, eingebettet in die Lebens- und Liebesgeschichte von Jules Moreau, eines Jungen, der schon früh seine Eltern verliert, gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern in einem Internat bei München aufwächst und im Laufe seines Lebens an verschiedene Scheidewege ger&a...


02.08.2016

(K)eine Insel für jedermann

 Waren Sie schon einmal (oder auch mehrmals) auf Hiddeensee? Sind Sie auch diesem Zauber erlegen, mit dem die kleine Ostseeinsel von Anfang an versucht ihre Besucher einzufangen? Hiddensee war schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein Treffpunkt für Künstler und Lebenskünstler. Auch zu DDR-Zeiten gaben sich hier Maler, Musiker, Schriftsteller und alle, die sich dafür hielten, ein Stelldichein. Dass die Insel Sperrgebiet war, änderte daran nichts. Denn schon der Versuch, Hiddensee gegenüber unangemeldeten Personen abzuschirmen, provozierte jene, die keine Lust auf FDGB-Urlaub und Bevormundung hatten, sondern sich ihr Recht auf freies Reisen in einem unfreien Land nicht nehmen ließen. Fortan kultivierte die Insel das Lebensgefühl der Unangepassten. Zeitzeugen aus fünf Jahrzehnten erzählen ihre persönlichen Geschich...


28.07.2016

OK KID

 OK KID – Das sind fünf Exil-Gießener, die schon seit 2006 Musik machen. Bei Wikipedia steht was von Pop-Band, aber Informationen von dort gehören ohnehin gefiltert und sind mit Vorsicht zu genießen. Wenn schon eine Einordnung erfolgen soll, dann müssen mehrere Schubläden aufgezogen werden: vor allem die des Hip-Hop, Elektro und dann irgendwann die des Pop. Im Zweifel ist es halt Indie. Im April haben OK KID ihr zweites Album rausgebracht und transportieren darauf, unabhängig irgendwelcher Musikstile, vor allem ein Lebensgefühl, ihres und das einer ganzen Generation. Titel Nummer zwei auf der Platte heißt „Ich kann alles“, und das sagt alles – über eine Band, die gerade voll durchstartet, die stellvertretend für die Generation Y steht. Letztere ist zwar hin- und hergerissen zwischen dem ...


28.07.2016

Miriam Netti

Die aus Apulien stammende Wahlberlinerin hat ihre ganz eigenen Vorbilder. Und baut daraus ihren leichtfüßigen BossaNovaSambaPopJazz-Mix mit durchweg italienischen Texten. Auch auf ihrem zweiten Album „La Bossa“ - der Titel spricht Bände - zeigt sich ihre ausgesprochene Liebe für das „Jobim-Genre“. Gekoppelt mit dem musikalischen Italien als Hintergrund und Schnittmenge wächst ihr sanfter Latin zu etwas besonderem. So klingt das Album gleichermaßen wie der Soundtrack für den nostalgischen Ape Calessino-Ausflug, wie die nächtlich-charmante Melancholie einer Berliner Latin-Bar oder wie die italienische Ausgabe eines bekannten „Zimmer-Frei“-Gastgebers beim musikalischen Stelldichein. Dabei bedient sie sich gleichfalls sorgfältig ausgewählter Kompositionen wie z.B. Bobby Russel (Little Gr...


28.07.2016

Funny Van Dannen

 Nach nunmehr zwei Jahren seit dem letzten Longplayer „Geile Welt“ legt der Komisch-Melancholisch-Barde mit „Come On - Live im Lido“ aktuell sein neuestes Album vor. Live und direkt sind die zwanzig neuen Lieder in 2015 in der Hauptstadt eingespielt worden und kreisen weiterhin durch das Universum des in Holland geborenen Mehrfachkünstlers mit Wahlheimat Berlin. Er besingt die Höhen und Tiefen des Lebens in bewährter und grenzenloser Themenwahl, durchschreitet Gürtellinien, formuliert scharf reflektierte Fälle und Sonderfälle und mutmaßt in alle Richtungen. So heißt es in „Latente Homosexualität“: „Und auf den Rängen die halbnackten Jungs, die Bengalos, der Qualm und der Rauch. Na klar, das ist kein Darkroom, aber sich nah sein kann man so auch. Nein es gibt keine Studien von ke...


16.06.2016

Premierenlesung des Frankenkrimis

 Vor rund 400 Jahren war das ehemalige Hochstift Bamberg ein Zentrum der Hexenverfolgung in Europa. Innerhalb weniger Jahre wurden mehr als 1000 Menschen in der Region gefoltert, verbannt oder zum Tode verurteilt. Eine zentrale Person der Ereignisse war der Hexenkommissar Ernst Vasoldt. Krimiautor und Journalist Harry Luck hat die Geschichte dieser Bamberger Persönlichkeit akribisch recherchiert und stellt den Inquisitor in das Zentrum seines neuen Kriminalromans Bamberger Fluch, der am 23. Juni erscheint. Für sein Buch ist Harry Luck tief in die Geschichte der Stadt eingetaucht. Er recherchierte in Bibliotheken und Archiven, führte Interviews mit den Leitern des Diözesanmuseums und des Stadtarchivs. Luck entdeckte dabei sogar einen Eintrag über Vasoldt in der Röttinger Kartei. Am Ende hatte er alles über den Hexenkommissar in de...


30.05.2016

Ein bahnbrechendes Jahr für die Kulturgeschichte

 1914 sollte zu einem Jahr werden, das man so schnell nicht vergessen würde, das bis heute (und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit) tonnenweise Geschichtsbücher füllt und Schülerscharen zur Weißglut treibt. Im August 1914 – so weiß jeder – brach eine neue unwirtliche Zeit an, der Erste Weltkrieg begann und sollte lange andauern. Doch was geschah eigentlich zuvor? Kriege brechen ja nicht „mal eben so“ aus, ganz langsam beginnt etwas zu schwelen und Umbruch liegt in der Luft. Irgendwie haben das wohl auch die genialen Köpfe und Protagonisten in Florian Illies fulminanten Sachbuch „1913“ geahnt, konnten es nur noch nicht richtig greifen. Vor allem aber war 1913 ein Jahr, das kulturelle Umbrüche und ein Zeitalter der Extreme markierte und selten beschreibt das ein Sachbuch, das eigentlich eher als...


30.05.2016

Carlos Reisch – The Big Band Rapertoire

 Jazzkantine, James Last, Max Herre, Joy Denalane und Stefan Raab in den Mixer - geschüttelt, nicht gerührt. Das ist Carlos Reisch mit seinem Big Band Repertoire. Und der Name ist Programm. In großer, ausgewählter Besetzung vereint das 21-köpfige Projekt Hip Hop, Jazz und Latin-Klänge zu einem vielfältigen Musik-Mix des guten Geschmacks. In deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache gibt sich die Truppe facettenreich und weltoffen, wie es sich für diese Art von Musik gehört. Gesungen, gesprochen und gereimt. Ja, das ist ein „Reason to party“, wie der Opener den Hörer funky in das Album zieht. Eine Scheibe mit dem ein oder anderen „Ohrwurm“ ist das und mit Klängen wie „Früher“. Dabei dreht sich textlich alles um das simple, reflektierte Leben, politisch m...


30.05.2016

Fantasien von Drachen, Geistern, Rittern und anderen!

 Die meisten von unseren Lesern werden Kazuo Ishiguro wegen seines Bestsellers „Was vom Tage übrig blieb“ kennen. Zwischen seinem vielleicht besten Werk und dem 2015 erschienen „DER BEGRABENE RIESE“, vergingen rund 10 Jahre. Vielleicht lag es daran, dass er diesen Roman noch einmal neu begann, obwohl er schon 80 Seiten fertig gestellt hatte. Und was daraus entstanden ist nannte Daniel Kehlmann in seiner Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „phantastisch, unterhaltsam und historisch relevant.“ So weit würden wir bei unserer Rezension nun nicht gehen, aber beachtenswert ist es allemal. Ishiguro nimmt die LeserInnen mit auf eine Reise in das Britannien des 5. Jahrhunderts nach Christus. Die Römer sind auf dem Rückzug, die Angelsachsen haben das Land noch nicht in ihrer Hand. Bürgerkriege haben eine ...


30.05.2016

Pannonia Allstars Ska Orchestra - Ghost Town

 10 produktive Jahre ist das pannonische Allstar-Ensemble nun unterwegs und ist auf dem neuesten Longplayer spielfreudiger denn je. Sie sind als Top-Act der ungarischen Musikszene bekannt, ein Liebling des deutschen Funkhaus Europa, das sie unter anderem auf seine Silvesterbühne nach Köln eingeladen hat und sind nicht nur eine Art Hausband des renommierten Sziget Festivals, sondern waren auf vielen großen Bühnen Europas zu Gast, zuletzt beim Tramore Ska Festival in Irland sowie beim London International Ska Festival in England. Musikalisch gelten sie als Botschafter der jamaikanischen Genres mit Einflüssen aus dem Balkan, die sie stilsicher als Reggae, Dancehall, Ska, Jazz, Balkan oder Weltmusik verarbeiten. Facettenreich und musikalisch auf hohem Niveau sind die dreizehn Titel auf dem neuen Album, das noch mutiger als bisher zu den ungarischen ...


30.05.2016

Alligatoah - Musik ist keine Lösung

 Der Raphimmel erfährt derzeit eine Art Revolution. Lukas Strobel, besser bekannt als Alligatoah, mischt gerade ordentlich die Szene und auch immer mehr Massen auf. Seit der Erfolgswelle von Caspar und Cro dachte man fast schon, dass sich das Rapgenre stilistisch damit erschöpft hat. Alligatoah beweist eindrucksvoll das Gegenteil und legt noch eine Schippe drauf. Vor allem inhaltlich können dem 26-jährigen Künstler wahrscheinlich nur wenige das Wasser reichen. Er wird mittlerweile schon als Jan Böhmermann des deutschen Hip-Hop und „Meister des geschliffenen Wortes“ gehandelt (Südkurier). Das ist so falsch nicht, sein neues und zugleich viertes Album hält mehr als der Titel und der gleichnamige letzte Albumsong „Musik ist keine Lösung“ verspricht. Vielleicht ist Musik ja tatsächlich keine Lösun...


23.03.2016

Neues vom Erwachsenwerden

 Wie man es in der Summe erfolgreich vom Kind- zum Erwachsensein schafft, vor dieser Frage stehen wohl seit Menschheitsgedenken Generationen um Generationen. Es ist ein ewiger Kreislauf. Die Metamorphose ist nicht immer leicht und vollzieht sich dabei oft mehr oder weniger erfolgreich - aus der eigenen subjektiven Sicht, so würden wohl viele sagen, tendenziell eher weniger als mehr. So beschreibt es auch Schriftstellerin, Slampoetin und Filmemacherin Sarah Bosetti in ihrem Debütroman „Mein schönstes Ferienbegräbnis“. Und auch wenn das Leben der gleichnamigen und - mit schätzungsweise Ende zwanzig/Anfang dreißig - noch recht jungen Protagonistin manchmal ziemlich skurril und trübselig erscheint, so gelingt der Autorin mit viel Witz, Ironie und Scharfsinn ein authentischer Bericht über das Erwachsenwerden im Allgemeinen ...


23.03.2016

Bamberger Hofmusik

 Es hat jahrzehntelanger Forscherarbeit bedurft, bevor diese Darstellung der wichtigsten Epoche in Bambergs Musikgeschichte erscheinen konnte. Gerhard Weinzierl, Bamberger Musikpädagoge und -wissenschaftler, Spiritus Rector der „Musica Canterey“ und Gründer der Biennale „Tage Alter Musik“, hat ein Thema zu einer Gesamtschau führen können, das bisher nur in Teilaspekten behandelt worden war. Auf der Grundlage einer umfangreichen Sammlung von teils weltweit verstreuten Musikalien und der sorgfältigen Recherche in den archivalischen Quellen schildert der Autor die Musikpflege am Fürstbischöflich-Bamberger Hof in der Zeit von der Gegenreformation (Ende des 16. Jhs.) bis zur Säkularisation, also bis zum Beginn bürgerlicher Musikkultur Anfang des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der Publikation steht das k...


23.03.2016

Hungarian Noir

 Was Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ in der Literatur verkörpert, wird „Szomorú Vasárnap“ (Das Lied vom traurigen Sonntag, 1933) von Serres Rezsö in der Musik nachgesagt. Beide, so die Legende, lösten unvergleichliche Selbstmordwellen aus. Das Suizid-Motiv hier wie da: eine unerfüllte Liebe. Werther nahm sich das Leben. Serres Rezsö auch. Umso lebendiger ist die Geschichte der Komposition des Ungarn. Sie inspirierte nicht nur zum Schreiben eines Romans und zu seiner wunderbaren deutsch-ungarischen Verfilmung. Immer wieder interpretierten renommierte Künstler das traurige Stück auf besondere Weise. Paul Robeson präsentierte 1935 die erste englische Version. Billie Holiday sang es 1941. Ray Charles, Serge Gainsbourgh, Karel Gott und Heather Nova nahmen sich der Ausnahmekomposit...


23.03.2016

17 Uhr Tanztee - SpVgg Linden Nord

 13 Musiker, 13 Tracks, eine heile Klangwelt, eine runde CD. Die Spielvereinigung Linden Nord, ganz lokalpatriotisch nach dem Stadtteil ihrer Heimatstadt Hannover benannt, lädt zum Tanztee um 17 Uhr. Und der Titel ist Programm. Die Band strotzt nur so von musikalischen Reminiszenzen und Retrospektiven und bringt zurück auf die Bretter, die die Welt bedeuten, was der deutschsprachige Independentschlager in seinen besten Jahren zu bieten hatte. „Komm und bedien Dich“ lädt der Opener die nostalgische Hörerschaft in das musikalische Retrogeschehen und gibt zum Besten, was heute eher unter dem Titel „Help Yourself“, gesungen von Tom Jones, bekannt ist. Dabei hat Peter Alexander damit bereits 1968 für Furore gesorgt. Den deutschen Text lieferte Kurt Feltz, aus dessen Schreibschatulle es mit „Mambo Italiano“ (Bob Merr...


23.03.2016

Keine Theorien mehr

 Big Data ist ein Schlagwort, das seit einigen Jahren durch die Medien geistert, von Politik und Wirtschaft gerne verwendet wird, gleichzeitig aber eine eher diffuse Bedeutung besitzt.   Big Data bezeichnet riesige, hochkomplexe, anwachsende Datenmengen. Datenmengen, die sich in unterschiedlichen Kontexten auswerten lassen, für die man aber eine „vollkommen andere Herangehensweise“ als bisher benötigt, wie der amerikanische Journalist Chris Anderson in seinem Beitrag „Das Ende der Theorie“ schreibt. So lassen sich Informationen, die im Petabyte-Maßstab in der Cloud gespeichert werden, nicht mehr in ihrer Totalität visualisieren. Stattdessen müsse man sie aus einer mathematischen Perspektive betrachten.   Big Data ermögliche es, „die Welt auf eine vollkommen neue Weise zu verstehen“...


27.01.2016

Celenka (self titled)

 Tanzen wie die Finnen! Dass Tango tatsächlich im hohen Norden erfunden wurde, ist längst in die Geschichtsbücher Finnlands heineingeschrieben. Dass nun Klänge des Balkans in der Europäischen Metropole Helsinki eigensinnig verpackt und mit der heimischen Folklore gekoppelt werden, ist dagegen noch ein Geheimtipp. Das Trio Celenka hat sich mit seinem aktuellen, selbst betiteltem Debüt-Album genau das auf ihre Weltmusikfahne geschrieben. Sängerin Emmi Kujanpää mischt zusammen mit Trompeter Jarkko Niemelä und dem Tasten- und Saitenvirtuosen Eero Grundström die osteuropäische Volksmusik auf. Nach eingehender Feldforschung in Bulgarien, Rumänien und Karelien spielen sie sich mit viel Einfühlungsvermögen, sorgfältigen Arrangements sowie spürbarer Liebe zum Detail durch alle Gefühlsnuancen...


27.01.2016

Various Artists - Falscher Ort Falsche Zeit

 Powerpop und Modsounds der 80er aus dem deutschsprachigen Raum lautet das Samplerkonzept für dieses Album. So eine Art 80er-Jahre-Party-Compilation für Anhänger der späten Modkultur also. Roh war der Sound, deutschsprachiger Gesang reine Pionierarbeit, deutsche Bandnamen neu und gewagt: als Die Profis, Die Antwort, Die Tanzenden Herzen, Der Böse Bub Eugen, Stunde X oder Raumpatrouille Rimini firmierten die Untergrund-Bands der Stunde und pflegten eine ganz eigene Art von Freizeitgestaltung und Unterhaltung, wie sie heute längst ausgestorben scheint. Es waren kleine Ideen für kleine Bühnen damals. Es war Musik, die über sich selbst gut lachen konnte, die aber stets auch politisch war, mindestens mittelbar. Musik, die Tempo suchte, unperfekt und krachig funktionierte. Ein kleiner Blick zurück, ein kleiner nach vorn und ein...


27.01.2016

Asoziale Medien

 Um diesen Sturm auszulösen, bedarf es nicht viel. Eine falsche Bemerkung, ein misslungener Kommentar oder ein schlechter Witz genügen vollkommen und die Empörungswelle rollt los und walzt alles nieder. Mit verheerenden Folgen für die Betroffenen. Die Reputation ist ruiniert, manchmal ist sogar der Job weg. Der Name dieses gewaltigen Phänomens: Shitstorm. So wird zumindest im Deutschen das massenhafte Auftreten negativer Kritik gegen eine Person im Internet genannt. Social Media hat nicht nur schöne Seiten, sondern auch extrem düstere. Das zeigt sich besonders dann, wenn „ein wütender Mob“ auf Jagd geht und die Betroffenen virtuell via Twitter, Facebook und Co. „zerfetzt“, wie es der walisische Journalist Jon Ronson in seinem neuen Buch „So You‘ve Been Publicly Shamed“ nennt, das derzeit nu...


27.01.2016

Ida Gard - Womb

 „Womb“, da kommt es dahergeschwebt, das dritte Album der 22jährigen Dänin, ganz langsam und edel verpackt, zaghaft und wunderschön leise, melodisch-melancholisch und Geschichten erzählend und doch mit dem nötigen BUMS. Der großen Musikindustrie hat sie die Tür vor den Füßen zugeschlagen. Sie verkaufe doch kein Lotterieticket, das längst gewonnen habe. An Selbstvertrauen mangelt es Ida Gard also nicht und der Erfolg gibt ihr Recht. I-Tunes Charts Top Ten, regelmäßiges Airplay in dänischen Radios, eine Nominierung für das beste Independent Pop Album weltweit sowie ein Feature ihres „Nothing`s Wrong Song“ im dänischen „The X Factor“. In Dänemark ist sie längst der aufsteigende, funkelnde Stern am Pophimmel. Und die internationale Karriere nimmt auch g...


27.01.2016

Wolkenheide

 Wenn zwei einen Rundgang durch Bamberg machen, sich dafür viel Zeit lassen und dabei auch noch ihre Eindrücke mit Stift und Camera festhalten, dann kann daraus, wie das Buch „Wolkenheide“ zeigt, etwas ganz Besonderes werden. Man merkt diesem Buch die Leidenschaft an, aus der es entstanden ist. Leidenschaft für das „Hier“ und die Bedeutung, die diesem „Hier“ innewohnt aber auch aus der Erkenntnis zum Verweilen. Nur beides gemeinsam ergibt letztlich ein Ergebnis, wie wir es hier genießen können. Matthias A. J. Dachwald das Multitalent das sich unter anderem als Lyriker und Essayist bezeichnet und in Bamberg und Nürnberg lebt, schlenderte zwei Sommer lang mit dem Nürnberger Fotograph Günther Derleth und dessen Lochkamera durch Bamberg. Bilder die man selbst schon 100mal gesehen hat erscheinen e...


27.01.2016

Was der Krieg mit unschuldigen jungen Menschen macht...

 Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat und dazu auch noch das „Glück“ hatte in den Kindertagen mit den Kriegsgeschichten von Opa und Papa aufzuwachsen, dann könnte man tatsächlich meinen, zu diesem Thema bereits vieles gehört und gelesen zu haben. Mitunter schleicht sich auch so etwas wie Themenmüdigkeit ein, kann man neuen Schilderungen einfach das „Neue“ nicht abgewinnen. Und so war es nicht verwunderlich, dass ich dieses Buch von Ralf Rothmann eigentlich gar nicht lesen wollte, wie wohl ich schon einige gute Kritiken gehört hatte. Was mich letztlich doch dazu gebracht hat, es auf meinem persönlichen Bücherstapel ganz nach oben zu legen, weiß ich längst nicht mehr. Was ich allerdings ganz sicher weiß, ist, dass dies eine meiner besten Entscheidungen der letzten Monate war, zumindest aus...


02.12.2015

Gefeierter Nonsense

 „Jemine! Jemine! Ich komme bestimmt zu spät“, so beginnt eines der legendärsten Kinderbücher der Welt und jeder weiß sofort, was es mit diesem Satz auf sich hat. Nicht nur das weiße Albino-Kaninchen mit der Taschenuhr, das an einem herrlichen Sommertag an der kleinen Alice vorbeieilt und dafür sorgt, dass das Mädchen durch ein Erdloch in eine völlig verrückte Welt katapultiert wird, ist Sinnbild eines ganzen Literaturgenres, sondern auch die Pfeife rauchende Raupe, die Grinsekatze, der verrückte Hutmacher und wie sie nicht alle heißen. Auch nach 150 Jahren, und das ist ein wirklich beachtliches Alter, hat das Meisterwerk des britischen Schriftstellers Lewis Carroll (1832-1898), das zum Genre des literarischen Nonsense gezählt wird, noch immer nicht an Reiz verloren und begeistert auch heute Ju...


02.12.2015

111 Orte in und um Bamberg die man gesehen haben muss

 Kennen Sie den „Sautrog“ in Bamberg, oder wissen Sie wo das „Sonnenloch“ geblieben ist? Oder wußten Sie schon dass man in Bamberg einen Nagel vom Kreuze Jesu Christi aufbewahrt? Falls nicht, dann haben wir jetzt vielleicht den richtigen Tipp für Sie. Reisebuchautorin Sabine Becht, die seit ihrem Studium der Weltkulturerbestadt (fast) ununterbrochen die Treue hält und Sven Talaron, der mittlerweile regelmäßig die Bamberger Braukunst genießt (vorausgesetzt er ist nicht gerade als Reisebuchautor irgendwo in Europa unterwegs), haben zusammen nicht einfach „noch einen Reiseführer zu Bamberg und Umgebung geschrieben. Vielmehr haben die beiden sich die Mühe gemacht und stellen uns in ihrem Buch „111 Orte in und um Bamberg die man gesehen haben muss“, erschienen im Emons Verlag, abgelegene O...


02.12.2015

Nachtfahrten - Michael Wollny

 Zehn Jahre nach dem Aufsehen erregenden Debüt, dem Trioalbum „Call It [em]“, und einige Alben reicher, hat der 37-jährige Ausnahmepianist inzwischen ein facettenreiches, beeindruckendes Ouevre vorzuweisen, das gleichermaßen Wandlungsfähigkeit wie philosophisches Feingespür beweist. Der musikalisch Suchende hat auch für das neue Album „Nachtfahrten“ eine interessante Nische künstlerischen Ausdrucks gefunden, setzt auf die Nacht als klassisches Motiv der Schwarzen Romantik und überträgt es in die zeitgenössische, improvisationsgeleitete Musik. Die Stille, so Wollny, sei der Punkt, an dem das Album beginnt und wohin es immer wieder zurückkehrt. Wenn Dunkelheit einkehrt enstehe Platz. Und insofern sei die Nacht der ideale Raum für alles, was kreiert wird. Seine Klänge aus der im Grunde...


02.12.2015

Fiddler`s Green - 25 Blarney Roses-Live in Cologne 2015

 Bereits Anfang 2015 erschien das gleichnamige Album „25 Blarney Roses“ zum 25jährigen Bestehen der Kult-Folkband aus Erlangen. Jetzt ergänzt das Speedfolk-Sextett seine Diskografie mit „25 Blarney Roses - Live in Cologne“ zusätzlich um eine Live-Edition aus CD und DVD mit dem besten aus einem Viertel Jahrhundert Bandgeschichte und schenkt seinen Fans DAS Live-Erlebnis zum Einpacken und für die eigenen vier Wände. Irish Folk mit partytauglicher Punkattitüde ist seit jeher die Devise und wird auch in diesem Fall durchgängig zelebriert und das in einem selbst für Fiddler`s Green außergewöhnlichen Konzert. Das Material wurde im Kölner E-Werk bei 1.500 Gästen aufwändig gefilmt und produziert und bietet Aufnahmen mit zahlreichen musikalischen Gästen. Dazu gepackt sind Bonusbausteine...


02.12.2015

Winterwunderwelt 2 - Götz Alsmann und die WDR Big Band

 Weihnachtszeit ist eine besondere Zeit und sie kennt ihre sehr besondere Musik. Das gilt für Deutschland ebenso wie für die Vereinigten Staaten von Amerika. Eine ausgewählte Mischung beider Weihnachtsmusikkulturen war vor zehn Jahren schon einmal Konzept. Mit Alsmann`s Winterwunderwelt 1 wurde ein ausgesprochenes Erfolgsformat gestartet. 40.000 verkaufte Exemplar und die mehrfache Auszeichnung mit dem Jazz Award sprechen für sich. Nach nunmehr 10 Jahren folgt aktuell die zweite Zusammenstellung. Gefüllt mit einem guten halben Dutzend deutscher Weihnachtsstandards wie „Morgen, Kinder, wird`s was geben“, „O du fröhliche“, „Schneeflöckchen Weißröckchen“, „Fröhliche Weihnacht überall“ oder „O Tannenbaum“ und ausgewählten instrumentalen oder ins Deutsch...


13.10.2015

Quoth the raven: Once again, please!

 Das Wort war, so möchte man sagen, immer schon sein Metier, wenn auch – überwiegend – das gesprochene. Jetzt hat Andreas Ulich, gebürtiger Berliner des Jahrgangs 1967, sein recht spätes Romandebüt vorgelegt. Und, um es gleich zu verkünden, es ist ganz wunderbar gelungen: sprachlich, stilistisch, erzählerisch, topographisch, ob nun in Charlottenburg-Wilmersdorf angesiedelt oder in Afghanistan. Es geht um Liebe und Tod, Vertrauen und Verstrickungen, um Drogen- und Waffenschmuggel, um Traum und Traumata. Das Personal reicht vom brutal-bösen Bösen bis zur sympathisch-durchgeknallten Lena als Teil eines Frauenermittlungsteams, zu welchem auch die Protagonistin Müge (sie hat türkische Wurzeln) zählt.   Es gibt, so viel sei dann doch verraten ein „happy ending“: Müges Traum geht in ...


09.10.2015

Mit und würdig alt werden!

 Paul Hartmut Würdig. In Zeiten postmoderner Künste wäre der Name wohl tatsächlich tauglich, etwaige Charts zu stürmen. Im Sachbuchgenre vielleicht. Paul Hartmut Würdigs neuester Klassiker „Astronaut“ stürmt die Spiegel-Bestsellerlisten. Klingt gar nicht einmal so dumm. Ist aber maximal visionär. Da Paul Hartmut Würdig bislang als Buchautor noch nicht in Erscheinung trat - noch nicht wohlgemerkt. Seine Biographie verfasste der Berliner Journalist Marcel Feige. Würdig selber macht eher als Songschreiber von sich reden. Und da er das bislang weniger im sachlichen als vielmehr im Deutsch-Hip-Hop-Bereich tat, eignete sich sein bürgerlicher Name nun doch nicht. Die Folge: Vor mehr als zehn Jahren verpasste sich der gebürtige Ostberliner den Künstlernamen „Sido“ - und stür...


09.10.2015

Kopfüber zurück

 Zu den ganz persönlichen Highlights meiner diesjährigen „Reading list“ gehört eindeutig „Kopfüber zurück“, der erste Roman der 27-jährigen Engländerin Rebecca Wait. Sie zeichnet darin das Bild einer Familie, fünf Jahre nach dem Tod des ältesten Sohnes. Festgefroren ist alles Leben, die verbliebenen Familienmitglieder entfernen sich räumlich und seelisch immer weiter voneinander. Die Eltern schweigen sich an, der jüngere Bruder flüchtet vor sich und der Vergangenheit, und Emma, die jüngere Schwester, begräbt ihren Frust unter Lebensmitteln. Nach und nach breitet sich die ganze Tragweite der miteinander untrennbar verbundenen Einzelschicksale vor dem Leser aus, trotz aller Dramatik mit einer Leichtigkeit erzählt, die es unmöglich macht, das Buch aus der Hand...


09.10.2015

Im Banne der Sehnsuchtsinseln

 Der Frankfurter Buchmesse ist es geschuldet, dass in diesem Herbst etliche um Indonesien kreisende Bücher publiziert werden, denn im Oktober steht der südostasiatische Inselstaat in der Mainmetropole im Mittelpunkt. Dazu zählt der jetzt in der sehr schönen „Lesereise“-Reihe des Wiener Picus-Verlages herausgekommene Band des Hamburger Südostasien-Kenners Bernd Schiller. Auf wenig mehr als einhundert Seiten spannt Schiller den Bogen von der Millionenmetropole Jakarta, ehemals Batavia geheißen und Hauptstadt von Niederländisch-Ostindien, bis hin zu einem Abstecher zu den Steinzeit-Insulanern Westneuguineas, die noch in Strohhütten leben und in Einbäumen unterwegs sind. Java, Sumatra und Nias finden ebenso Beachtung wie Bali, wo in den Zwanzigern und Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts Aussteige...


09.10.2015

Für die Schule lernen

 So einen (Deutsch-)Lehrer wünschte man sich! Und wir ahnen, dass Joachim Zelter, der Glückliche, einen solchen hatte. Wie sonst hätte der 1962 in Freiburg geborene Nachfahre des Komponisten, seit bald zwei Dekaden als freier Schriftsteller in Tübingen zu Hause (2010 hatte er es mit dem Roman „Der Ministerpräsident“ auf die Langliste zum Deutschen Buchpreis geschafft), diese eben von einem enthusiasmierenden Lehrer und dessen einstigem Lieblingsschüler handelnde Novelle schreiben können? (Ja, ja, dass man den Autoren nicht allzu nahe an die von ihm erdachten Figuren rücken darf, ist uns durchaus bewusst.) Dem unkonventionellen Thorsten Korthausen, dem Lehrer, der nach Jahren Kollegen und ehemalige Schüler zu einer Party bittet, ist es darum zu tun, aufs Ganze zu gehen, beim Unterrichten, bei einem Stehg...


09.10.2015

Romantische Hornquartette

 Das Schöne an der Musik ist ja, unter vielem anderen, dass sich immer wieder aufs Neue Entdeckungen machen lassen. Wer etwa hätte jemals etwas von Constantin Homilius vernommen, über den sich selbst die großen Musiklexika ausschweigen? Gut, Hornisten schon, denn Homilius‘ Quartett für vier Waldhörner in F op. 38 ist recht beliebt, und mit dieser munter-frischen Preziose des Russlanddeutschen (1840 bis, vermutlich, 1918) eröffnet das Leipziger Hornquartett die in Zusammenarbeit mit dem MDR entstandene CD romantischer Hornquartette. Gern gemacht wird auch Gioachino Rossinis „Le Rendez-vous de chasse“, ursprünglich für vier Parforcehörner geschrieben, das die Leipziger hier sehr subtil umsetzen. Auch Antonio Richters „Six pièces“ sind für Jagdhörner komponiert (das ...


09.10.2015

Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen

 Das im Herbst 1741 in Nürnberg von Balthasar Schmid gestochene und unter dem Titel „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“ herausgebrachte Spätwerk Bachs ist uns besser bekannt als die Goldberg-Variationen (von denen Woody Allen sagte, sie seien das, was Herr und Frau Goldberg in ihrer Hochzeitsnacht machten). Bereits mit siebzehn, bei seinem Examen am Gnessin-Insitut, hat Lifschitz, der Impulse von Alfred Brendel, Leon Fleisher und Rosalyn Tureck (die selbst siebenmal die „Clavier Ubung“ eingespielt hat) empfangen hat, die Goldberg-Variationen aufgeführt und kurz darauf seine erste Studio-Aufnahme derselben vorgelegt, hat sie auch auf dem Cembalo und an der Orgel versucht. Wie aus dem ausführlichen Beiheft zu erfahren ist, strebt der inzwischen ...


09.10.2015

Lilly Among Clouds - EP

 Deutschlands Independent-Szene blickt diese Tage auf den Süden Deutschlands und den Norden Bayerns, blickt in die Mainmetropole Würzburg und zieht die kaum beschriebene Visitenkarte einer blutjungen Sängerin aus dem großen, vollen Schrank musikalischer Talente und Popsternchen. Produzent Udo Rinklin (Die Happy, Philipp Poisel u.a.) hat mit der Würzburgerin Lilly Brüchner fünf Tracks auf deren Debüt-EP gepackt, die mit Elektrobeats und akustischen Instrumenten, rund um eine zerbrechlich anmutende, doch spitze und aussagekräftige Stimme, ein liebliches Gebirge der angespannten Melancholie zeichnen. Ambitioniert kommt das Projekt daher und lässt das versprochene große Potential in der Tat erahnen. Irgendwo zwischen Lamb, Alanis Morisette, Shakespears Sister, Belle & Sebastian und Siouxsie & The Ba...


28.07.2015

Guitar Heroes

Innerhalb unseres Verbreitungsgebietes war Joscho Stephan jüngst beim Mozartfest Würzburg und beim Tanz- und Folk-Fest Rudolstadt zu erleben, Mitte September wird er im Jazz Point in Wangen/Allgäu zu Gast sein. Wer so weit nicht fahren möchte, kann sich mit Stephans jüngster CD trösten. Entstanden ist eine lange schon angedachte Hommage an seine persönlichen Helden der Gitarre, von denen drei Größen hier mit dem Mönchengladbacher Gypsy-Jazz-Gitarristen gemeinsam musizieren: der australische Fingerstyle-Gigant Tommy Emmanuel, der Niederländer Stochelo Rosenberg und der begnadete Elsässer Biréli Lagrène. Neben Eigenkompositionen wie dem entspannten und entspannenden „Song for Biréli“, der sich seinerseits vor Lagrènes Album „Acoustic Moments“ von 1990 ver...


28.07.2015

Anton Bruckner, Symphonie Nr. 9

Zu den ganz großen Bruckner-Deutern zählt, lange schon, und ganz ohne Frage, der mittlerweile sechsundachtzig Lenze zählende Niederländer Bernard Haitink. Einen Gesamtzyklus der Symphonien, einschließlich der sogenannten Nullten, hat Haitink bereits in den sechziger und frühen siebziger Jahren eingespielt, mit dem Königlichen Concertgebouw Orchester, dessen Chefdirigent er von 1961 bis 1988 war. Mit dem London Symphony Orchestra hat Haitink sämtliche Symphonien von Beethoven (als Referenzaufnahme gefeiert) und von Brahms vorgelegt; jetzt ist, nach einer Aufnahme der Vierten, der „Romantischen“, Bruckners Neunte bei dem hauseigenen LSO-Label in einem Konzertmitschnitt herausgekommen. Nun ist es ja so, dass es, beispielsweise von Carlo Maria Giulini und den Wiener Philharmonikern oder von Daniel Barenboim am Pult...


28.07.2015

Kellerkommando

Blaskapelle, MC, Drumcomputer und Akkordeon in den Mixer, Tanzlaune dazu und auf Partyspaß-Stufe rühren. Die Zutaten bei Kellerkommando sind vielfältig und facettenreich, das Ergebnis bleibt trotz namhafter Bands in Vorbildfunktion überraschend und konstant eigenständig. Die Franken machen eben, was ihnen Spaß macht und das ist auch zu hören - und zu sehen. Das teuflische Grinsen ist Ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben, wenn sie mit Witz und Aberwitz ihren Volkx-Folk-Hop-Elektro-Mix zelebrieren. Für ihren neuen Longplayer haben sie sich längst einen großen Mitstreiter ausgesucht: Belzebub. Und der ziert nicht nur den CD-Titel, sondern hat sich bis in die kleinsten Ecken des Silberlings hineingeschlichen - der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Der Band geht es gut. Sie ist in Feierlaune. Und scheut auc...


27.07.2015

Mit Goethe, Sartre, Brodsky, Byron, Wolfgang Koeppen

Legion sind die über Venedig verfassten Bücher, und doch kommen Jahr um Jahr immer wieder neue Bände hinzu, die sich der Lagunenstadt der tausend Brücken, auch La Serenissima genannt, annehmen. Bereits vor zwölf Monaten hat der Anglist Jürgen Klein in seinem Hamburger Shoebox-Verlag funkelnde Essays vorgelegt, die man, Virginia Woolf folgend, der Klein 1984 eine sehr umfangreiche Biographie gewidmet hat, „(Venetian) Moments of Being“ nennen könnte. Der Band eröffnet mit einer poetischen Bei- oder Zugabe aus der Feder von Rüdiger Görner („Venezianische Herbstsonate“), widmet sich sodann Joseph Brodsky (und Greta Garbo), Goethe, Lord Byron, Giovanni Antonio Canalettos in Dresden ausgestellten Venedig-Veduten, den Gedanken, die sich Jean-Paul Sartre über die Serenissima gemacht hat und Wol...


27.07.2015

Am grünen Rand der Welt

Anders als in seiner englischen Heimat ist Thomas Hardy (1840 bis 1928), einer der ganz wenigen Autoren, die sowohl großartige Gedichte als auch überragende Prosa hervorgebracht haben, hierzulande nie recht bekannt, geschweige denn heimisch geworden. Am populärsten ist noch der Roman „Tess“, auch aufgrund von Roman Polanskis Verfilmung aus dem Jahre 1979. Bleibt zu wünschen, dass nun, da des Dänen Thomas Vinterberg Adaption von „Am grünen Rand der Welt“ mit Michael Sheen und der hinreißenden Carey Mulligan auch bei uns in die Kinos gekommen ist, Hardys Bücher sich besser verkaufen und ihm, der Jahr um Jahr als Nobelpreiskandidat gehandelt worden war, auch bei uns der Zuspruch zufällt, welchen er verdient. Zu Hardys 175. Geburtstag im Juni brachte der Deutsche Taschenbuch Verlag „Tess&ldqu...


27.07.2015

Kein Campus-, aber ein Villa-Massimo-Roman

Immer schon hat der 1951 in Köln geborene und dort auch aufgewachsene Hanns-Josef Ortheil in seinen Publikationen aus dem eigenen Leben geschöpft, und zwar in extenso. Da sind beispielsweise etliche zumindest in Teilen stark autobiographisch eingefärbte Romane, da sind Reiseerinnerungen an Touren mit dem Vater („Die Moselreise. Roman eines Kindes“, 2010), da sind autobiographische Essays (in „Die weißen Inseln der Zeit“, 2004, zu deren Lektüre nur geraten werden kann), da ist der im Untertitel „Roman eines Vaters“ benamste Band „Lo und Lu“ von 2001, und da ist aktuell „Rom, Villa Massimo“, mithin, wie es weiter heißt, der „Roman einer Institution“, deren Stipendium Ortheil 1991 innehatte.   Dieses Buch nun würde verlieren ohne die Fotos von Lo(tta), u...


22.06.2015

Der Bamberger Dom in enzyklöpädischer Perspektive (Teil II)

Wenn ein neuer Band in der Reihe „Die Kunstdenkmäler von Bayern“ erscheint, ist die Freude groß, doch die erwartungsfrohen Leser können kaum ermessen, welch mühsame Arbeit hinter einer solch aufwendigen Großpublikation steckt. Um ein paar Eindrücke aus dem Alltag des Projektteams zu gewinnen, unterhielten wir uns mit der langjährigen Mitarbeiterin Christine Kippes-Bösche.   Frau Kippes-Bösche, Sie sind seit vielen Jahren Mitarbeiterin beim ebenso renommierten wie ambitionierten Projekt der Inventarbände Bamberg des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Insbesondere haben Sie an den Bänden über die Immunitätsbezirke der Bergstadt mitgewirkt. Wie kommt man/frau dazu, welche Voraussetzungen werden erwartet?   CKB: Begonnen hat meine Mitarbeit beim Band über die ...


22.06.2015

Der Bamberger Dom in enzyklöpädischer Perspektive

Es geht vorwärts! Seit 25 Jahren verfolgen wir nun schon das Mammutprojekt der Inventarbände zur Stadt Bamberg, haben sie fleißig gekauft und gewinnbringend gelesen, dem jeweils nächsten entgegen gefiebert und uns immer wieder von Neuem über die schiere Menge des dort ausgebreiteten Wissens gewundert. Im Mai wurde endlich der besonders ungeduldig erwartete Band über das Domstift der Öffentlichkeit vorgestellt – notabene im Dom – und ausgeliefert. In Wirklichkeit sind es zwei schwergewichtige Konvolute (von knapp sieben Kilo ist die Rede!), die jedoch ihrerseits nur Teilbände jenes bis 2020 vollständig erscheinenden Gesamtbandes 2 sind, der das gesamte Gebiet des vormaligen Castrum Babenberg behandelt, mithin den Domberg. Der im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultur, Wissensc...


22.06.2015

Here, There and Everywhere

Der Erfolg eines Musikers, eines Komponisten, einer Band lässt sich ablesen auch an deren jeweiliger (Nach-)Wirkung und Rezeption. Allererste Sahne in dieser Hinsicht dürften die Beatles sein. Soeben ist etwa ein Kriminalroman herausgekommen, der ohne die (Musik der) vier Pilzköpfe aus Liverpool nicht hätte geschrieben werden können – was keinen großen literarischen Verlust darstellen würde (wer sich davon nicht schrecken lässt, voilà: Beate Baum, „Die Ballade von John und Ines“, Meßkirch: Gmeiner, 2015) – und Legion ist natürlich die Zahl der Singer-Songwriter, die sich bei den Ohrwürmern der Fab Four bedienen, Legion ist auch die Zahl der Cover-, Revival- und Tributebands. Obgleich sie auf ihrem aktuellen Album ausschließlich Beatles-Nummern interpretiert, ist die zumind...


22.06.2015

Hinterhofschuhe aus New York

Gleich mehrere Gründe gibt es, hier einmal auf den in Konstanz beheimateten Blues- und Folk-Sänger (und Gitarristen) Alex Behning aufmerksam zu machen. Sein mittels Schwarmfinanzierung ermöglichtes Album ist eine von acht CDs, die in der Kategorie „Lieder & Songs“ für den Deutschen Schallplattenpreis 2014 nominiert worden waren und wurde auch in der Abteilung „Blues und Bluesverwandtes“ gelistet. Außerdem kann man Behning am 3. und am 4. Juli beim TFF Rudolstadt hören. Aber kann das eigentlich gutgehen, fragt man sich mit einiger Skepsis, ausnahmslos deutschsprachiger (Country-)Blues und Folk, elf Lieder und rund vierzig Minuten lang? Ja, doch, doch. Es lohnt sich, nicht nur Behnings Bluesharp-, seinem virtuosen Bottleneck- und Fingerpicking-Spiel (auf einer alten Harmony-Akustikgitarre) zuzuhören, so...


22.06.2015

Mit einem Gruss an Wallace Stevens

  Es ist kaum zu glauben, wie dumm das deutschsprachige Feuilleton bisweilen daherzureden vermag. Im März, an einem Freitag, den Dreizehnten, machte sich Georg Diez (er schrieb immerhin einmal für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) im Spiegel Online lustig über die Vergabe des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik an Jan Wagner, mithin erstmals an einen Lyriker. In dessen „Regentonnenvariationen“ werde, so Diez, das „ganz, ganz Kleine gefeiert“ (warum eigentlich nicht?), das „Superprivatistische“, und zwar „auf eine so humorlose und formal öde Art und Weise, dass Langeweile schon gar kein Wort mehr ist, das sich auf diese Gedichte anwenden lässt“. Auch über die Jury weiß Diez nichts Gutes zu sagen, womöglich weil er selbst dem siebenk&o...


22.06.2015

Johann Wolfgang Goethe trifft Caspar David Friedrich

Auch in der „Anatomie der Wolken“ (ist das nicht, für das eine Mal, ein schöner Titel?) treffen ein bildender Künstler und ein Schriftsteller aufeinander, Caspar David Friedrich nämlich und Johann Wolfgang Goethe. Obgleich er sich bald wieder von ihm abwandte, zählte der am Weimarer Frauenplan residierende Dichterfürst zu den frühen Förderern des 1774 in Greifswald geborenen, 1840 in Dresden verstorbenen Friedrich. Mindestens anno 1810 (in Dresden) und im Sommer darauf (bei einer Wanderung auf die bei Jena gelegene Lobdaburg) sind sich die beiden tatsächlich begegnet. Mit von der durchaus romantischen Romanpartie ist auch Louise Seidler, Malerin aus Jena, die Fichte kannte, Hegel, Schelling, die Humboldts, Tieck, Brentano, die Schlegels und eben auch Goethe, dessen Vertraute sie war, den sie 1811 mit Pastell...


22.06.2015

Klaus Modick über Rilke und Worpswede

Unter Ekphrasis versteht man in der Literaturwissenschaft die Beschreibung eines Kunstwerkes. Dergleichen findet sich häufig im Gedicht, etwa bei W. H. Auden, René Char und Ludwig Steinherr, bisweilen auch im Roman, bei Orhan Pamuk, John Banville und bei Klaus Modick (schon in „Das Grau der Karolinen“ von 1986). Der jüngste Roman des fleißigen Oldenburgers nimmt, immer wieder, Heinrich Vogelers „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ in den Blick. Während das Gemälde vom Publikum gefeiert wird, ist es für seinen Schöpfer Symbol mehrfachen Scheiterns: es kriselt in seiner Ehe, es nagen ihn künstlerische Selbstzweifel und auch die Freundschaft Vogelers zu seinem Seelenverwandten, dem lyrischen Leuchtstern der berühmten Worpsweder Künstlerkolonie, Rainer Maria Rilke, ist dabei...


16.04.2015

Spiegelei mit Blattspinat und Bamberger Hörnla

 Am 23. April lässt sich so manches machen. Man kann beispielsweise – und das wird ja gerade in Franken gern getan – bei einem Seidla des 23. April 1516 gedenken. Seither existiert ein Passus in der Bayerischen Landordnung, der das Reinheitsgebot regelt. Man kann auch auf Halldór Laxness anstoßen, den isländischen Literaturnobelpreisträger von 1955, der am 23. April 1902 geboren wurde. Freunde des pikaresken Romans mögen sich an „Don Quijote“ erinnern, dessen Autor, Miguel de Cervantes, am 23. April 1616 das Zeitliche segnete. Dies widerfuhr just an jenem Datum auch Wilhelm Shakespeare, der zudem an einem 23. April (1564) geboren worden sein soll.   Kein Wunder, dass die UNESCO 1995 diesen an bedeutsamer Literatur satten Tag zum Tag des Buches ausgerufen hat. Sie griff damit eine katalanische Tradition auf...


02.04.2015

Chopin Klavierkonzert Nr. 2

Zu seinem Siebzigsten im vergangenen Oktober hat der brasilianische Pianist Nelson Freire, dem Joachim Kaiser zugesteht, „manuell absurd begabt“ zu sein, sich und, naturgemäß, uns Hörern ein Geschenk gemacht: Zusammen mit dem Gürzenich-Orchester unter Lionel Bringuier (dem neuen Chefdirigenten der Zürcher Tonhalle) hat er Chopins f-Moll-Klavierkonzert op. 21 als Konzertmitschnitt aus der Kölner Philharmonie bei Decca herausgebracht. Als anregende Appetitmacher schickt Freire sieben Köstlichkeiten aus der chopinschen Klaviertraumfabrik voraus, darunter die f-Moll-Ballade, die bereits auf Freires erster LP – damals war er zwölf – zu finden war. Hier rückt er sie mit wunderbar luftigem Leggiero-Spiel, das die Melodiestimme leuchten lässt, ins poetisch Verzückte, und auch die Berceuse op. 57 atmet lyr...


02.04.2015

Kind of Cool

Der vor bald einem halben Jahrhundert als Sohn eines Kirchenmusikdirektors in Wundsiedel geborene Wolfgang Haffner gehört hierzulande zu den ganz Großen des Jazz. Als er gerade einmal volljährig war, holte Albert Mangelsdorff den Schlagzeuger in seine Band. Für Till Brönner saß Haffner ebenso an der Rhythmusmaschine wie für Klaus Doldinger, Pat Metheny, Chaka Khan und die Fantastischen Vier. Auf seiner im Januar herausgekommenen CD, die auch in einer Ausgabe auf Vinyl zu haben ist und deren Titel anspielt auf Miles Davis‘ bahnbrechendes Album „Birth of the Cool“ von 1957, bewegt sich Haffner mit einer ungemein entspannten Eleganz durch das Große amerikanische Liederbuch. Da darf „Autumn Leaves“ (grandios an der Trompete, con sordino, à la Davis: Dusko Goykovich, satte dreiundachtzig Herbste zä...


02.04.2015

Gioseffo Zarlino, Modulationes

Ihr Repertoire ist ungemein breit, umfasst ganz unterschiedliche Gattungen, Jahrhunderte und Stilrichtungen. Die drei Tenöre, der eine Bariton, der eine Bass und die eine Frau (Claudia Reinhard, Sopran), ursprünglich hervorgegangen 1991 aus den Regensburger Domspatzen, verstehen sich auf Wolfgang Rihm und György Ligeti ebenso wie auf Friedrich Silcher („In einem kühlen Grunde“) und Errol Garner („Misty“), auf Sting wie auf Samuel Scheidt und Michael Praetorius („Es ist ein‘ Ros‘ entsprungen“). Zuletzt haben Singer Pur eine komplette CD Gioseffo Zarlino gewidmet. Zarlino? Der Schüler von Adrian Willaert – dessen Madrigale und Motetten haben Singer Pur bereits eingespielt – war maestro di cappella am Markusdom in Venedig und vor allem als Musiktheoretiker von Bedeutung. Die „Modulationes ...


02.04.2015

„15 Cent. Er bezahlte die Streichhölzer und ging.“

Zuletzt bleibt nur ein Bild: Verzetteltes Stückwerk, das wie Haftnotizen an Blumfeld-Magneten den Kühlschrank ziert. Darin vereinzelt glänzende Passagen kluger Reflexion, Exkurse ins Hauptstadtleben, Wort-Spielchen, Notizen für Buchkapitel, überbordende Berichterstattung, lexikalische Endlosschleifen und vor allem der lahme, spürbar missglückte Versuch, Bezüge untereinander herzustellen. „Debütroman misslungen!“ dürfte kein allzu hartes Urteil für den Erstling sein. Wenige Passagen bestechen durch Qualität. Große Teile des Papierbergs steuern hilflos von Insel zu Insel, Odysseus oder Tristan, dem Protagonisten, gleich, der sich als verkappter Schriftsteller immer wieder an der Odyssee abarbeitet, ohne Erfolg. Distelmeyer mag das Parade-Buch der „Dialektik der Aufklärung“ gewähl...


02.04.2015

Vom ganz normalen Chaos der Liebe

Zugegeben, neu ist das Buch nun nicht gerade. Durchaus aber ist es so, dass sein Thema immer einmal wieder, für fast jeden von uns, aktuell sein dürfte. „Das ganz normale Chaos der Liebe“ heißt der Band, den Elisabeth Beck-Gernsheim gemeinsam mit ihrem Mann 1990 bei Suhrkamp vorgelegt hat. Und da Ulrich Beck jüngst, nämlich am Neujahrstag 2015, in München, wo er an der Ludwig-Maximilians-Universität von 1992 an eine Professur am Soziologischen Institut wahrnahm, verstorben ist, wollen wir an den Suhrkamp-Klassiker erinnern.   Ehe Beck nach München ging, hatte der bedeutende Soziologe von 1981 bis 1992 einen Lehrstuhl an der Bamberger Otto-Friedrich-Universität inne. Es war Beck, der den bald populären Begriff der Risikogesellschaft prägte, schon 1986, mithin zu seiner Bamberger Zeit. Während seine...


02.04.2015

Unterwerfung

Selten hat ein Buch des französischen Autors bereits im Vorfeld ein derart großes Medienecho hervorgerufen, selten gab es aber auch so viele parallel verlaufende Ereignisse die irgendwie miteinander verbunden schienen, so dass man eigentlich gar nicht mehr an Zufälle glauben mag.   Am Tag des Attentats auf die Redaktion des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo erschien in Frankreich „Unterwerfung“, der neue Roman von Michel Houellebecq. Eine Houellebecq-Karikatur zierte an diesem Tag auch die Titelseite der gerade erschienen Ausgabe von Charlie Hebdo, im Heft gab es eine Besprechung des Romans und, das erfährt man als Leser des Romans aber erst später, Houellebecq zeigt beinahe hellseherische Fähigkeiten, in dem er im Roman zumindest eine Szene beschreibt, die dem Attentat bzw. der sich anschließenden Flucht als Vorlage ...


03.03.2015

Zauber der Romantik, Cello und Klavier

 „Am Anfang war die Nacht Musik“ – dieser Titel schmeckt unmittelbar nach dem Zauber der Romantik. Alissa Walser, die zweitjüngste der vier allesamt in den Künsten tätigen Martin-Walser-Töchter, hat so ihren 2010 bei Piper herausgekommenen Debütroman genannt, der von dem (angeblichen) Wunderdoktor, Magnetiseur und Musikfreund (Mozart, Vater und Sohn, Haydn, Gluck waren mit ihm bekannt) Franz Anton Mesmer und der bereits als Kleinkind erblindeten Pianistin und Komponistin Maria Theresia (von) Paradis erzählt, und zu dessen Lektüre nur zu raten ist. Ein Thema im Übrigen, dessen sich auch Julian Barnes angenommen hat, in einer der vierzehn Kurzgeschichten, „Harmony“ geheißen, die sich in seiner Sammlung „Pulse“, von 2011, finden.   Der Großteil der paradisschen Kompositionen...


26.11.2014

French Trombone Concertos

Das ist doch mal eine Überraschung: Ein Posaunist ist Ende Oktober mit dem angesehenen Echo Klassik ausgezeichnet worden. Ein Posaunist? Ja, ja, doch, doch. Aber was für einer! Spätestens seit er 2007 den ARD-Wettbewerb gewonnen hat, macht Fabrice Millischer Furore. Der 1985 in Toulouse in eine Musikerfamilie Hineingeborene hat sich Kompositionen dreier Landsmänner vorgenommen und mit „French Trombone Concertos“ die Konzerteinspielung des Jahres vorgelegt. Die (klassische) Posaune zählt ja noch immer zu den selten zu hörenden Instrumenten, ungeachtet eines Repertoires, das sich vom Barock über die Klassik (Leopold Mozart) bis in die Jetztzeit erstreckt. Mit diesen eher unbekannten und doch arg dankbaren Werken das Publikum zu begeistern, es „an meinem Leben und an meiner Passion, die Entwicklung der Posaune vora...


26.11.2014

Brazil

Nicht erst seit Katja Ebsteins Grand-Prix-Erfolg von 1970 (den sie selbigen Jahres noch in fünf weiteren Sprachen aufnahm, etwa, gen Italien gerichtet, als „Nella strada del mio cuore“ und, nach Paris, als „Un miracle peut arriver“) weiß man, dass es doch immer wieder Wunder gibt. Im internationalen Musikbetrieb zum Beispiel dann, wenn sich bedeutende Künstler zusammentun um, frei von Repertoiregrenzen, das zu tun, was ihnen Spaß macht. Man probiert etwas Neues, begibt sich auf eine musikalische Abenteuerreise. Eine solche „Magical Mystery Tour“ hat nun das französische Streichquartett Quatuor Ébène vorgelegt, das für seine Wanderungen abseits von Schubert, Haydn, Debussy bekannt ist und sich flugs in eine Jazzband verwandeln kann. Auf „Brazil“ lässt sich das nachh&o...


26.11.2014

Bach, English Suites 1, 3 & 5

Der so eigensinnige wie stupend begabte Piotr Anderszewski wird am Nikolaustag seinen Klavierabend beim Musikverein Bamberg mit Johann Sebastian Bachs Englischer Suite Nr. 3 g-moll eröffnen. Wer das Konzert am 6. Dezember nicht besuchen kann, darf sich mit Anderszewskis soeben herausgekommener CD trösten, auf der neben der Bachwerkverzeichnisnummer 808 auch die Erste (in A-Dur) und die Fünfte Englische Suite in e-moll zu finden sind. Nach einem 14-monatigen Sabbatjahr ist der Pole mit seinem ersten neuen Album seit 2010 zurück. Und in Hochform. Bachs Tanzfolgen aus dessen Weimarer Zeit um 1715 haben, nebenbei, vom Titel abgesehen nichts mit den britischen Inseln zu tun. Vielmehr durchweht sie vom hochvirtuosen Prélude bis zur jeweils finalen munteren Gigue ein französischer Geist, stehen sie doch in der Tradition der „clavecin...


26.11.2014

Wucht und Wahn tanzen auf den Gipfeln

In den verschiednen Wettern, guten, schlechten / Dies oder jenes Angenehme zeigen zu können, wünscht sich das lyrische Ich in Brechts „Blumengarten“. „Gutes Wetter, schlechtes“ ist Olaf Unverzarts knappes Schlusswort überschrieben zu dem grandiosen Band „ALP“. Auch wenn es nicht immer die ohnehin klischeeübersättigten Bilderbuchseiten des Gebirgszuges sind, die der im Olympia-Jahr von München, seinem Arbeitslebensmittelpunkt, in einem Oberpfälzer Sechzig-Seelen-Dorf geborene Photograph zeigt – faszinierend, ungewöhnlich, ja bahnbrechend ist das Opus doch. Das Staunen will kein Ende nehmen. Lawinenverbauungen und Hangsicherungen (im Kapitel „Bergungen“) nimmt er ebenso in den unkonventionellen Blick wie Tunnel, Staudämme, Brücken, Apartments, Gletscher, Gipfel, N...


26.11.2014

Wie Dauerndes schaffen?

  Wie nur, fragt Jürgen Theobaldy, der lange schon bei Bern lebende, aus Straßburg gebürtige, in Mannheim aufgewachsene Lyriker, „Dauerndes schaffen?“ Und fügt – in „Dem Meister im Verschwinden“ – fragend an: „Durch Ausdauer?“ Michael Brauns Schaffen – das Engagement des Pfälzers für Lyrik von hier und heute, etwa, seit zwei Dekaden, als Berater und Moderator des Erlanger Poetenfestes – ist von Dauer. So wie es die in den von ihm edierten Lyrik-Taschenkalender aufgenommenen Gedichte auch sind. Siebzehn Lyrikerinnen und Dichter deutscher Zunge durften je zwei der ihnen liebsten Gedichte auswählen und konzis kommentieren. Die Autoren und Kommentatoren ihrerseits werden von Braun und Henning Ziebritzki, dem Essayisten und Lyriker, mit einer beispielhaften Kostprobe i...


26.11.2014

SMS aus Stalingrad

Hier kommt so einiges, hier kommen so einige, zusammen: Zum Ersten natürlich der Bamberger Architekt, Stadtplaner und Regierungsbaumeister Franz Ullrich, der mit der „SMS“ nun auch zum feinsinnigen Autor geworden ist. Sodann die in Klausenburg / Cluj arbeitende Künsterlin Ana Botezatu, die ein Dutzend Linolschnitte beigesteuert hat. Dritter im kreativen Bunde ist Richard Wientzek, Volker-Hinniger-Preisträger von 2008, von dem eine im Original farbige, bei Erich Weiß aber schwarz-weiß gehaltene Tuschezeichnung stammt. Über die eine Vierte hinzukommt, Ullrichs Mutter, die dem Sohn die schließlich zum Titel führende, von Wientzek zeichnerisch umgesetzte SMS schickte. Auf einer Finnlandreise im Sommer 1994 hatte der zeitweilig zum Autor mutierende Architekt mit den assoziationsreichen Aufzeichnungen vom Rande des ...


01.10.2014

Mozart Arias

Wenn Musikkritikern – und wir selbst nehmen uns da nicht aus – ein Melodiebogen besonders gut gefällt, bemühen sie gern das Eigenschaftswort „kantabel“, ganz gleich, auf welchem Instrument die Phrase gespielt wird. Nun, um es kurz zu machen: Die Ausnahmeklarinettistin Sabine Meyer vermag auf ihrem Holzblasinstrument tatsächlich zu singen. Als Beispiel sei nur an ihre Lesarten des Adagios aus Mozarts A-Dur-Konzert KV 622, das Meyer mehrfach aufgenommen und unzählige Male im Konzertsaal gespielt hat, erinnert. In zwei Arien aus Mozarts Oper „La Clemenza di Tito“, die Meyer auf ihrem neuen Album mit der jungen Sopranistin Polina Pasztircsák, werden die kantable Klarinette und die einfühlsame Gesangsstimme der jungen Ungarin eins. Ausgehend von den „Titus“-Arien, hat Andreas N. Tarkmann ze...


01.10.2014

Luna

Mit ihrem neuen Konzeptalbum „Luna“ im Gepäck kommt die Pagan-Folk-Gruppe Faun am 9. März in die Bamberger Konzerthalle. Wer so lange nicht warten möchte, um sich dem musikalischen Zauber der Mondgöttin und dem, was Faun daraus macht, auszusetzen, kann sich seit wenigen Wochen die CD zulegen. Die sechs Musiker, zu denen zwei Jahre lang auch die Bambergerin Sandra Elflein gehörte, zählen zur internationalen Mittelalterszene. Jetzt sind sie ausgezogen, um das Wesen der Nacht zu erkunden, sie wollen das Geheimnis des Mondes begreifen und der Königin der Nacht, der Mondfrau, Auge in Auge gegenüberstehen. Herausgekommen ist ein durch und durch mystisches Album, auf dem alle Songs selbst komponiert und entwickelt sind. Mit rhythmischer Kraft und hypnotischen Trommelklängen eröffnet die „Walpurgisnacht&l...


01.10.2014

In Search of Dowland

Nicht auf die Suche nach einer verlorenen, durchaus aber auf die Suche nach einer uns eher entrückten Zeit und einem ihrer hervorragendsten Komponisten, Lautenisten und Sänger – nämlich dem Shakespeare-Zeitgenossen John Dowland (1563 bis 1626) – macht sich auf seiner soeben bei dem Darmstädter Label Coviello herausgekommenen CD das Blockflötenconsort B-Five. Man mag es kaum glauben, aber weit stiefmütterlicher noch behandelt und von oben herab sogar an Musikhochschulen belächelt („Ach, du studierst Flockblöte?“) wird nach wie vor die Blockflöte. Und das, obwohl überragende Solisten wie der Mitte August verstorbene Frans Brüggen, wie Dorothee Oberlinger und der Schweizer Maurice Steger in Konzerten wie Einspielungen belegen, dass die Blockflöte weit mehr als „ein Stück Hol...


01.10.2014

En Bref: Schauerlicher Tag.

Schauerliche Tage und bisweilen auch Abende oder, von Schmerzen geplagt, Nächte gar, hat es in den Diarien von Fritz Joachim Raddatz, für gemeinhin auf Fritz J. Raddatz verkürzt, oder gleich auf die Initialen FJR hinuntergeschnitten, einige. Bei Raddatz, seit gewiss bald vier Dekaden, also seit seiner ZEIT-Zeit 1976ff., einer der großen Feuilletonisten und Biographen hierzulande, heißt das, einen frühen November auf den Punkt bringend, so: „En bref: schauerlicher Tag.“ Dabei, sollte man meinen, hat dieser Raddatz, der im Winter in Nizza weilt oder auf Teneriffa, im Sommer auf Sylt, und alle vier Jahreszeiten über immer wieder in hochklassigen Hotels nächtigt, keinen Grund zur Klage. Aber Raddatz ist oft böse, er schimpft und wettert, sagt über den Roman eines befreundeten Kollegen, das sei „ni...


01.10.2014

Nach Norden!

Acht Tage lang begibt sich Wunderlich – man beachte den sprechenden Namen, es ist nicht der einzige in diesem Buch – auf eine Reise in den Norden des Ostens der Republik. Dass er dort nie wirklich ankommt, wenn wundert’s. Es ist eine höchst sonderbare Fahrt, die der Titel-Antiheld macht, mit der Bahn beispielsweise, um an Bahnhöfen auszusteigen, die es de facto gar nicht gibt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Dem Hutmann, wie Wunderlich nach seiner permanenten Kopfbedeckung auch gerufen wird, widerfahren kuriose Geschichten. Das fängt schon bei seinem ständigen (und noch dazu gesprächigen) Begleiter an: einem wahrlich neunmalklugen Mobiltelefon, das zu allem und jedem seinen Saft geben muss. Und nur dann schweigt, wenn Wunderlich-Hutmann unbedingt dessen Rat braucht. Ist dieses Wunderlich-Leben ein Traum oder doch ein T...


01.10.2014

Lass´ Blumen sprechen

Zu den Glücksfällen auf dem sonst doch oft gebeutelten Buchmarkt der letzten Jahre zählt die von der Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky verantwortete Reihe „naturkunden“ im Berliner Matthes & Seitz Verlag. Fünfzehn Bände sind dort inzwischen herausgekommen, die Geschichten erzählten. Geschichten von der Natur, von Krähen und Eulen, vom Wandern in den Bergen, von Pilzen oder von ‚“Sprechenden Blumen“. In ihrem ABC der Pflanzensprache nimmt die Berliner Literaturwissenschaftlerin die Leser mit auf eine wundersame Bildungsreise in die Welt der Blumen. Kranz untersucht Klassiker der Weltliteratur wie Goethes „Wahlverwandtschaften“ (Stichwort: Augentrost) auf ihren floralen Gehalt, vergisst dabei aber Trivialliteratur genauso wenig wie Filme (bei „Kirschblüte...


04.08.2014

Michael Wollny Trio

Dass er der Welt abhanden gekommen sei, hat Gustav Mahler einmal gesagt und in seinen Lieder nach Friedrich Rückert 1901 vertont. Von diesem Trauma, der Welt abhanden gekommen zu sein, handelt auch seine Musik, eine Musik, die andere Komponisten wie etwa Luciano Berio und auch Jazzmusiker (Uri Cane zum Beispiel) zur kreativen Auseinandersetzung mit ihr herausgefordert hat. So auch den gebürtigen Schweinfurter Michael Wollny. „Weltentraum“ heißt seine jüngste CD, die der Pianist und Komponist mit seinem Trio (Tim Lefebfre, Bass, der Eva Kruse ersetzt, die eine Babypause macht, und Eric Schaefer, Schlagzeug) beim herausragenden Münchner Label Act vorgelegt hat. Die darauf versammelten vierzehn Kompositionen und (Eigen-)Arrangements sind in ihrer Stimmung ruhig gehalten und schwelgen mehr in der Melodie als im Rhythmus. Wollny greift flei&sz...


04.08.2014

Johann Sebastian Bach, Peteris Vasks

Zeitgenössische Musik hat es, abseits von den großen ihr gewidmeten Festivals wie etwa denen in Donaueschingen und Darmstadt, schwer, und auf dem Plattenteller zumal. Eine gute Möglichkeit, sie auch dem größeren (Abonnement-)Publikum schmackhaft zu machen ist es, Kompositionen von heute mit Ohrwürmern aus der Vergangenheit zu kombinieren. Dies hat nun der französische Geiger Renaud Capuçon gemacht. Beide, Bach wie den 1946 in Lettland geborenen Peteris Vasks, verbindet eine Reinheit der musikalischen Phrasen, eine scheinbare Einfachheit und himmlische Harmonien. Einer antwortet dem anderen. „Distant Light“, fernes Licht, hat Vasks sein Violinkonzert genannt, das aus elf Episoden besteht, die in einen einzigen weitschweifigen Satz eingebunden sind. Es lebt von großen Kontrasten, ist, etwa im Mosso, aufgeladen v...


04.08.2014

Wolfgang Amadeus Mozart

Abbado, Claudio Abbado, und Argerich, Martha Argerich, kannten sich lange. Schon seit den Fünfzigern haben sie zusammen Konzerte gegeben und nun nach einem Jahrzehnt endlich wieder gemeinsam musiziert. Die vorletzte Einspielung Abbados – er ist in diesem Januar in Bologna verstorben – liegt nun in Gestalt von Wolfgang Amadeus Mozarts späten Klavierkonzerten d-Moll und C-Dur vor. Der Konzertmitschnitt stammt vom vergangenen März, vom Luzern-Festival, das als Abbados Nachfolger jetzt der Lette Andris Nelsons übernommen hat. Dass sich die große Martha Argerich auf Mozart versteht, versteht sich, denn sie ist ja unter anderem durch die Schule des exzentrischen Friedrich Gulda gegangen, auf dessen Kadenz sie im Eröffnungssatz der Köchelverzeichnisnummer 503 zurückgreift. Man sollte meinen, bei dem stillen Dirigenten und der extr...


04.08.2014

Lesende Frauen und die Folgen

Mit seinem Verkaufsschlager „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ hat Stefan Bollmann 2005 etlichen weiteren Untersuchungen zu diesem Thema den Boden bereitet. Sein jüngstes Werk zu dem Komplex „Frauen und Bücher“ untersucht, so der Untertitel, „Eine Leidenschaft mit Folgen“. Überwiegend angenehmen Folgen übrigens, auch wenn die Mutter von Anna Louisa Karsch, von Gleim einst zur deutschen Sappho verklärt, die Lektüre untersagte, damit die Tochter darüber nicht verrückt werde. Zwischen Magdeburg und Seattle (der Münchner Autor verortet seine Worte), zwischen 1750 und 2012, steckt Bollmann kundig und in elegantem Stil die Geschichte des – weiblichen – Lesens ab. Dass es dann doch nicht ganz ohne Männer geht, versteht sich: „Friedrich Gottlieb Klopstock war mit seinem Nach...


04.08.2014

Das Meer, das Meer, das Mittelmeer

Es stellt sich die – hier noch dazu arg dringliche Frage – wie denn in gerade einmal 1500 Zeichen ein Buch von sage und schreibe knapp tausend Seiten (aus dem Englischen kompetent übersetzt hat es, wie immer, Michael Bischoff) – angemessen zu würdigen sei. Abulafia jedenfalls, der als Professor für die Geschichte des Mittelmeerraumes an der Universität Cambridge lehrt, ist der kundigste Begleiter, den man sich für eine Reise entlang der Küsten des „Mare Nostrum“, wie die Römer das Mittelmeer nannten, nur wünschen kann. Er schreibt und beschreibt die Geschichte der Menschen, die dieses Meer befuhren und in den Hafenstädten und auf den Inseln lebten. Sein Augenmerk gilt den Vorgängen und Ereignissen, die den Mittelmeerraum verändert haben, so der Gründung Karthagos, der Geschichte Dubrovni...


04.08.2014

Vielsprachig und beredt

Dieser Mann ist eine Koryphäe, eine Institution. Den Namen Harald Hartung kann man getrost als Synonym für kompetente, anspruchsvolle und doch überaus lesbare Lyrikkritiken erachten. Nun liegen die gesammelten Besprechungen des FAZ-Rezensenten zur deutschen und internationalen Lyrik aus den letzten drei Dekaden in einem schönen Band vor. Niemand sonst hat sich hierzulande so intensiv dem Gedicht zugewandt wie der 1932 im westfälischen Herne geborene, in Berlin als Kritiker und Essayist lebende Hartung. Und dass er auch selbst Gedichte schreibt, dass er bedeutsame Anthologien herausgegeben hat, schlägt sich gleichfalls positiv in Hartungs Besprechungen nieder. Der Band setzt ein mit einem Gruß: „Guten Tag: Gedicht“, und einem zweiten: „Guten Tag: Kritik.“ Schließlich gilt es ja nach Brechts „Vergnügun...


23.06.2014

Gustav Mahler - Symphonie Nr. 6, Gürzenich-Orchester, Markus Stenz

 Das mahlerische Doppelubeljahr 2010/2011 – der Komponist, der in seiner Zeit vor allem als Dirigent Beachtung fand, wurde 1860 im Böhmischen geboren und starb 1911 in Wien – hatte eine Fülle von (Gesamt-)Einspielungen zur Folge, beipielsweise des Zürcher Tonhalle-Orchesters, der Bamberger Symphoniker, des Gürzenich-Orchesters. Die Kölner können sich auf eine lange Mahler-Tradition berufen, brachten sie doch im Oktober 1904 unter Mahlers Stabführung dessen Fünfte (für Nicht-Mahlerianer: das ist die mit dem nahezu immer zu langsam gespielten Adagietto, Stichwort Visconti, „Tod in Venedig“) zur Uraufführung. Mit der Neunten und dem Adagio aus der (unvollendet gebliebenen) Zehnten wird das Gürzenich noch in diesem Jahr seinen Zyklus komplett machen. Jetzt ist unter seinem scheidenden Chefdirigent...


23.06.2014

The Hillard Ensemble - Renaissance Masterpieces

 Zu den maßgeblichen Vokalensembles unserer Tage zählt zweifelsohne das Hilliard Ensemble. Nach vier Dekaden gehen die Engländer nun auf Abschiedstournee. Wer keine Karten mehr bekommt für Speyer (4. Juni, gemeinsam mit Singer Pur) oder Fürstenfeldbruck (Klosterkirche, 13. Juli, mit dem Saxophonisten Jan Garbarek), dem bleibt als Trost für den heimischen Plattenteller eine feine Dreifach-CD, die den „Hilliard Sound“ an exemplarischen Meisterstücken aus der Renaissance aufs Schönste vorführt. Es ist das Kernrepertoire des Ensembles, das sich nach dem elisabethanischen Miniaturenmaler Nicholas Hilliard benannt hat, wobei es längst auch Ausflüge macht etwa in die deutsche Romantik zu Schubert und sich gleichermaßen um Werke des 20. und 21. Jahrhunderts verdient gemacht hat, insbesondere um jene von Ar...


23.06.2014

Faey - Golden Apples

 Hinter Faey verbirgt sich das Bamberger Duo Sandra Elflein (Vocals) und Dominik Schödel (Schlagzeug), die neben vier Gastmusikern auf ihrem Debütalbum „Golden Apples“ vor allem von Simon Michael Schmitt unterstützt wurden. Multitalent Schmitt ist Schlagzeuger von Subway To Sally, einem der wichtigsten Aushängeschilder der deutschen Mittelalter-Rockszene und hat kürzlich mit dem Kinderbuchautor Paul Maar die CD „Wenn das Faultier Tango tanzt – Lieder vom Sams & Co.“ veröffentlicht. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Faey ihre zwölf Stücke umfassende historische Zeitreise von ihm kongenial veredeln ließen. Während die Instrumentierung den stilistischen Vorgaben angepasst ist, zeichnen sich die Lyrics aus der Feder Elfleins vor allem durch Individualität und Tiefgang aus. Die ...


23.06.2014

Von Lavendel, Olivenöl und Cézannes Mont Ventoux

 Man sollte meinen, an Reiseführern durch die Provence, sogar an guten, mangele es nicht. Um es gleich zu sagen: Michael Bengels „Lesereise“ in und durch die Lavendellandschaft ist eine Bereicherung des bereits bestehenden Kanons. Wie der Titel schon verkündet, ist der schmale, in der feinen Picus-Reihe aus Wien herausgekommene Band vor allem zur Lektüre gedacht, und die darf auch gern im heimischen Sessel stattfinden. Ganz ohne Fotos auskommend, entstehen doch vor dem (inneren) Auge des Lesers eindringliche Bilder, die man so schnell nicht vergessen wird. Durch flirrende Olivenhaine und vorbei an Mühlen aus Granit geht es nach Mouriès, wo das „allerbeste Öl“ gewonnen wird, und dass sich hinter viel Olivenöl und einem Rest an „Wasser, Handwerk, Salz und Schweigen“ das Geheimnis der Seifensiederei ve...


23.06.2014

Brunos sechster Fall im Périgord

Geboren ist Michel de Montaigne (1533 bis 1592), der große Essayist, Philosoph, Politiker und eben auch Reiseschriftsteller, auf dem Familienstammsitz Schloss Montaigne im Périgord. Und im Périgord, das von Touristen noch immer häufig und völlig zu Unrecht links liegen gelassen wird, spielen (bekanntlich, muss man nach nun sechs Fällen hinzufügen) die Kriminalromane von Martin Walker. In deren Zentrum steht Bruno, überaus sympathischer Chef de police von Saint-Denis, (noch) Junggeselle, Gourmet, Koch, Tierfreund (ohne Hund, ohne Pferd, ohne seine beiden Napoléon und Joséphine geheißenen Gänse ist er kaum zu denken; auch kann Bruno die „Grasmücken, Wiedehopfe, Heidelerchen und Spechte an ihren Stimmen unterscheiden“). Wie schon oft verknüpft Walker auch in „Reiner Wein“ wied...


23.06.2014

Von Nierensteinen und gutem Brot

 Zu den Klassikern der Frankreich (und Italien) in den Blick nehmenden Reiseliteratur zählt zweifelsohne Laurence Sternes „Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“ (1768; bereits im gleichen Jahr ins Deutsche gebracht von Johann Joachim Christoph Bode). Der Protagonist des letzten Romans von Sterne, sein Alter Ego, ist freilich kaum über Paris hinausgekommen. Anders war das knapp zwei Jahrhunderte zuvor bei Michel de Montaigne (den Bode ebenfalls übertragen hat, dessen Hauptwerk, die „Essais“), der sich wie Yorick/Sterne aus gesundheitlichen Gründen – es plagen ihn Koliken, und von ausgeschiedenen Steinen berichtet Montaigne immer wieder – „nach dem Essen“ am „Montag, den fünften September 1580“ von Beaumont bei Paris aufmacht zu einer „Reise nach Italien über d...